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MC God oder Gott als Rapper
Zu den Lesungen am 7. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Jes 43,1826
Evangelium: Mk 2,112
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Die Rap-Musik entstand Ende der 60er Jahre in den afroamerikanischen
Grossstadtghettos und war Ausdruck des Kampfes schwarzer Jugendlicher
um ihre Identität und ihre Rechte. Rap geht zurück auf
Strassengangs, die sich mit kreativen und provozierenden Sprüchen,
zu denen auch gezielte Beleidigungen gehörten, einen verbalen
Schlagabtausch lieferten statt mit Fäusten oder Waffen
zu kämpfen. Discjockeys, die in Diskotheken und Clubs Platten
auflegten, übernahmen das und kommentierten die Musik in einem
eigenen Stil und Slang zunehmend in Reimen und zum Rhythmus
der Musik. Die besten DJs wurden als MCs bezeichnet, als «Master
of Ceremony». Später wurden bei Partys eigene Rapsongs
dazu genutzt, um die Menge anzuheizen und um sich selbst möglichst
vollmundig vor- und darzustellen.
Wenn man den Lesungstext singen wollte, dann würde sich dafür
Rapmusik bestens eignen. Gott tritt als Master of Ceremony auf.
Mit Israel lesen
Leider wird das in der verstümmelten Fassung der Leseordnung
nicht deutlich. Im Vers 26 fordert Gott seine Zuhörerinnen
und Zuhörer das Volk Israel, personifiziert als «Jakob»
(43,22) explizit heraus: «Lade mich vor, gehen wir
vor Gericht, verteidige dich, damit du recht bekommst», komm
schon, wehr dich doch endlich, zeig was du drauf hast! Die Verse
22 bis 24 sind voller Provokationen. Wie in einem Rapsong variieren
sie ein Thema und legen von Mal zu Mal in immer neuen Varianten
nach: «Du hast dir mit mir keine Mühe gemacht
/ du brachtest mir keine Lämmer als Brandopfer dar
ich
habe dich nicht zu Speiseopfern gezwungen
du hast mir für
dein Geld kein Gewürzrohr gekauft
mit deinen üblen
Taten hast Du mich geplagt». Der Hebräische Text verwendet
in diesen zwei Versen siebenmal das Wörtchen «lo»-
«nicht» wie den wiederholten Reim im Rap. Der
Text wirkt durch die Häufung der Details ironisch. Hier macht
sich jemand lustig über sein Gegenüber. Vor meinen Augen
entsteht das Bild von Gott und Israel an einer Strassenecke. Die
Israel-Gang ist stumm und steht mit dem Rücken zur Wand. Gott
beherrscht die Situation und setzt sich vollmundig und durchaus
selbstgefällig in Szene: «Ich, ich bin es, der um meinetwillen
deine Vergehen auslöscht» (Vers 25). Er schreckt auch
vor gezielten Beleidigungen nicht zurück, wenn er erwähnt,
dass die wilden Tiere der Steppe, die Schakale und die Straussen
(wörtlich: die Söhne der Straussen) ihn preisen, nicht
aber das Volk Israel. Strausse galten im Alten Israel als besonders
schnelle, allerdings auch als dumme Tiere (Ijob 39,1318).
Rapper «dissen» einander, machen sich gegenseitig herunter
(vom. engl. to diss). Die Erwähnung des Schakals hat dabei
einen drohenden Unterton: «Ich mache aus Jerusalem einen Steinhaufen,
eine Wohnung der Schakale» heisst es in Jer 9,10. Gott in
der Gesellschaft von Schakalen eine Art «Gangsta-Rap».1
Nimmt die Israel-Gang die Herausforderung an, verteidigt sich das
Volk Israel, geht es mit Gott vor Gericht, damit es recht bekommt.
