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Jeden Morgen üben
Zu den Lesung am Palmsonntag
Alttestamentliche Lesung: Jes 50,47
Evangelium: Mt 26,14-27,66 oder 27,11-54
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Mit Israel lesen
Martin Buber und Franz Rosenzweig übersetzen den ersten Vers
des Lesungstextes etwas anders als die Einheitsübersetzung
(EÜ):
«Gegeben hat ER, mein Herr, mir eine Lehrlingszunge. Dass
ich wisse, den Matten zu ermuntern, weckt er Rede am Morgen. Am
Morgen weckt er das Ohr mir, dass ich wie die Lehrlinge höre.»
Zweimal kommt die Zeitangabe «am Morgen» vor, zweimal
wird geweckt, einmal eine Rede, einmal das Ohr. Diese Übersetzung
kommt dem hebräischen Urtext näher, in dem sich die Worte
«am Morgen» (baboqär) und «er weckt»
(jair) wirklich je zweimal finden. Der Doppelausdruck «baboqär
baboqär» lässt sich mit «Morgen für Morgen»
oder «jeden Morgen» übersetzen, aber warum weckt
Gott zweimal?
Die rabbinische Auslegung geht davon aus, dass ein Wort, das mehrmals
vorkommt, etwas besonders Wichtiges zum Ausdruck bringt. Das zweimalige
Wecken ermöglicht das Sprechen und das Hören, also ein
Gespräch. Von Rabbi Naftali von Robschitz ist folgender Ausspruch
über ein inneres Gespräch am Mor gen überliefert:
«Wenn ich mich in meiner Kindheit anschickte, früh zum
Morgengebet aufzustehen, kam die böse Neigung zu mir und flüsterte
mir liebevoll ein: Warum beeilst du dich so? Draussen ist
ja noch Nacht. Ausserdem ist es heute sehr kalt. Lass dir Zeit.
Schlafe noch ein wenig. Dann wandte ich mich gegen sie und
sagte zu ihr: Rede doch nicht so daher! Du bist ja selbst
schon voll bei der Arbeit.»2
Eines solchen Vaters Kind zu sein, ist vermutlich nicht einfach.
Aber Gott weckt auch das Ohr der Kinder, damit sie ihren Eltern
genau zuhören können, und er weckt stärkende Reden.
Das erfährt Rabbi Naftali als er seinen zehnjährigen Sohn
rügt: «Was du da getan hast, war nicht gut!»
«Vater, ich konnte nicht anders. Die böse Neigung war
stärker als ich!» «Richtig, da kannst du
dir an ihr ein Beispiel nehmen: Sie verrichtet treu die Arbeit,
zu der sie erschaff en wurde.» «Ja, aber sie
wird auch nicht von einer bösen Neigung daran gehindert, ihre
Aufgabe zu erfüllen!»3
Das ist ein Lehrgespräch. Der Rabbi lehrt seinen Sohn klare
Werte und Unterscheidungen: «Was du getan hat, war nicht gut.»
Er lehrt ihn auch, die Verantwortung für das eigene Tun nicht
abzugeben: «Die böse Neigung war stärker als ich.»
Aber gleichzeitig lehrt er ihn mit- und weiterzudenken. Er hört
zu und geht auf die Rede seines Sohnes ein. Das aufgeweckte Kind
lehrt seinerseits den Rabbi, dass das Leben mit den verschiedenen
vorhandenen oder fehlenden Neigungen oftmals noch eine Spur komplizierter
ist als zunächst gedacht. Das kurze Gespräch ist ein Modell
für die Auseinandersetzung mit dieser Komplexität. Beide
sind dabei hellwach und gehen gestärkt daraus hervor.
Beide Beteiligte am Gespräch lehren und lernen, wie es für
das jüdische Verständnis ganz wesentlich ist. Das kommt
auch im Lesungstext zum Ausdruck: Es ist die Zunge eines Lehrlings,
die den Matten ermuntert. Im Hebräischen steht an dieser Stelle
das Wort «limudim». Die aramäische Übersetzung
der Bibel, das Targum, verwendet dafür den Ausdruck «Lehrer
malfin». Rabbi Salomo ben Isaak (Raschi) übersetzt:
«Eine Zunge, die zu unterrichten vermag.» Limudim sind
also gleichermassen Lehrende und Lernende. Sie haben gemeinsam,
dass sie auf das Üben angewiesen und unterscheiden sich allenfalls
im Grad ihrer Geübtheit. Denn Rabbi Salomo Ibn Melech schreibt:
«Bei limudim handelt es sich um Lernen und Übung».
Entsprechend heisst es in einem Kommentar zum Jesajabuch von A.
