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Das Ende der Täuschung
Alttestamentliche Lesung: Ijob 7,17
Evangelium: Mk 1,2939
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Wenn wir enttäuscht werden, fühlen wir uns schnell einmal
betrogen. Aber was ist, wenn eine Enttäuschung bedeutet, dass
wir uns vorher getäuscht haben?
Mit Israel lesen
Das Leben ist mühsam. Ijob spricht im ersten Vers des Lesungstextes
aus, was wohl «jedem Menschen, der ein gewisses Alter erreicht
und seine Selbstwahrnehmung nicht völlig verloren hat»,1
vertraut ist. Vers 2 aber differenziert: Es ist nicht die anstrengende
Arbeit, die das Leben beklagenswert macht, sondern die enttäuschte
Erwartung auf einen Lohn für all die Mühen. Der bleibt
aus und so «werden Monde voll Enttäuschung mein Erbe».
Das hebräische Wort schaw, das die Einheitsübersetzung
mit Ent-täuschung übersetzt, kann Nichtiges und Gehaltloses
bedeuten (z. B. in Jer 18,15). Im Dekalog heisst es: «Du sollst
den Namen JHWHs, deines Gottes, nicht zu jemandes Schaden (schaw)
aussprechen» (Ex 20,7; Dtn 5,11), d. h. nicht in betrügerischer
Absicht. Ijob fühlt sich also betrogen und ist enttäuscht.
Eine Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung. Worin
hatte er sich bis dahin getäuscht? Er hat Glück erfahren,
es ist ihm entschwunden, er beklagt, dass es niemals mehr kommen
wird (7,7). Hatte er bleibendes Glück erwartet? Im 29. Kapitel
blickt Ijob auf sein früheres Leben zurück «als
meine Schritte sich in Milch gebadet, Bäche von Öl der
Fels mir ergoss» (29,6). Die Erfahrung von vollkommenem Glück
ruft den Glauben hervor, dass es immer so weitergehen würde
(29,18). Das erweist sich als Täuschung. Und Gott bestätigt
ihm das. Er fordert von ihm einen realistischeren Blick auf das
Leben. «Es gibt chaotische Mächte, die sich menschlichem
Zweck und Zugriff entziehen, und es gibt in Gestalt von Nilpferd
und Krokodil das von Menschen nicht zu bezwingende Böse in
der Welt.»2 Gott bestätigt Ijobs Leiden am Leben. Er
tröstet, aber nicht indem er vom Unheil abzulenken versucht.
Stattdessen will er Ijob darüber hinaus führen, zur Erkenntnis
und zum Vertrauen, dass die Chaos mächte nicht alles vermögen,
auch wenn es zuweilen so aussieht, sondern dass auch sie sie von
göttlicher Macht umfangen sind. Diese Erkenntnis ist nicht
vom Hörensagen her zu haben, sie ist kein rein intellektuelles
oder theologisches Problem. Daran scheitern die gutgemeinten Erklärungsversuche
der Freunde Ijobs. Religiöse und theologische Rede ist kein
Selbstzweck. Sie will und muss über sich hinaus führen,
hinein in die Erfahrung der Wirklichkeit Gottes. Ijob geht den Weg
in diese Erfahrung. Er nennt sie «Gott schauen». «Vom
Hörensagen nur hatte ich dich vernommen, jetzt aber hat mein
Auge dich geschaut» (42,5). Ijob ist in Kontakt, in Berührung,
in Beziehung mit dem göttlichen Geheimnis des Lebens gekommen.
Die Schau Gottes ist jedoch kein ewig anhaltender Zustand. Das
Leben geht weiter, aber es geht anders weiter. Das Buch Ijob erzählt
davon, dass sich das veränderte Innere Ijobs, seine neue Beziehung
zum Leben auch äusserlich ausdrückt. «So wendete
Gott das Geschick Ijobs
und Gott mehrte den Besitz Ijobs
auf das Doppelte» (42,10). Ijobs innere Bezogenheit zu Gott
bringt ihn auch äusserlich wieder in Beziehung, die Schau Gottes
führt nicht zu esoterischer Absonderung. Ijobs sozialer Tod
(vgl.19,13 ff .) wird aufgehoben. Seine Verwandten kommen zu ihm
und essen mit ihm (42,11). Sie sind nicht hoch genug zu preisen,
weil sie Ijob bei diesem Mahl «trösten wegen all des
Unglücks, das Gott über Ijob gebracht hatte». Das
Leid wird, auch wenn es überwunden ist, nicht vergessen. Ijob
bleibt ein vom Leben Gezeichneter. «Wenn Gott unter den Menschen
wohnt, wird nicht so getan, als hätten wir nicht geweint, sondern
«Gott der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht».3
Alles andere wäre eine Täuschung.
