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Karsamstags-Theologie
21.11.2011
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Es ist gute
religiöse Tradition, bestimmte Zeiträume mit einer besonderen
Bedeutung zu füllen: Zeiträume für die Erinnerung an
wesentliche Erfahrungen früherer Generationen und Zeiträume,
in denen das Erinnerte jeweils neu zur Gegenwart wird. Die Erfahrungen
werden in diesen Zeiträumen gleichsam besonders verdichtet zugänglich.
In der jüdisch-christlichen Tradition ist die Urform davon die
Erinnerung an den Exodus, die Befreiung des Volkes Israel aus der
Sklaverei. Das jüdische Pessachfest will diese Erinnerung jedes
Jahr so gestalten, als ob die Feiernden "heute aus dem Sklavenhaus
ausziehen". Das christliche Osterfest, eng mit Pessach verbunden,
stellt die Erinnerung an das Leiden, den Tod und die Auferstehung
Jesu Christi in die Exodustradition und verbindet sie mit Erfahrungen,
die alle Menschen machen, bis heute. Die christliche Tradition hat
besondere Ausdrucksformen für diese Erfahrungen entwickelt -
eine eigene Sprache bzw. einen Dialekt für das, was andere anders
ausdrücken. Beispiele für andere Sprachen und Dialekte,
die Sprache der modernen Musik zum Beispiel, finden sich unten.
Ostern ist ein Fest über mehrere
Tage. Im Zentrum stehen Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag.
Der Karfreitag verdichtet die Erfahrung von Ungerechtigkeit und
Gewalt, von Leid, Einsamkeit, Abschied, von den Grenzen unseres
Lebens, letztlich das Rätsel des Todes. Der Ostersonntag verdichtet
Erfahrungen des Aufbruchs, der Befreiung aus Unterdrückung
und Entfremdung, des Glücks, der Lebensfreude und der Hoffnung
auf die Fülle des Lebens bis weit über den Tod hinaus.
Der Karsamstag steht in der Spannung zwischen diesen Erfahrungen,
in der "Spannung zwischen den Erinnerungen an Grauenhaftes,
das nicht verdrängt werden kann, und der Hoffnung auf eine
Erfüllung, die nur erahnbar ist" (Karl-Josef Kuschel).
Im christlichen Glaubensbekenntnis heisst es, Jesus Christus ist
- zwischen Tod und Auferstehung - "hinabgestiegen in das Reich
des Todes". Das wurde in Frömmigkeit, Kunst und Theologie
mit dem Karsamstag verbunden. Karsamstag ist ein Zeitraum, um in
die Tiefe zu gehen, sich dem Dunklen, dem Begrabenen, dem Leblosen
zuzuwenden. Mit den Toten kommen wir in Berührung mit denen,
die vor uns waren und die sind, was wir sein werden, mit unserer
Verwurzelung in der Geschichte der Menschheit und unserer Vergänglichkeit
und Hoffnung.
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| Am
Karsamstag Theologie treiben |
Der Karsamstag ist ein
Tag dazwischen, ein Zwischenraum, spannungsvoll bezogen auf das
Davor und das Danach und doch eine Art Unterbrechung. "Unterbrechung"
ist nach Johann Baptist Metz die kürzeste Definition von Religion.
So ist der Karsamstag verdichtet, was Religion ausmacht: Er bietet
Zeit und Raum, um die Frage nach dem Sinn meines Lebens zu stellen,
um mich mit den Müttern und Vätern meines Glaubens zu
verbinden, um mein Leben ins Licht des Geheimnisses Gottes zu stellen;
er ist ein Zeitraum des Nachspürens und des Nachdenkens und
ein Zeitraum des Vorausschauens, der Erwartung und des Träumens,
ein stiller, aber schöpferischer Raum. Ich versuche am Karsamstag
Theologie zu treiben, d.h. über das Leben in dieser Welt in
Beziehung zu Gott und für andere nachvollziehbar nachzudenken.
