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Das Gericht, das Menschen aufbaut
Zu den Lesungen am 30. Sonntag im Jahreskreis: Jer
31,7-9; Mk 10,46-52
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"Mit Israel lesen"
Im Synagogengottesdienst gibt es zwei biblische Lesungen. Zentral
ist die fortlaufende, wöchentliche Lesung aus der Tora, den
5 Büchern Mose. Jedem Wochenabschnitt aus der Tora, der Parascha,
ist ein Abschnitt aus den prophetischen Schriften, die Haftara,
zugeordnet. Jer 31,1-19, also der grössere Zusammenhang unseres
Lesungstextes, ist die Haftara am 2. Tag des Neujahrsfestes Rosch
Haschana zur Tora-Lesung von Gen 22, der Bindung Isaaks. Die Bedeutung
von Jer 31 im Judentum erschliesst sich von dieser Stellung im jüdischen
Kalender her.
Mit Rosch Ha Schana beginnen die Hohen Festtage, die bis zum Versöhnungstag,
dem Jom Kippur reichen - auch als die Erhabenen Tage, die Tage der
Ehrfurcht bzw. die Furchtbaren Tage bezeichnet. Es sind 10 Tage
der Selbstbesinnung und Reue. An ihnen stellen sich jüdische
Menschen vor Gott als dem Richter des Universums. An diesen Tagen,
heisst es, "zittern selbst die Fische im Wasser".
Rosch Haschana (wörtlich Haupt oder Kopf des Jahres), ist der
erste Tag des jüdischen Kalenders. An diesem Tag ist nach jüdischem
Verständnis die Welt erschaffen worden und wird jedes Jahr
in den Menschen wieder erschaffen, indem sie sich in Umkehr und
Rechenschaft, in Gericht und Gnade erneuern. Das Gericht ist also,
bei allem Schrecken, auf Zukunft und Leben ausgerichtet. Darum ist
Rosch Haschana auch der Tag der Verheissung an Sara, sie werde übers
Jahr schwanger werden (Gen 18) und der Tag der ersten Verlesung
der Tora durch Esra (Neh 8). Das Volk hört die Worte der Weisung
und macht sich das eigene Versagen ihnen gegenüber bewusst
und weint. Esra tröstet das Volk und lädt zum Festmahl
ein. So setzt man sich auch an Rosch Haschana freudig und in der
Hoffnung auf ein gutes Jahr an den Tisch. Das Brot an diesem Tag
ist rund, damit es im neuen Jahr an nichts fehlt. Zum Essen gehört
ein Apfel, der in Honig getaucht wurde - mit der Bitte, Gott möge
ein gutes und süsses Jahr schenken. Man isst vom Kopf (Rosch)
eines Fisches oder Hammels und bittet Gott, dass heute ein Anfang
und kein Ende sei. Der Gottesdienst an Rosch Haschana dauert lange
und gestaltet alle Motive des Festes in mannigfaltiger Variation.
Zu Rosch Haschana gehört auch das Taschlich-Machen, das Fortwerfen
der Sünden. An einem fliessenden Gewässer, in dem Fische
leben, werden alle Kleidertaschen ausgeschüttelt - Zeichen
für die Hoffnung alle im Lauf des Jahres begangenen Sünden
wegzuwerfen wie die Krümelchen in den Taschen. Die Fische mit
ihren stets offenen Augen symbolisieren das wachsame Auge Gottes
und dass die Menschen von Gottes Gnade umgeben sind wie die Fische
im Wasser.
Die Stimmung an Rosch Haschana ist also geprägt von Furcht
und Hoffnung gleichermassen. Die Hoffnung wird auch durch den Lesungstext
aus Jer 31 gestärkt. Er setzt die leidvolle Erfahrung der Zerstörung
Jerusalems und des Tempels und die Zerstreuung in der Fremde, das
Exil voraus. Er verheisst die künftige Erlösung Israels
und soll die Gemeinde am Tag des Gerichts stärken. Der Text
bietet in Rahel, der Stammmutter des Volkes, eine Identifikationsfigur
an. Sie ist untröstlich über den Tod und das Exil ihrer
Kinder (31,15). Gott spricht sie an, versucht sie zu trösten
und ihr Hoffnung für die Zukunft zu geben. Wie Rahel sollen
die Menschen am Gerichtstag von Gottes Gnade hören. Blinde
und Lahme, Schwangere und Gebärende werden besonders erwähnt
(31,8). Vielleicht stehen sie sie für die Zerbrechlichkeit
und Gefährdung, die allem Leben eigen ist.
