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Was will Gott? Wachsende Komplexität
Zu den Lesungen am 15. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Jes 55,1011
Evangelium: Mt 13,123
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«Gott will es!» Der Grundsatz des religiösen Fundamentalismus
und die Zauberformel um Verantwortung abzugeben. Vermutlich wäre
es sinnvoll und theologisch, die Antwort auf die Frage, was Gott
will, konsequent zu verweigern. Für einmal sei es hier trotzdem
gewagt, mit wachsender Komplexität.
Mit Israel lesen
Der kurze Lesungstext provoziert die Frage: Was will Gott? Wozu
sendet er sein Wort aus? Die Antwort darauf gibt ein Gleichnis:
Es erzählt davon, was Regen und Schnee bewirken. Wo die Einheitsübersetzung
als erste Wirkung vom Tränken der Erde spricht, steht im Hebräischen
eine Form des Verbes jalad, gebären (lassen). Das Wort weckt
Bilder von Zeugung und Geburt, von Geburtshilfe und Hebammendiensten.
Regen und Schnee sind geburtsauslösende Mittel. Sie lassen
Neugeborenes wachsen und in die Höhe spriessen. Dabei lassen
Regen und Schnee ganz Unterschiedliches wachsen, junges Grün,
alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, alle Arten von Bäumen,
die Früchte bringen mit ihrem Samen darin (Gen 1,12). Wer in
den letzten verregneten Wochen einen Blick für Gärten,
Wiesen und Wälder hatte, konnte das sehen. Der Bezug zu Gen
1 an dieser Stelle ist bewusst: Das Wort-Gottes-Gleichnis in Jes
55 ist Schöpfungstheologie.
Regen und Schnee sind es nach Jes 55 auch, die Saatgut und Brot
geben. Der Text unterschlägt den Anteil menschlicher Arbeit
und Kulturtechnik, die nötig sind, um aus dem Gewachsenen Saatgut
und Brot zu machen. Er spricht damit deutlich aus, wie abhängig
sich die Menschen im vorderen Orient trotz aller ausgereifter
agrarischer Fähigkeiten vom Regen, der vom Himmel fällt,
gefühlt haben. Trotzdem klingt natürlich an, dass Menschen
wesentlich daran mitwirken, dass Saatgut und Brot, also Mittel zum
menschlichen Leben, entstehen. Warum wird das Saatgut vor dem Brot
genannt? So wird betont, dass die Wirkung des himmlischen Überflusses
auf Zukunft ausgerichtet ist. Nicht nur das heutige, sondern das
tägliche Brot soll vorhanden sein, auch morgen wieder, nach
der nächsten Aussaat, für kommende Generationen. Die Verantwortung
dafür muss denen, die heute Brot essen, vor Augen stehen. Ein
Midrasch, eine erzählende Auslegung dieser theologischen Überzeugung,
ist Gen 25, die Geschichte von Jakob und Esau, dem Linsengericht
und dem Erstgeburtsrecht. Esau ist nur am sofortigen Essen interessiert.
Jakob übernimmt mit dem Erstgeburtsrecht eine besondere Verantwortung
für die Zukunft.
Die Wirkung des Regens und des Schnees ist Gleichnis für das
Wort Gottes. Also ist auch das Wort Gottes Geburtshilfe für
vielfältiges Leben. Eine Bibelarbeit mit dem Schöpfungsbericht
von Gen 1 zeigt das. Zunächst ist ein rundes schwarzes Tuch
in der Raummitte sichtbar. Der Text wird vorgelesen. Nach den Worten
«Und es wurde Licht» (1,3) wird die Hälfte des
Tuches umgedreht und ein gelbes Tuch kommt zum Vorschein. Nach den
Worten «und so geschah es» (1,7) werden das schwarze
und das gelbe Tuch von der Mitte nach aussen gerollt, so dass «Finsternis»
und «Licht» die Mitte umschliessen. Dazwischen werden
blaue Tücher sichtbar, die horizontal geteilt sind. Nach 1,9
wird die untere blaue Hälfte zur Seite geschoben, so dass ein
braunes Tuch, das «Land» zum Vorschein kommt, das «Meer»
aber noch da ist. Nach 1,11 wird ein grünes Tuch auf das braune
Land gelegt. Nach 1,15 werden eine grosse Kerze auf die Lichtseite
und eine kleine Kerze auf die Finsternisseite gestellt. Glaslinsen
werden als Sterne über den Nachthimmel gestreut. Nach 1,21
und 1,24 werden ausgeschnittene Papiervögel und Fische bzw.