Ja. Die Bibel erzählt eine Vielzahl von Geschichten, in denen
Menschen mit Gott verhandeln (u. A. Gen 18,1633), mit ihm
ringen und rechten (u. A. Ijob). Die rabbinische Tradition führt
das weiter. Am bekanntesten dafür ist die Erzählung von
den schiefen Wänden des Lehrhauses aus dem babylonischen Talmud
(b. Baba Mezia 59b, vgl. SKZ 12/2009). Bei einem Streit
über die Auslegung der Tora stand die Meinung Rabbi Eliesers
gegen die der anderen Rabbiner. R. Elieser rief nach einander einen
Baum, das Wasser eines Kanals und die Wände des Lehrhauses
zu Hilfe. Der Baum veränderte seinen Standort, das Wasser fl
oss rückwärts und die Wände begannen einzustürzen,
um R. Elieser zu unterstützen. Aber R. Josua sprach den Wundern
die Kompetenz in Fragen der Gesetzesauslegung ab. Die Wände
des Lehrhauses blieben daraufhin geneigt stehen, aus Respekt vor
beiden rabbinischen Streitparteien. R. Elieser rief schliesslich
Gott selbst zu Hilfe, und eine Stimme aus dem Himmel sprach zu seinen
Gunsten. Aber R. Josua entgegnete mit einem Zitat aus Dtn 30,12:
«Lo baschamajim hu» «Nicht im Himmel ist
sie (die Tora)!» Die Tora wurde am Sinai geoffenbart und damit
den Menschen zur Auslegung gegeben. Rabbi Josua stellt sein «lo»
selbstbewusst und herausfordernd dem siebenmaligen «Nicht»
Gottes in Jes 43 entgegen. Israel nicht Gott ist Master
of Ceremony der Toraauslegung. Die Geschichte ist damit aber noch
nicht zu Ende. Der Talmud erzählt, wie Gott sich nach diesem
Wortgefecht zurückzieht und dabei schmunzelnd sagt: «Meine
Kinder haben mich besiegt.»
Vollmundig von den eigenen Stärken sprechen, aggressiv aber
nicht gewälttätig2 in Auseinandersetzungen gehen
aber auch Grenzen akzeptieren und die eigene Begrenztheit achten
Eigenschaften, die die Texte als göttliche benennen
und damit den Ebenbildern Gottes zur Nachahmung empfehlen.
Die Verse Jes 43,2224 sind durchaus auch eine Auseinandersetzung
mit dem Opferdienst im Tempel. Im Exil, nach der Zerstörung
des Tempels sind die Opfer unmöglich, aber auch fraglich geworden.
Der Tempel war der Ort der Versöhnung zwischen Gott und Mensch,
der Ort ihrer geglückten Beziehung. Deuterojesaja verkündet,
dass Gott diese Opfer gar nicht fordert. Viel entscheidender für
die gelingende Gottesbeziehung sind die Taten der Menschen. Die
Rabbinen knüpfen an diese prophetische Opferkritik an. Das
Lehrhaus löst den Tempel ab. Die Aneignung der Tora, die Auseinandersetzung
mit ihr, das Leben mit und in der Tora rückt ins Zentrum.
Mit der Kirche lesen
In der Geschichte von den schiefen Wänden des Lehrhauses aus
dem Talmud kommt ein Haus in Bewegung. Im Evangelium geschieht das
Gleiche. Ein Dach wird abgedeckt. Der Blick zum Himmel wird frei.
Nichts versperrt die Beziehung zwischen Erde und Himmel und Erde,
zwischen den Menschen und Gott. Auch nicht die Sünden, die
üblen Taten, das Zurückbleiben hinter den eigenen Möglichkeiten.
Es ist bereits vergeben. Das Haus wird zum Tempel. Eine Auseinandersetzung
zwischen Toragelehrten entbrennt. Es stünde uns gut an, uns
an den geneigten Wänden des Lehrhauses auszurichten, d. h.
uns aus Respekt vor der einen Seite zu bewegen, aus Respekt vor
der anderen Seite aber nicht einzustürzen. Es gibt hier nicht
einfach Richtig und Falsch. Die Schriftgelehrten stellen die richtige
Frage: «Wer kann Sünden vergeben ausser dem einen Gott?»
Jesus antwortet im Vertrauen auf diesen einen Gott, der sich in
Jes 43,25 vollmundig vorgestellt hat: «Ich, ich bin es der
um meinetwillen deine Vergehen auslöscht.» Rabbi Jesus
legt dieses Wort heute so aus: «Deine Sünden sind dir
vergeben.» Er macht sichtbar, was Gott in Jes 43,19 verkündigt.
«Seht, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein,
merkt ihr es nicht?» Die Menschen im Lehrhaus, von dem das
Dach abgedeckt wurde, merken: «So etwas haben wir noch nie
gesehen.»
1 Die ersten Rapper (als old school bezeichnet) stammten aus der
Unterschicht und forderten Gerechtigkeit. Sie standen wie der biblische
Gott auf der Seite der Armen. Gott ist also old school. Die new
school des Rap ist geprägt durch Kommerzialisierung und hat
durch ihre Gewaltverherrlichung und Frauenverachtung zu recht ein
schlechtes Image.
2 Eine wichtige Unterscheidung vgl. «Aggressivität als
Lebenskunst», SKZ 175 (2007), Nr. 6, 86. Positiv verstandene
Aggressivität und Konkurrenz statt Gewalt steht ja auch am
Anfang der Rapmusik.
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