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Es lebe der Unterschied!
Zu den Lesungen am 8. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Jes 49,1415
Evangelium: Mt 6,2434
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Kennen Sie die Rätsel, bei denen man in zwei scheinbar gleich
aussehenden Bildern 10 versteckte Unterschiede finden muss? Das
ist ein gutes Training für das Lesen und Auslegen von Bibeltexten.
Mit Israel lesen
Der Lesungstext ist ein Gespräch zwischen Israel (Zion) und
Gott. Das erste Wort hat das Volk. Es klagt: «Der Herr hat
mich verlassen, Gott hat mich vergessen.» Der jüdischen
Auslegung ist die zweifache Nennung des Gottesnamens an dieser Stelle
aufgefallen (JHWH und Adonaj). Im Hebräischen ist der Akzent,
der damit gesetzt wird, noch deutlicher: Der Ausruf besteht nur
aus vier Worten, zwei davon sind der Name Gottes. Warum zweimal?
Was ist der Unterschied? Ein Midrasch formuliert: «Es heisst
hier nicht: Zion sagte: Verlassen hat mich der Herr und vergessen,
sondern Verlassen hat mich der Herr, und der Herr hat mich
vergessen. Was bedeutet der Herr, der Herr?
Es (Zion) sprach zu Ihm: Sogar die beiden Eigenschaften der Barmherzigkeit,
die bei dir vermerkt sind Der Herr ist ein erbarmungsvoller
und gnädiger Gott (Ex 34,6) haben mich verlassen
und vergessen.»1 Die jüdische Auslegung findet die Begründung
für den zweifachen Gottesnamen in einer anderen Bibelstelle,
in der Gott mehrmals beim Namen genannt wird. In Ex 34,6 wird der
Gottesname dreizehnfach entfaltet (vgl. die Auslegung zum Dreifaltigkeitssonntag
in dieser Ausgabe). Durch den Bezug zu Ex 34 kommt die Barmherzigkeit
Gottes ins Spiel, die ebenfalls durch zwei Ausdrücke beschrieben
wird. So wird weitergefragt: Was ist der Unterschied zwischen «erbarmungsvoll»
und «gnädig»? Ibn Esra stellt fest. «Es gibt
auch einen Barmherzigen, der keine Kraft besitzt.»2 Das ist
bei Gott nicht der Fall. Seinem barmherzigen Wesen entspricht seine
Wirkmacht, sich gnädig zuzuwenden. Gottes Erbarmen wird immer
auch manifest. Beide Aspekte der göttlichen Barmherzigkeit
sind für das klagende Volk in Jes 49 nicht mehr erfahrbar.
In der gegenwärtigen Situation wohl die Erfahrung des
Exils ist nichts von gnädiger Zuwendung zu spüren,
es ist auch keine Beziehung zum barmherzigen Wesen Gottes mehr möglich.
Es bleibt nur noch der verzweifelte, verdichtete Klageruf der Verlassenen
und Vergessenen. Der Klageruf des Volkes besteht ausser dem Gottesnamen
noch aus zwei Verben, verlassen und vergessen. Die rabbinische Auslegung
interessiert sich auch hier für die Unterschiede. Dafür
versetzen sich die Rabbiner in Ehefrauen und Ehemänner. Rabbi
Abarbanel schreibt: «Es ist wie bei einem Mann, der seine
Frau verlässt und sich davonmacht.» Die Frau klagt: «Und
ausser diesem Verlassenwerden bin ich in Seinem Herzen auch vergessen
wie eine Tote.»3 Nicht nur verlassen, sondern auch noch vergessen
zu werden, das entzieht der Beziehung jede Lebensgrundlage. Resch
Laqisch erklärt: «Die Gemeinschaft Israels sprach vor
dem Heiligen, gelobt sei Er: Herr der Welt, wenn ein Mann
eine Frau nach seiner ersten Frau heiratet (die er offensichtlich
verlassen hat), so denkt er (doch zumindest) an das Tun der ersten.
Du aber hast mich verlassen und vergessen.» Das Vergessen
zerstört selbst die Erinnerung an die früheren gemeinsamen
Erfahrungen.