Auch nach der Lektüre des Buches Ijob geht das Leben nicht
auf, werden wir weiterhin in unseren Hoffnungen und Sehnsüchten
enttäuscht. Der Talmud erzählt von dieser Erfahrung in
der Geschichte von Mose und Rabbi Akiva. Mose wird beim Empfang
der Tora auf dem Berg Sinai von Gott in die Zukunft versetzt und
nimmt im Lehrhaus des Rabbi Akiva an dessen Unterricht teil. Er
ist überwältigt von Akivas Gelehrsamkeit und Frömmigkeit
und bittet Gott, ihm das weitere Schicksal des Gottesfürchtigen
zu zeigen. Akiva lebte unter römischer Herrschaft. Weil er
trotz Verbot weiterhin die Tora lehrte, wurde ihm die Haut vom Leib
gezogen, dann wurde er in eine Torarolle gewickelt
verbrannt und schliesslich verkaufte man, als letzte Herabwürdigung,
sein von den Knochen abgetrenntes Fleisch auf dem Markt (Ijob 7,5,
der leibhaftige Vers, den die Leseordnung weglässt, meldet
sich wieder). Angesichts dieses schrecklichen Anblicks schreit Mose,
völlig ausser sich, zu Gott: «Das ist der Lohn der Tora!»
Und Gott lässt Mose und uns verstört stehen mit dem Satz:
«Schweig! So ist es mir in den Sinn gekommen» (b. Menahot
29b).
Der jüdische Schriftsteller Jonathan Rosen deutet mit dieser
Geschichte sein eigenes Leben. Seine Grosseltern väterlicherseits
wurden von den Nazis ermordet. Er selbst wuchs in den USA in Wohlstand
und gesicherten Verhältnissen auf. Seine österreichische
und seine amerikanische Grossmutter personifizieren zwei konkurrenzierende
Wirklichkeiten. «Mein Leben wird, so nehme ich an, immer mit
ihrem so gegensätzlichen Leben und Sterben verknüpft sein.»4
Die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit des Lebens lassen sich
nicht auflösen. Darin sieht Rosen ein wesentliches Merkmal
des jüdischen Denkens und Glaubens, wie es sich im Talmud niedergeschlagen
hat. Seine beiden Grossmütter sind «wie zwei einander
bekämpfende Schulen talmudischen Denkens, niemals stillschweigend
und niemals der anderen den Sieg überlassend».5 Es ist
sinnlos, nach einer einzigen harmonisierenden Formel für das
Leben zu suchen. Der Talmud macht aus der Ambivalenz eine Tugend
und die Ungewissheit zu einer grundlegenden Glaubens äusserung.
Besser mit Widersprüchen leben als sich im Leben zu täuschen.
Mit der Kirche lesen
«Die Grundfrage des Alten Testamentes lautet nicht: «Gibt
es ein Leben nach dem Tod?», sondern: «Gibt es ein Leben
vor dem Tod?»6 Es ist auch die Grundfrage des Neuen Testamentes.
Und beider Antwort ist: Ja! Das Markusevangelium (1,2939)
erzählt in geraffter Form und beinahe atemlos von Heilung und
Auferstehung. Der Text brummt geradezu von der Fülle der Begegnungen
und Beziehungen. Markus bleibt aber realistisch und spricht von
der Heilung «vieler» (1,34). Erst Matthäus und
Lukas machen daraus alle. Markus erzählt auch von der wesentlichen
und unauflösbaren Spannung zwischen actio und contemplatio,
wenn Jesus sich nach den Heilungen an einen einsamen Ort zurückzieht,
um zu beten. Das Markusevangelium, das mit diesen Auferstehungserzählungen
beginnt und in Schrecken und Verstummen endet (16,8), stimmt mit
dem Talmud darin überein, dass sich die Widersprüchlichkeiten
und Grausamkeiten des Lebens nicht einfach durch eine harmonisierende
Formel aus der Welt schaff en lassen. Das wäre eine fatale
Täuschung.
1 Ludger Schwienhorst-Schönberger: Ein Weg durch das Leid.
Das Buch Ijob. Freiburg i. Br. 2007, 47. Ich folge hier weitgehend
seiner Auslegung.
2 Ebd., 260, mit Bezug zu Ijob 4041.
3 Ebd., 272.
4 Jonathan Rosen: Talmud und Internet. Eine Geschichte von zwei
Welten. Frankfurt a.M. 2002, 54 f.
5 Ebd.
6 Schwienhorst-Schönberger (wie Anm. 1), 273.
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