Heisst das, dass ich nur einen Tag pro Jahr Theologie treibe? Nein.
Im christlichen Kirchenjahr kommen Karfreitag, Karsamstag, Ostersonntag
nacheinander. Das gesamte Kirchenjahr ist ein Nacheinander von Zeiträumen,
die Erinnerungen und Erfahrungen wachrufen. Allerdings ein Nacheinander,
das nicht einmalig bleibt, sondern sich immer wieder wiederholt.
Denn in Wirklichkeit ist alles gleichzeitig. Das wofür Karfreitag
und Ostersonntag stehen, findet jederzeit statt, ist zu jeder Zeit
gegenwärtig. Gleiches gilt für den Karsamstag. Das Nacheinander
des religiösen Jahres hilft uns Menschen, die unterschiedlichen
Erfahrungen und Deutungen zu unterscheiden und ihnen entsprechend
Aufmerksamkeit zu geben. Aber Karfreitag, Ostersonntag und Karsamstag
sind jeden Tag, jederzeit. Sie sind wie alle Zeiträume des
Kirchenjahrs "mitlaufende" Tage, um einen Ausdruck von
Hubertus Halbfas über die Anfangsgeschichten der Bibel als
"mitlaufende Anfänge" zu benutzen. Das weist schon
voraus auf eine besondere Beziehung des Karsamstags zur Bibel/Tora.
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Drei neue Suchbewegungen
Im Netzwerk
Theologie
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In den letzten Jahren
haben sich mir drei neue Zugänge, drei neue Suchbewegungen
zur Karsamstags-Theologie eröffnet:
1. Von anderen lesen und lernen
Niemand fängt bei Null an. Niemand kommt alleine weiter. Auch
nicht beim Denken. Wir werden hineingeboren in ein Beziehungsgeflecht.
Wir hören und lesen, was vor uns schon gesagt und gedacht wurde.
Als Theologe bin ich Teil eines weiten Netzwerkes anderer Theologietreibender
aus früheren Generationen und in der Gegenwart. Bereits vor
mir wurde Karsamstags-Theologie betrieben. Den Ausdruck "Karsamstagstheologie"
habe ich zuerst beim Theologen Karl-Josef Kuschel in seinem Buch
"Im Spiegel der Dichter. Mensch, Gott und Jesus in der Literatur
des 20. Jahrhunderts" gelesen (Patmosverlag 1997). Er selbst
hat ihn in der Literatur entdeckt bzw. beim Literaturwissenschaftler
George Steiner. Der spricht von Künstlerinnen und Künstlern
als "Karsamstags-Existenzen". Kuschel meint, am Karsamstag
werden nicht nur Kunstwerke, sondern wird auch Theologie geschaffen.
Dem stimme ich zu. In den letzten Jahren wurde der Ausdruck wieder
neu verwendet:
Ina Prätorius widmet
dem Karsamstag ein eigenes Kapitel in ihrem Buch "Gott dazwischen.
Eine unfertige Theologie" (Grünewaldverlag 2008. S. 80-85).