Landtiere an ihren Ort gelegt. Nach 1,28 werden zwei Menschenfiguren
ins Bild gestellt. Die Schöpfung wird sichtbar als eine Entfaltung
von Unterschieden, als wachsende Komplexität, als ein Raum,
in dem Vielfalt Gegensätze und Widersprüche inklusive
neben- und miteinander existieren.
Nach jüdischem Verständnis stehen Schöpfung und
Tora in enger Beziehung: Gott hat die Welt durch die Tora geschaffen;
die Tora ist der Bauplan der Welt; die Tora ist ihre innere Seele
Die Tora gleicht darum der Schöpfung in ihrer Vielfältigkeit.
Sie ist für das Volk Israel ein Lebensmittel, Weisung zum Leben.
Sie kommt von Gott und ist dem Menschen gegeben, damit er sie bebaue
und hüte. Die Auseinandersetzung mit der Tora gleicht der Arbeit
in und mit der Natur. Die Bewahrung und Auslegung der Tora macht
aus ihr das Mittel, das Menschen zum Leben brauchen, heute und morgen.
Die Tora ist Wort Gottes in dem dynamischen Wortsinn des
Hebräischen: In ihr wirkt Gott. Sie ist Geschenk Gottes, aber
sie ist «nicht im Himmel» (Dtn 30,12). Eine berühmte
Geschichte erzählt vom Streit zwischen Rabbinern. Rabbi Eliezer
wird dabei von Wundern unterstützt: Ein Baum bewegt sich, ein
Fluss fliesst rückwärts, die Wände des Lehrhauses
neigen sich. Sogar eine Himmelsstimme tritt für ihn ein. Die
Mehrheit der Rabbinen bleibt aber bei ihrer Auslegung und begründet
ihre Eigenständigkeit selbst Gott gegenüber mit der Tora:
«Die Tora ist bereits vom Berg Sinai her verliehen worden.
Wir achten nicht auf die Himmelstimme, denn bereits hast du am Berg
Sinai in die Tora geschrieben: nach der Mehrheit zu entscheiden
(Ex 23,2).»1 Die Mehrheit entscheidet in der Regel
nach komplexen Diskussionen. Die jüdische Tradition überliefert
auch die unterlegene Meinung der Minderheit. Unter veränderten
Bedingungen kann sie lebenswichtig sein. Wichtiger als die endgültige
Entscheidung ist der dynamische und komplexe Prozess der Auseinandersetzung.
Für diesen Prozess wachsender Komplexität will Gottes
Wort Geburtshilfe sein. Wir sind herausgefordert und ermächtigt,
die Welt so zu mitzugestalten, dass sie Lebensraum für vielfältige
Lebensformen und Lebensweisen ist in dieser und der nächsten
Generation.
Mit der Kirche lesen
Im Matthäusevangelium klinkt sich Jesus in die jahrhundertealte
Debatte um die wachsende Komplexität ein mit einem Gleichnis.
Er ergänzt die Wort-Gottes- und Schöpfungstheologie um
drei Aspekte:
1. In Ergänzung zu Jesaja lenkt er den Blick vom Himmel, aus
dem der Regen fällt, auf den Boden, auf den das Saatgut des
Sämanns trifft. Beides gehört eng zusammen. Jesus und
Jesaja widersprechen sich nicht, sondern sprechen miteinander und
setzen je unterschiedliche Akzente je nachdem in welche Situation
hinein sie sprechen.
2. In Ergänzung zur rabbinischen Auseinandersetzung um die
Toraauslegung weitet er den Blick auf die Wirkung des Wortes im
Herzen jedes Menschen. Die Tora ist nicht nur den Schriftgelehrten
gegeben, sondern dem ganzen Volk. Kein Rabbiner würde hier
dem Rabbi Jesus widersprechen, viele würden aber vermutlich
das Gespräch um weitere wesentliche Gesichtspunkte ergänzen.
3. In guter biblischer Tradition ergänzt Jesus die Schöpfungstheologie
um die Rede vom Gericht. Die Schöpfung bietet Raum für
Vielfalt. Alles ist möglich. Aber es ist für uns Menschen
nicht alles gleich gültig. Wir kommen nicht darum herum, uns
mit den Folgen unseres Tuns auseinanderzusetzen.
1 Zitiert nach Alexander Deeg: Predigt und Derascha. Homiletische
Textlektüre im Dialog mit dem Judentum. Göttingen 2006,
82. Diese Auslegung von Ex 23,2 ist selbst wieder eigenwillig, allerdings
wird erzählt, dass Gott selbst nach diesen Ereignissen lacht
und sagt: «Meine Kinder haben mich besiegt» (ebd.).
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