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Wir, deine Verstecke
Zu den Lesungen am 25. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Jes 55,69
Evangelium: Mt 20,116a
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Fragen zum Eidgenössischen Dank- Buss- und Bettag: Können
wir umkehren von Wegen, die sich als unheilvoll erweisen? Trauen
wir uns neue Wege und neue Gedanken zu? Wo und wie begegnen wir
Gott dabei? Fragen im Gespräch mit den Lesungstexten.
Mit Israel lesen
Die Übersetzung des ersten Verses des Lesungstextes ist richtungsweisend
für die Auslegung. «Suchet den Herrn, solange er sich
finden lässt . . .» lautet er in der Einheitsübersetzung.
Buber und Rosenzweig dagegen übersetzen: «Suchet Ihn,
da er sich finden lässt!». Benennt der erste Vers das
Problem von Gottes (zumindest zeitweiliger) Abwesenheit oder ruft
er gerade Gottes Anwesenheit ins Bewusstsein? Zum menschlichen Leben
gehören beide Erfahrungen. Die hebräische Präposition
«be» im Urtext lässt beide Übersetzungen zu.
In seiner Grundbedeutung ist «be» eine Ortsangabe: «Sucht
Gott in seinem Sich-fi nden-lassen, ruft ihn in seinem Nahesein».
Ein räumliches Verständnis hält die Spannung der
gegensätzlichen Erfahrungen aus. Es eröffnet zwischen
Menschen und Gott einen Raum, in dem Begegnungen geschehen, in dem
aber auch die Verborgenheit und Abwesenheit des Anderen erfahren
werden kann und ausgehalten werden muss. Das räumliche und
spannungsreiche Verständnis kommt unserer Lebenserfahrung vielleicht
am nächsten. Das lässt sich durchaus verallgemeinern
mit einer chassidischen Geschichte: «Ein Rabbi sagt zu seinen
Schülern: Wisst ihr, das Wort Gottes ist keine Lehre. Wenn
wir es lesen oder hören sind wir nicht gescheiter als vorher
. . . Nein! Das Wort Gottes ist eher ein Raum. Und wir sind eingeladen,
hineinzugehen, zu tasten, wahrzunehmen mit allen Fasern unseres
Lebens, was das Wort uns hier und heute sagen will.»1 Das
Wort Gottes in diesem Raum konfrontiert uns auch mit Schweigen oder
mit Erlebnissen, in denen wir keinen Sinn finden. Das Volk Israel
hat immer wieder schreckliche Erfahrungen machen müssen, in
denen es sich von Gott im Stich gelassen fühlte. In der Leseordnung
der Synagoge wird der Jesaja-Text der Toralesung aus Dtn 31 zugeordnet.
Dort spricht Gott: «An jenem Tag wird mein Zorn gegen sie
entbrennen. Ich werde sie verlassen und mein Angesicht vor ihnen
verbergen» (31,17). Und ein Midrasch lehrt: «Das Gebet
wird mit einem Tauchbad verglichen, die Umkehr aber mit dem Meer.
Wie das Tauchbad bald off en, bald geschlossen ist, so sind die
Tore des Gebetes bisweilen geschlossen, bisweilen geöffnet.
Doch das Meer ist für immer geöffnet. So sind auch die
Tore der Umkehr für immer geöffnet»2. Der Hinweis
auf das Tor der Umkehr, das immer geöffnet ist, führt
uns zurück zum Lesungstext. Erwähnt werden muss aber zuvor,
dass die Ansicht, die Tore des Gebetes seien zeitweilig geschlossen,
innerhalb der rabbinischen Auslegung selbstverständlich nicht
ohne Widerspruch blieb. «Rabbi Anan entgegnete: Die Tore des
Gebetes sind nicht minder für immer geöffnet, wie es heisst
(Dtn 4,7): <. . . wie der Herr, unser Gott, den wir immer anrufen
(können)>»3. Die rabbinische Auslegung, die ein Gespräch
mit und zwischen Bibeltexten führt, entwickelt keine einheitliche
und widerspruchsfreie Lehre, ist aber Orientierungshilfe und Wegweiser
auf dem Weg durch den Raum des Wortes Gottes.
Zurück zum Lesungstext. Der zweite Vers (55,7) ruft zur Umkehr
auf ein Tor zu Gott, das niemals verschlossen ist. Die Bibel
unterscheidet sich radikal von der antiken Tragödie. Nichts
ist unausweichlich. Es gibt kein unabwendbares Verhängnis,
nichts im persönlichen Leben und nichts in der Politik, was
nicht auch anders sein könnte. Nichts, was nicht anders werden
kann. Das ist begründet in der wesentlichen Eigenschaft Gottes,
der Barmherzigkeit. Das hebräische Wort für Barmherzigkeit,
die in 55,7 angeboten wird, ist verwandt mit dem Wort rechem, Mutterschoss.