Sehr passend: Der Karsamstag ist der Tag des Unfertigen und des
Dazwischen schlechthin. Ihr Bild vom Karsamstag ist im guten Sinne
ernüchternd. In dem, was die Evangelien des Neuen Testamentes
vom Tag zwischen der Kreuzigung Jesu und der Botschaft von seiner
Auferstehung erzählen, erkennt sie "eine ziemlich desolate
Angelegenheit: Triumph und Misstrauen aufseiten der Autoritäten,
Enttäuschung, Trauer, mechanisches Weitermachen und Fluchttendenzen
bei denen, die Jesus zu seinen Lebzeiten für den Messias gehalten
haben". Das kennen die, die einen geliebten Menschen plötzlich
verlieren aus eigener Erfahrung, "diesen Schockzustand unmittelbar
nach dem Tod
Es fühlt sich an, als seien nicht nur der
Verstorbene, sondern auch die Zurückbleibenden hinabgestiegen
in das Reich des Todes". Ina Prätorius weiss, "dass
es in jedem Leben, auch in meinem, lähmende Zwischenzeiten
gibt", dass die Hoffnung gestorben ist und man/frau trotzdem
weiterlebt. Karsamstag ist der Tag des "das Leben muss schliesslich
weitergehen", der Tag derer, die trotz aller Verzweiflung weiter
für das Leben arbeiten. Sie sieht diese Haltung exemplarisch
verkörpert in den sogenannten Trümmerfrauen nach dem Ende
des Weltkrieges 1945. Und sie aktualisiert das auf unser Leben heute
hin: "ein Weiterleben und Weitermachen ins Ungewisse hinein,
trotz Krieg, trotz Klimawandel, trotz Tod." Sie richtet vorsichtig
den Blick auf den nachfolgenden Tag: "Karsamstäglich begangen
wäre der Ostersonntag nicht der Tag des triumphierenden Glaubens,
sondern des ungläubigen Staunens".
Zur Kritik des triumphierenden
Glaubens gebraucht auch Johann Baptist Metz den Karsamstag. Er spricht
von Karsamstagschristologie (in seinem 2011 bei Herder erschienenen
Buch "Mystik der offenen Augen. Wenn Spiritualität aufbricht",
S. 157-159). Ihm geht es darum, im Nachdenken und Reden über
Jesus Christus das noch Ausstehende, das Unfertige, das Gebrochene,
das noch Erwartete und Ersehnte - Metz nennt es das Apokalyptische
- wieder mehr in den Blick zu nehmen. Denn damit nehmen wir auch
das Leid der Opfer der Geschichte wieder mehr in den Blick und hören
ihren Schrei nach Gerechtigkeit. Das ist die Voraussetzung dafür,
zum Mitleiden fähig zu werden, zur Compassion. Das führt
auch zu einem anderen Umgang mit uns selbst als glaubende, religiöse
Menschen: Wir brauchen Karsamstagstheologie und Karsamstagssprache
in unseren Gebeten, "um eine glaubwürdige Sprache zu finden
gegenüber den Zweifeln, den Ungewissheiten und Unsicherheiten
derer, die glauben oder zu glauben versuchen. Es kommt darauf an,
sichtbar zu machen, dass christliche Religion nicht dazu da ist,
um alle Fragen für uns zu beantworten, sondern um von uns unbeantwortbare
Fragen unvergesslich zu machen. In diesem Sinn haben Glaubende nicht
unbedingt eine Antwort, sondern gerade auch eine Frage zuviel, die
sie in Gebete verwandeln können, in Gebete, die nicht nur in
Jubel, sondern auch in (lautlose) Schreie münden können."
Auch für Metz ist der Karsamstag wesentlich für das Verständnis
von Ostern: "Wer im Jubel der Ostersonntagssprache nichts mehr
vermisst, der hört nicht die Osterbotschaft, sondern einen
antiken Siegermythos."
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| In
der modernen Kultur |
2. Theologie in der Kultur
der Gegenwart wahrnehmen
Die Zeitschrift ferment widmet ihre Ausgabe 5/2011 der Musik. Ein
Beitrag (von Patrick Böhler, S. 24) dreht sich um die Schweizer
Musikerin Sophie Hunger. Auf ihrem Album "1983" (ihr Geburtsjahr)
singt sie über einen Zeitraum dazwischen: "Stell dir vor,
es gäbe ein Etwas! Stell dir vor, es gäbe ein Nichts!
Stell dir vor, es gäbe ein Dazwischen! Zwischen dem Leerschöpfen
und dem Vollbringen liegt dieser Ort". Sophie Hunger ist die
Tochter eines Diplomaten und einer Politikerin. "Der Geist
einer Fahrenden hat sich in ihrer Seele festgebissen, für die
das Unterwegssein normal ist. So wird ihre Heimat die Bühne.