B. Ehrlich: «Limudim heisst nicht Jünger, sondern Geübte,
in diesem Zusammenhang speziell in Reden Geübte».4
Hier wird das Üben hoch geschätzt und damit auch das
Unvollendete und Vorläufige, aber auch der Lernprozess, das
immer wiederkehrende Einüben baboqär baboqär
zu dem das Fehlermachen und daraus lernen wesentlich dazugehört.
Lehren und lernen bekommen die Zeit und den Freiraum, die sie eben
brauchen und die heute immer weniger gewährt wird, weil die
Schnelligkeit von Resutalten über alles geht und nur die möglichst
perfekten Siegerinnen und Sieger wahrgenommen werden.
Die geübte Zunge stärkt. Rabbi Kimchi und Raschi bringen
das hebräische Verb «laut » in Verbindung
mit «et Zeit» und schreiben: ««laut
meint, etwas zu seiner Zeit tun» (Kimchi), «sich Zeit
für eine Sache einrichten» (Raschi). Um bestärkend
zu wirken, braucht es (die richtige) Zeit. Es geht nicht in Eile
und nicht zu jeder Zeit.
Wer sind die «Müden», die gestärkt werden
sollen? In der jüdischen Auslegung sind es die Glaubensmüden,
die Resignierenden. «Leute, die der prophetischen Reden überdrüssig
geworden und des langen Wartens auf die Erfüllung der Verheissungen
Gottes müde sind» (A. B. Ehrlich) bzw. «die Leute,
deren Kraft wegen der Leiden des Exils verbraucht sind» (A.
Chacham).5 Der Weckruf am Morgen ist offensichtlich nicht nur für
Menschen wichtig. Es stellt sich die Frage, ob angesichts der Leiden
nicht auch Gott geweckt werden muss. Die Psalmen sprechen immer
wieder von einem morgenlichen Anruf an Gott (Ps 5,4; 88,14). Ps
44,2324 ruft es klagend aus, in Worten, die den Gottesknechtsliedern
nahekommen, zu denen ja der Lesungstext gehört: «Um deinetwillen
werden wir getötet Tag für Tag / behandelt wie Schafe,
die man zum Schlachten bestimmt hat. Wach auf! Warum schläfst
du, Herr? / Erwache, verstoss nicht für immer.»
Diese Verse wurden im Jerusalemer Tempel täglich von einer
besonderen Sängergruppe, den «Weckenden» (meorrin)
gesungen. Das Ritual wurde erst unter dem Hohenpriester Johannes
Hyrkanus (135104 v. u. Z.) abgeschafft, mit der Begründung:
Gott, der nicht schläft (Ps 121,4), kann auch nicht aufgeweckt
werden. Abgeschafft. Davon berichtet die Mischna im Traktat Sota,
IX,10.
Die Vorstellung, dass Menschen Gott wecken, dass sie ihn wach-
und zum Eingreifen aufrufen, entspricht einer wechselseitigen Beziehung,
wie sie auch im Lehren und Lernen zum Ausdruck kommt: Gott und Mensch
hören aufeinander, sprechen miteinander, lernen voneinander,
sind aufeinander angewiesen, stärken einander. Dies gilt gerade
angesichts der leidvollen Seiten des oft unverstehbar komplizierten
Lebens und der trotzdem erhoff ten und eingeforderten Gerechtigkeit
(vgl. Jesaja 50,89).
Mit der Kirche lesen
Am Palmsonntag, bei der Erinnerung an den Einzug Jesu nach Jerusalem,
werden die Rufe der Menschen am Weg hörbar: «Gesegnet
sei der König, der kommt im Namen des Herrn» (Lk 19,38).
Im Lukasevangelium sind es die Stimmen der Jünger Jesu. Hoffnungen
auf die Erfüllung der Verheissungen, auf das Ende der Leiden,
werden laut, Müde und Matte lassen sich wecken. Wieder werden
Hoffnungen enttäuscht werden. Ein anderes Bild wird uns zugemutet,
das des leidenden Gottesknechts aus Jesaja. Angesichts des Leidens
und des Zerbrechens von Hoffnungen sprechen wir mit einer Lehrlingszunge,
stammeln, sind bestenfalls Übende baboqär baboqär.
Wir stehen in Beziehung zu einem Gott, der unser Ohr weckt, damit
wir genau hinhören und der geweckt werden will durch unser
Rufen.
1 Die alttestamentliche Lesung des Lesejahres A ist identisch mit
dem Lesejahr C, hier sei deshalb auf den Beitrag von Winfried Bader
in: SKZ 175 (2007), 194, verwiesen.
2 Zitiert nach Viktor Malka: Sterne der Weisheit. Perlen jüdischer
Mystik. Freiburg 2007, 72.
3 Ebd.
4 Alle Hinweise zur Übersetzung von limudim nach Roland Gradwohl:
Bibelauslegung aus jüdischen Quellen Band II. Stuttgart 21995,
172 f.
5 Zitiert nach Gradwohl, Bibelauslegung, 175.
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