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Die Furcht ist ein Sich-Zusammenziehen. Die Liebe
ist ein Sich-Ausweiten.
Zu den Lesungen am 3. Adventssonntag
Alttestamentliche Lesung: Jes 35,16a.10
Evangelium: Mt 11,211
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Die Auslegung von Jes 11 vom letzten Sonntag malte das Bild des
von Gott begeisterten, beseelten Zukunftsmenschen. Ich möchte
mit der Auslegung des heutigen Lesungstextes an diesem Bild weiterzeichnen.
Mit Israel lesen
Die Leseordnung bricht aus dem kunstvoll geformten Gedicht Jes
35,110 Bruchstücke heraus. Aber selbst im Fragment wird
die Schönheit und Kraft des Textes wirksam. Ich nehme den ganzen
Text in den Blick. Er spielt in der Wüste. Sie ist Ort der
Gottesbegegnung, der Ort, an dem die Schönheit und die rettende
Kraft Gottes erfahrbar wird. Der Text spricht von einer Wanderung
durch die Wüste (35,89). Er vergegenwärtigt damit
die Wüstenwanderung des Volkes Israel nach der Befreiung aus
Ägypten, die zum Prototyp der göttlichen Hilfe geworden
ist. Jes 35 geht gleichsam zum Anfang zurück, zum Anfang der
Geschichte des Volkes mit Gott. Wie schon einmal wird das Volk wieder
aus der Ferne und Fremde gesammelt und von Gott ins verheissene
Land geführt. Und wieder führt der Weg dabei durch die
Wüste. Doch jetzt ist vieles ganz anders. Die Entbehrungen,
die die erste Wüstenwanderung geprägt haben, fehlen. Die
Wüste ist nicht der Ort des Mangels, sondern des Überflusses,
Quellen brechen hervor, Bäche fliessen (35,6b). Die Wanderung
ist kein jahrzehntelanger Irrweg, sondern ein sicherer, klar erkennbarer
Heiliger Weg (35,8). Die Wüste verwandelt sich, sie zeigt bereits
die Schönheit des verheissenen Landes, des Libanon, des Karmel
und der Ebene Scharon (35,2). Die Nachgeborenen, die die Anfangsgeschichten
vergegenwärtigen, sind erfahrener als ihre Vorfahren, um gute
und schlechte Erfahrungen reicher. Beim neuen Anfang nehmen sie
diese Erfahrungen mit. Vielleicht müssen sie so manche Fehler
nicht wiederholen, manche Umwege nicht gehen. Sie nehmen auch ihre
Bilder vom verheissenen Land mit und können so unterwegs Spuren
davon und Hinweise darauf entdecken.
Es bleibt off en, wann sich dieses Geschehen abspielt. Jüdische
Auslegungen, z. B. von Ibn Esra, denken an Ereignisse nach dem Tod
des Assyrerkönigs Sanherib, der 701 Juda verwüstet und
viele Bewohnerinnen und Bewohner entführt hatte. Wahrscheinlicher
ist ein Zusammenhang mit dem babylonischen Exil. Vielleicht verheisst
der Text aber auch eine Rückkehr in eschatologischer Zeit.
Jes 35 überbrückt die Zeiten, er verbindet die Texte Jesajas
mit denen seiner Schülerinnen und Schüler und stammt in
dieser Form wohl erst aus dem 5. Jahrhundert. Der Text bleibt zukunftsoff
en: Neue Anfänge sind jederzeit möglich und notwendig,
die Hilfe Gottes ereignet sich zu allen Zeiten, Gottes Treue zum
Bund bleibt ewig. «Auf nichts war Verlass / nur auf Wunder»
heisst es im Gedicht «Die frühen Jahre» von Mascha
Kaléko, das vom Leben in der Fremde im frühen 20. Jahrhundert
spricht.
In der Wüste, die von Wasser überfliesst und erblüht
wie es im Frühjahr in Israel geschieht , wird
Gottes Gegenwart und Wirken erfahrbar. Das nennt die Bibel Wunder.
Die Verwandlung der Wüste korrespondiert mit der Verwandlung
von Menschen, die sich körperlich-sinnlich zeigt, an Händen,
Knien, Augen, Ohren und Zungen (35,3.5 f.). Mensch und Natur wirken
aufeinander ein (vgl. Jes 11). Die Menschen verwandeln sich von
Verzagten (35,4) in Erlöste und Befreite (35,9 f.). Die Ausdrücke
stehen für unterschiedliche Haltungen der Gegenwart und der
Zukunft gegenüber. Buber und Rosenzweig übersetzen «die
Verzagten» (hebr. nimharé lew) mit «die Herzverscheuchten».
