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Mild tätig sein
Zu den Lesungen am Fest Taufe des Herrn
Alttestamentliche Lesung: Jes 42,17
Evangelium: Mk 1,711
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«Aphorismen Prosamen». So beschreibt der jüdische
Schriftsteller Elazar Benyoetz, ein «deutsch schreibender
Israeli» (Harald Weinrich), sein Werk1. Seine Aphorismen stehen
in der Tradition der Spruchweisheiten des Alten Testamentes. Seine
Prosa-Samen lassen neue Bedeutungen aus den Worten spriessen, bringen
Verborgenes ans Licht. So auch in diesem Dialog: «Arbeiten
Sie hart? Ich bin nur mild tätig» (118), der uns
in den Lesungstext hineinführt.
Mit Israel lesen
Gott findet Gefallen an einer Person, die mild tätig ist.
Sie schreit nicht und lärmt nicht und lässt ihre Stimme
nicht auf der Strasse erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht sie
nicht und den glimmenden Docht löscht sie nicht aus. Der Erwählte
Gottes hat mit Rechtsprechung und Gericht zu tun, wie die jüdische
Bibelauslegung ausführt: «Er schreit nicht wie sonst
ein Richter, damit sich die Leute ihm anschliessen» (Ibn Esra);2
«er schreit die Prozessgegner nicht an, wenn er sie dann nötigt,
sein Urteil zu akzeptieren» (Rabbi D. Kimchi); Rabbi Elieser
von Beaugency deutet die Bildsprache des Textes so: «Ein geknicktes
Rohr das sind die Armen und Waisen, die nichts haben, worauf
sie sich angesichts ihrer mächtigen Widersacher zu stützen
vermögen»; «den armen Menschen, dessen Gesichtsglanz
wie ein glimmender Docht erblasst, wenn er im Gericht seinem Gegner
gegenübersteht, wird er nicht verlöschen (= vernichten)».
Rabbi Eliesers Deutung des glimmenden Dochtes verweist auf eine
Grundregel der Tora-Rechtsprechung in Lev 19,15: «Macht nicht
Verfälschung im Gericht. Emporhebe nicht das Antlitz eines
Geringen, verherrliche nicht das Antlitz eines Grossen, nach Wahrheit
richte deinen Volksgesellen» (Buber/Rosenzweig). Das Auftreten
des Erwählten Gottes ist eine Absage an jede Form von Rechtsbeugung.
Die Unterscheidung und dabei gleichzeitig enge Verbindung zwischen
Recht und Wahrheit von Lev 19,15 findet sich auch in Jes 42,3, wo
es wörtlich heisst: «Zur Wahrheit führt er [der
Gottesknecht] das Recht hinaus» (leider lässt uns die
Einheitsübersetzung hier weitgehend im Dunkeln sitzen). Für
die jüdische Auslegung bedeutet das: «Ein Recht der Wahrheit
ist keine abstrakte und keine objektive Gerechtigkeit, sondern eine
Gerechtigkeit, die wohl im Gericht nicht parteiisch ist, aber die
Bedürfnisse (der Parteien) berücksichtigt). Es ist eine
Gerechtigkeit, die nicht zerbricht, sondern rettet, und wenn sie
zerbricht, dann geschieht es um zu retten. Eine solche Gerechtigkeit
kann sich leicht mit Liebe und Barherzigkeit verbinden.»3
Das Recht der Wahrheit ist kein lebloses, sondern lebendiges und
lebensnahes Recht. Es ist das Gegenteil der sturen Anwendung von
starren Regeln, es ist eine schöpferische Tätigkeit. Der
Talmud formuliert: «Jedem Richter, der ein Urteil der Wahrheit
in seiner (vollen) Wahrheit fällt
rechnet es die Schrift
an, als sei er ein Partner des Heiligen, gelobt sei Er, beim Schöpfungswerk»
(b. Schabat 10a).
Und was bedeutet es, das der Gottesknecht das Recht der Wahrheit
hinausführt? Rabbi Kimchis Antwort nimmt die Bilder von Licht
und Dunkelheit aus Jes 42,67 auf: «Er wird das Recht
ans Licht bringen»,4 es hinausführen aus der Verborgenheit.
Das Recht darf nicht allein geschrieben stehen, es muss sich zeigen,
muss praktiziert und gelebt werden. Das heisst auch: Der Erwählte
Gottes erfindet kein neues Recht, er macht das Recht Gottes, seine
Gerechtigkeit und Wahrheit, sichtbar, stellt die Weisungen der Tora
in das Licht der Öffentlichkeit.