Die Klage des Volkes wird zur Anklage gegen Gott. Die traumatische
Erfahrung des Exils wurde ja zu bewältigen versucht, indem
man dahinter letztlich Gottes Wirken sah und das Exil als Strafgericht
für Israels Sünden deutete. Doch diese Deutung kommt an
Grenzen. Dagegen wird Klage und Widerspruch laut. Wie sehr Israel
auch gesündigt haben mag ist dies ein Grund für
Gott, noch den letzten Gedanken an das Volk aus seinem Herzen zu
verbannen? In der tiefsten Verzweiflung und Depression findet das
Volk die Kraft, genau und differenziert auf sich und und Gott zu
blicken, für sich selbst einzustehen und um die Beziehung zu
Gott zu kämpfen. In Klage und Anklage stellt sich Zion Gott
gegenüber und fordert ihn zur Beziehung heraus.
Gott nimmt die Herausforderung an und geht in Beziehung: «Kann
denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen
Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde, ich vergesse
dich nicht.» Gott vergleicht seine Beziehung zum Volk nicht
mit der eines Mannes zu seiner Frau. Ehen sind auch zu biblischen
Zeiten schon gescheitert. Nein, Gott will das Volk durch ein anderes
Bild seiner Treue versichern: der Beziehung einer Mutter zu ihrem
Kind. Das ist die grundlegende Beziehung des menschlichen Lebens.
Unser Leben entwickelt sich im Schoss der Mutter. Hier werden wir
getragen und genährt und auch als Geborene sind wir abhängig
von der Zuwendung anderer, jetzt nicht mehr ausschliesslich der
Mutter. An diese Grunderfahrung erinnert Gott sich und sein Volk.
Sie soll nicht vergessen gehen, weder bei Gott noch bei den Menschen.
Dreimal wendet sich Gott in diesem einen Vers gegen das Vergessen,
dass Leben nur in Beziehung möglich ist. Es spricht für
den biblischen Realismus, dass auch die Beziehung von Müttern
zu ihren Kindern nicht gegen reale Erfahrungen idealisiert wird.
Mütter haben ihre Kinder vergessen, von biblischen Zeiten an
bis in unsere Gegenwart. Und trotzdem kommt das Bild dieser Beziehung
der Vorstellung von Gottes Beziehung zu seinem Volk am nächsten.
Dadurch wird noch eine Verbindung zwischen dem Jes 49 und Ex 34,6
sichtbar. Gottes Beziehung zum Volk besteht in Barmherzigkeit. Das
ist sein Wesen und zeigt sich in gnädiger Zuwendung. Das hebräische
Wort für Barmherzigkeit rachamim geht zurück auf rächäm,
das Wort für den weiblichen Schoss, den Mutterschoss oder die
Gebärmutter. Gottes barmherzige Beziehung zu seinem Volk wird
ausgedrückt durch ein Wort, das die grundlegende Beziehung
jedes menschlichen Lebens mitbenennt. Dabei ist der Mutterschoss
der Ort einer ganz besonderen Beziehung. Hier entwickeln sich aus
engster Bezogenheit immer klarere Unterscheidungen. Hier differenziert
sich ein eigenständiges Wesen heraus. Hier beginnt Freiheit
in Bezogenheit.
Mit der Kirche lesen
Wir neigen dazu, unsere Anfänge zu vergessen. Wir vergessen,
dass unser aller Leben im Mutterschoss beginnt. Es beginnt damit,
dass wir von Anderen mit allem Lebensnotwendigen versorgt werden.
Wir leben nur, weil wir vor der Geburt und lange über die Geburt
hinaus mit Zuwendung beschenkt wurden, die wir uns nicht erst verdienen
mussten. Geschenkte Zuwendung ist die Grundlage allen Lebens. Als
Erwachsene müssen wir daran erinnert werden und Jesus tut das
im heutigen Evangelium. Er braucht nicht das Bild vom Mutterschoss,
er spricht von Vögeln und Lilien. Aber er meint das Gleiche.
Das wirklich Lebensnotwendige wird geschenkt. Vor der Geburt und
nach der Geburt, ein Leben lang. Leben bedeutet, weiter zu schenken,
was uns selbst geschenkt wurde. Dadurch wird das Reich Gottes und
seine Gerechtigkeit erfahrbar. Sich an den eigenen Anfang zu erinnern
und aus der Erinnerung daran zu leben, hilft sehr dabei, zwischen
der Beziehung zum Gott Mammon und der Beziehung zu Gott JHWH zu
unterscheiden.
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