Ein Neuanfang, eine neue Geburt, ist jederzeit möglich.4 Unser
Text spricht wörtlich von der Grosszügigkeit Gottes im
Vergeben.
«Das Meer, das immer offen ist», «der Mutterschoss
der Barmherzigkeit», «die Grosszügigkeit»
der Bibeltext und die Auslegung finden Bilder aus dem Raum
menschlicher Erfahrung, in denen wir dem Geheimnis Gottes näherkommen.
Jes 55,8 setzt dann aber auch eine klare Grenze als Spruch
Gottes: «Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure
Wege sind nicht meine Wege.» Meint der Text eine radikale
Andersheit zwischen Gott und den Menschen im Denken und auf den
Wegen des Vergebens? Rabbi D. Kimchi hat das so verstanden: «Hat
sich jemand gegen seinen Nächsten etwas zuschulden kommen lassen,
so rächt sich dieser an ihm und verzeiht ihm nicht. Selbst
wo er ihm äusserlich (sichtbar) verzeiht, bewahrt er ihm (das
Rachegefühl) im Herzen».5 Wir alle kennen das, es ist
nur allzu menschlich. Aber wir kennen auch das Gegenteil als zutiefst
menschliche Erfahrung: Menschen verzeihen und vergeben einander.
Hier sind Gottes Gedanken und Wege also nicht völlig anders
als die der Menschen. Deswegen liegt es näher, Vers 7 in Abgrenzung
zu Vers 6 zu verstehen. Die Wege des Ruchlosen und die Pläne
des Frevlers sind nicht die Gedanken und Wege Gottes. Wer Unheil
plant oder tut, soll umkehren und sich an den ganz anderen Gedanken
und Wegen Gottes ausrichten. Gott traut den Menschen die Umkehr
zu. Er lädt dazu ein, fordert dazu heraus. Gleichzeitig entlastet
er von Überforderung und warnt vor Allmachtsgefühlen.
Denn obwohl wir uns an Gottes Wegen und Gedanken ausrichten können,
wird es uns doch immer nur fragmentarisch gelingen. Der Abstand
und die Unvergleichbarkeit mit Gott bleiben bestehen, betont Jes
55,9. Gott mag es gelingen, Versöhnung und Vergebung auch noch
zwischen dem schrecklichsten Gewalttäter und seinen Opfern
zu bewirken. Wir Menschen spüren die Sehnsucht danach, auch
wenn wir uns nicht vorstellen können, wie es geschehen soll,
ohne dass es zu etwas kommt, das die Leiden der Opfer nachträglich
noch verhöhnt. Das bleibt ein Geheimnis im Raum des Wortes
Gottes. Die Richtung dahin ist uns aber durch Gottes Wege und Gedanken
gewiesen.
Mit der Kirche lesen
Das Evangelium, das Gleichnis von den Arbeiterinnen und Arbeitern
im Weinberg, kann durchaus als ein Midrasch, eine Auslegung des
Verses von der Grosszügigkeit Gottes in Jes 55,7 verstanden
werden genauso wie das Gleichnis vom barmherzigen Vater in
Lk 15, wo es noch expliziter um Barmherzigkeit und Vergebung geht.
Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die den ganzen Tag hart gearbeitet
haben und über sie alle Hörerinnen und Hörer
des Gleichnisses sind aufgerufen, den Wegen und Gedanken
des Weinbergbesitzers zu folgen. So kommt das Reich der Himmel,
das uns mitunter abgehoben wie ein Luftschloss auf Wolken zu schweben
scheint, zur Welt und wird unter uns geboren. So tut sich in der
Beziehung zwischen Menschen ein Raum auf, in dem Gott verborgen
im Mitmenschen anwesend ist. «Wir, deine Verstecke»,
hat Kurt Marti das genannt. Ob Gott als anwesend oder abwesend erfahren
wird, zeigt sich darin, wie sehr sich Menschen an Gottes Wegen und
Gedanken ausrichten.
1 Zitiert nach: www.bibliodramaundseelsorge.ch
2 Zitiert nach: R. Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen
Quellen, Bd. 2. Stuttgart 21995, 247.
3 Ebd.
4 Gott als Geburtshelfer ist Thema der folgenden Verse Jes 55,1011,
vgl. SKZ 176 (2008), Nr. 2728, 462.
5 Zitiert nach Gradwohl, 253.
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