Der Blick auf den hebräischen Text zeigt, dass die Ausdrücke
von Vers 3 (geknicktes Rohr, verglimmender Docht) in Vers 4 mit
Blick auf den Erwählten Gottes wiederholt werden: «Er
verglimmt nicht, er knickt nicht ein». Die Formulierung der
Einheitsübersetzung («er wird nicht müde und bricht
nicht zusammen») verdunkelt diese Parallelität und steht
in der Gefahr ein Heldenbild zu konstruieren, das der Überforderung
und Selbstausbeutung das Wort redet: Vorsicht! Hart arbeitende Gottesknechte
am Werk! Stattdessen sieht Rabbi Gradwohl in der Gestalt des Gottesknechtes
einen «Antiheld, der von Gott «gestützt»
werden muss, der um die Begrenztheit seiner Kräfte weiss und
deshalb die Zusage erhält, er werde nicht «verglimmen
und nicht einknicken».5 Der Erwählte Gottes unterscheidet
sich nicht von den Menschen, für die er eintritt, er teilt
ihre Erfahrungen und Grenzen. Seine milde Tätigkeit steht nicht
nur im Gegensatz zu Gewalt und Machtmissbrauch, sondern hat auch
nichts von herablassender Mildtätigkeit. Seine Form der Solidarität
wird im Text durch den Bezug auf das Schöpfungshandeln Gottes
im Vers 5 verstärkt, der im hebräischen Text das Zentrum
des Textes bildet. Die Leseordnung lässt ausser der einleitenden
Formel («so spricht Gott, der Herr»), die auch noch
aus dem Zentrum herausgelöst und an den Anfang des Textes gestellt
wird, nichts davon übrig. V. 5 lautet: «So spricht Gott,
der Herr, der den Himmel erschaff en und ausgespannt hat, der die
Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der den Menschen
auf der Erde den Atem verleiht und allen, die auf ihr leben, den
Geist.» Die Schöpfungstheologie macht deutlich, dass
der Geist, den Gott auf seinen Erwählten legt (42,1) auch allen
anderen Menschen auf der Erde verliehen ist und in bleibender Gegenwart
immer neu verliehen wird. Ja mehr noch: Wenn die Vorstellung Gottes
als Schöpfer der Welt im Zentrum des Textes bleibt, wo sie
hingehört und mit dem Blick auf alle Menschen auf der Erde
schliesst, dann stellt sich die Frage, an wen sich die folgende
Rede Gottes denn eigentlich richtet: An den einen Gottesknecht oder
an alle Menschen, denen Gottes Geist verliehen ist? Der Text legt
nahe, dass es die Menschen sind, denen ja schon zu Beginn der Erwählte
Gottes vorgestellt wird: «Seht
». Sie werden von
Gott an der Hand genommen und sind dazu bestimmt Bund und Licht
zu sein. Ihnen wird etwas bekannt gemacht, noch ehe es zum Vorschein
kommt (V. 9). Wörtlich heisst es: «Noch ehe sie aufsprossen,
mache ich es euch hören.» Es geht um Menschen, die das
Gras der Schöpfung wachsen hören. Die Prosamen von Elazar
Benyoetz gehen auch bei Jesaja auf.
Mit der Kirche lesen
Wer sieht und hört, wie sich bei der Taufe Jesu der Himmel
öffnet und eine Stimme aus dem Himmel ertönt? Nach Mk
1,10 ist es allein Jesus. Ausser ihm wird nur noch den Leserinnen
und Lesern etwas bekannt gemacht, bevor es zum Vorschein kommt.
Auch Mk bezieht sich auf die Schöpfungsgeschichte: Der Geist
Gottes schwebt wie am ersten Schöpfungstag über dem Wasser.
Die Erinnerung an die Schöpfung sagt mit Jesaja: «Seht,
das Frühere ist eingetroffen». Das Neue, das sich jetzt
ankündigt, ist das Handeln des schöpferischen und lebenschaffenden
Gottes. Gottes Geistkraft ist stärker als die Chaosmächte.
Nicht die herrschende Gewalt und Ungerechtigkeit wird sich durchsetzen,
sondern die milde Tätigkeit der Erwählten Gottes. Elazar
Benyoetz sagt es so:
«Anfang ist das letzte Wort» (203).
1 Elazar Benyoetz: Finden macht das Suchen leichter. München-Wien
2004.
2 Zitate nach Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen
Quellen, Bd. 2. Stuttgart 21995, 222 f.
3 Rabbi E. Berkovits zitiert nach: Ebd., 224.
4 Zitiert nach: Ebd., 221.
5 Ebd. 227. Nach Staubli liegt dem Text ein königliches Inthronisationsritual
zugrunde, bei dem aber ein König ganz anderer Art, ein «Antikönig»
gekrönt wird. Thomas Staubli: Gott, unsere Gerechtigkeit. Begleiter
zu den Sonntagslesungen Lesejahr C. Luzern 2000, 5557.
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