Rabbi Hochaja Rabba sieht in ihnen «Defaitisten, die
das Leiden des Exils nicht mehr zu ertragen vermögen».
Das Verhalten, das daraus resultiert, besteht nicht in Passivität,
sondern im Gegenteil in zu raschem Denken und Handeln. R. Elieser
von Beaugency: «Sie sehen eine Sache nur am Anfang und denken
nicht darüber nach», d. h. sie sind die Voreiligen, die
zu rasch Schlüsse ziehen und die «ohne eingehende Betrachtung
handeln». Für Raschi sind es Menschen, die «die
Erlösung beschleunigen [wollen] und sich sorgen, weil sie auf
sich warten lässt» und die so R. Jehoschua ben
Levi «das eschatologische Ende zu erzwingen suchen».1
In den Herzverscheuchten dominiert die Furcht, die durch die Flucht
nach vorn überwunden werden soll. Sie verlieren die Fähigkeit,
die Zeit des Wartens zu nutzen: zu eingehender Betrachtung der Wirklichkeit,
zu genauem, differenzierten Nachdenken über Handlungsoptionen
und ihre Folgen. Gegenwart und Zukunft ziehen sich auf eine einzige
Option zusammen, von der alles abhängt und für die man
bereit ist, alles einzusetzen und zu opfern. Diese Herzen gleichen
der lebensfeindlichen und kargen Wüste. Doch aus ihnen werden
Zukunftsmenschen: Befreite und Erlöste, genauer Ausgelöste
und Abgegoltene (hebr. geulim bzw. pedujim). Die Ausdrücke
stammen aus dem juristischen Bereich. Der Goel ist der blutsverwandte
Löser, der einen in Schuldsklaverei geratenen Angehörigen
loskauft oder ein Haus oder Acker eines Verwandten mit Geld zurückerwirbt
(Lev 25,4754; vgl. das Buch Rut). Das Verb padah wird für
den Loskauf der Gott gehörenden Erstgeburt von Mensch und Vieh
verwendet (Ex 13,1113; Num 18,15 f.). Die Zukunftsmenschen
sind also von Ansprüchen anderer an sie befreit auch
von überhöhten Ansprüchen an sich selbst. Diese befreiende
Erfahrung spricht ihnen Würde zu, macht sie schön, öffnet
ihre Sinne für Wunder, weitet das Herz für Jubel. Sie
schafft Zeit und Raum für die Erfahrung geliebt zu werden und
zu lieben. «Die Furcht ist ein sich Zusammenziehen. Die Liebe
ist ein sich Ausweiten (Rabbi von Mesritsch).»2 Menschen,
die sich dem Leben mit Augen der Liebe zuwenden, sind es, die den
Heiligen Weg durch die Wüste gehen. Auf diesem Weg kommen auch
die «Unerfahrenen» ans Ziel (35,8). Er setzt keine «fertigen»
Menschen voraus, schon gar keine Übermenschen. Menschen können
dort an Erfahrung gewinnen, dazu gehört auch, dass sie Fehler
machen und daraus lernen. Sie können reifer werden, wachsen,
immer erwachsener werden. Menschen der Zukunft können «in
Heiterkeit Fragment sein» (Fulbert Steffensky).
Mit der Kirche lesen
Johannes der Täufer geht wie Jes 35 zum Anfang zurück,
in die Wüste. Er führt das Volk zu den Anfängen zurück
und macht einen Neuanfang möglich. Er verkörpert geradezu
die Heiterkeit, Fragment zu sein, vorläufig, vorbereitend,
Bote von Grösserem. Vermutlich ist er nicht frei von einem
verscheuchten Herzen. Er tut sich schwer mit dem Warten und will
das eschatologische Ende erzwingen. Vielleicht ist deswegen der
Kleinste im Himmelreich grösser als er. Das Himmelreich ist
das verheissene Land, das Ziel des Weges, dessen Schönheit
und Pracht schon jetzt, in der Wüste, sichtbar wird, sichtbar
in der Natur und an Menschen. Johannes ist noch unerfahren mit solchen
Wundern. Aber er fragt nach und will dazulernen. Der Auftrag Jesu
an seine Jüngerinnen und Jünger ergeht auch an uns und
führt ins Weite: Geht und berichtet, was ihr hört und
seht.
1 Alle Zitate nach Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen
Quellen, Band 2. Stuttgart 2 1995, 179.
2 Zitiert nach Viktor Malka: Sterne der Weisheit. Perlen jüdischer
Mystik. Freiburg i. Br. 2007, 174.
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