Warum beginnen die Furchtbaren Tage mit Zeichen der Hoffnung und
Verheissung? Darin kommt das jüdische Verständnis von
Reue und Umkehr, hebräisch Teschuwa zum Ausdruck. Teschuwa
kann nur beginnen, wenn sich Menschen noch nicht völlig aufgegeben
haben. Wer das Gefühl hat, völlig wertlos zu sein, kann
sich nicht auf den Weg machen. Wenn ich jedoch spüre, dass
tief in mir noch Würde vorhanden ist, dass es immer noch einen
Funken Heiligkeit in mir gibt, dann kann ich dieses Gefühl
nutzen und damit die Umkehr beginnen. Die Mischna lehrt: "Werde
nicht zum Bösewicht in deinen eigenen Augen" (Avot 2:13).
Entscheidend ist meine Haltung mir gegenüber. Wer umkehrt,
muss vorher feststellen: Ich bin ein Kind Israels. Ich habe einen
König im Himmel. Ich bin ein Diener, eine Dienerin dieses Königs.
Ich kann nicht behaupten, dass ich ein besonders guter Diener bin,
aber immerhin: Ich bin Gottes Dienerin. Umkehr ist Rückkehr
ins Volk Gottes.
Deswegen beginnen die Hohen Festtage nicht mit einem Sündenbekenntnis.
Das würde die Menschen mit ihrer Wertlosigkeit überwältigen
und die Umkehr geradezu verhindern. Nein, die Sünden werden
vorerst beiseite geschoben. Rosch Haschana ist der Tag der (Neu-)Schöpfung.
Er richtet den Blick auf die Potenziale und die Ziele im Leben.
Der Verheissungstext von Jer 31 tut das konkret. Er baut Menschen
auf (31,4), indem er ihre Möglichkeiten benennt: "Du wirst
ausziehen im Reigentanz, du wirst Weingärten pflanzen ... und
man wird sie in Gebrauch nehmen" (31,5).
Mit der Kirche lesen
Bartimäus, der blinde Bettler am Rand des Weges kommt in Bewegung.
Es ist die Rückkehr eines Menschen am Rand in "etliches
Volk", das weiterzieht (Mk 10,46). Ich sehe eine Teschuwa,
eine Rückehr ins Volk Gottes. Sie beginnt mit der Feststellung:
Ich bin ein Kind Israels, ein Diener Gottes. Ich kann nicht behaupten,
dass ich ein besonders guter Diener bin, aber immerhin: Ich bin
Gottes Diener. Vielleicht ruft der Sohn des Timäus Jesus zu:
Du bist der Sohn Davids - genau wie ich. Und genau wie David und
alle anderen Dienerinnen und Diener Gottes sind wir alle auf Erbarmen
angewiesen. Dafür war Timäus blind geworden. Er will wieder
sehen können, dass er immer noch ein Kind Israels ist. Ja,
er hat das Potenziel in sich schon gesehen und weil er es gesehen
hat, ist er in Bewegung gekommen. Sein Glaube an den barmherzigen
Gott hat ihn gerettet. Das Vertrauen in diesen Gott wird ihn nicht
vor weiterem Leid auf dem Weg der Nachfolge bewahren - wie Rahel
nicht und wie Jesus nicht. Aber dieser Gott wird ihm immer wieder
Trost und Hoffnung zusprechen.
Peter Zürn
"Mit Israel lesen " und ""Mit der Kirche lesen"
heisst es seit drei Jahren Woche für Woche in der Schweizerischen
Kirchenzeitung. Ein Projektteam der Bibelpastoralen Arbeitsstelle
legt die Lesungstexte der Römisch-Katholischen Kirche für
den entsprechenden Sonntag aus. Im Zentrum steht der alttestamentliche
Lesungstext. "Mit Israel lesen" bedeutet, den Text in
seiner Eigenwertigkeit wahrnehmen und nicht vom Neuen Testament
bzw. vom Glauben an Jesus Christus her. Er soll aus der Geschichte
Israels und als Teil der jüdischen Bibel verstanden und zugänglich
gemacht werden. Ausserdem soll gezeigt werden, wie dieser Text im
nachbiblischen Judentum, also z.B. in der Mischna und im Talmud,
ausgelegt wurde und wie er bis heute im Judentum z.B. in der Liturgie
beheimatet ist. "Mit der Kirche lesen" entwickelt aus
dem Lesen mit Israel heraus Impulse für das Verständnis
des Evangeliumstextes oder des entsprechenden Sonn- oder Feiertag
im Jahreskreis. Die Artikel in der SKZ sind nur für Abonnentinnen
und Abonnenten zugänglich. Die Auslegungen durch das Projektteam
der BPA stehen aber auch - frei zugänglich - unter www.bibelwerk.ch.
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