Dazwischen die Reise vom Hier zum Dort, vom Jetzt zum Bald."
Sophie Hunger bringt Erfahrungen vom Nichts und vom Etwas, vom Leerschöpfen
und vom Vollbringen ins Wort und in den Klang. Und sie bleibt nicht
dabei stehen, sondern geht weiter (lässt sich weiter treiben)
zum Ort "Dazwischen". Theologisch ausgedrückt ist
sie eine Karsamstagsexistenz, macht Karsamstagsmusik. Die immerwährende
Suche nach dem Ort Dazwischen hält sie lebendig, lässt
sie sich weder an das Nichts noch an das Etwas verlieren.
Ähnliches gilt für
Bob Dylan. Er ist 1941 geboren, gehört also zu den Grosseltern
der Musikfamilie, in die Sophie Hunger hineingeboren wurde. Zu seinem
70. Geburtstag 2011 erschien auch eine theologische Reflexion über
ihn. Knut Wenzel beschreibt Leben und Werk Dylans als "Reise
durch die Nacht" und fasst die Art dieser Reise in dem Kunstwort
"HoboPilgrim" zusammen (so auch der Titel des Buches,
Grünewaldverlag 2011). Dylan singt von Landstreichern bzw.
ziellos Streunenden, die zugleich Pilger sind, d.h. auf ein Ziel
hin unterwegs. Beides gehört zusammen und beides bleibt nur
in seiner Eigenart erhalten, wenn es eine Spannung zwischen ihnen,
einen spannungsreichen Ort (bzw. Zeitraum) dazwischen gibt, der
in Verbindung zu beidem steht. Theologisch könnte man diesen
Zeitraum durchaus Karsamstag nennen.
Im Blick und im Hören auf die Kultur unserer Gegenwart tritt
die theologische Rede vom Karsamstag in einen weiten Raum, führt
ein Gespräch mit interessanten GesprächspartnerInnen und
bekommt Anregungen für die von Metz gesuchte glaubwürdige
Sprache angesichts der Erfahrungen heutiger Menschen. Hier ist alles
unfertig, hier gibt es neben antworten auch immer eine Frage zuviel.
Auch hier werden unbeantwortbare Fragen unvergesslich gemacht.
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| Im Raum der Bibel |
3. In den Raum der Bibel
eingeladen sein
"Wisst ihr, das Wort Gottes ist keine Lehre. Wenn wir es lesen
oder hören, sind wir nicht gescheiter als vorher. Es ist auch
nicht einfach eine Stimme, obwohl eine Stimme seiner Wahrheit schon
näher kommt. Nein, das Wort Gottes ist ein Raum. Und wir sind
eingeladen, hineinzugehen, zu tasten, wahrzunehmen mit allen Fasern
unseres Lebens, was das Wort uns hier und heute sagen will."
In dieser chassidischen Geschichte finde ich meinen Zugang zur Bibel,
mein Verständnis der Bibel ausgedrückt. Die Bibel ist
ein Raum. Ich ergänze, was für den jüdischen Rabbi
in der Geschichte wohl so selbstverständlich war, dass er es
gar nicht erwähnen musste: Sie ist ein Raum für Begegnungen
und Gespräche. Zwischen den Texten und denen, sie sie lesen
und hören und zwischen den verschiedenen Texten (und Erfahrungen,
die sie ins Wort bringen) innerhalb der Bibel. Bibliodrama und Bibliolog
sind Methoden, die Bibel als Raum für Begegnungen und Gespräche
zu öffnen und zugänglich zu machen. Dort habe ich auch
die chassidische Geschichte gefunden (www.bibliodramaundseelsorge.ch).
Die heilsame Wahrheit der Bibel erschliesst sich karsamstäglich
im Dazwischen, in der Begegnung zwischen Menschen und Texten. Sie
erschliesst sich immer unfertig, immer zukunftsoffen. Der Karsamstag
ist so ein guter Zeitraum für die Bibelauslegung.
Aber hat der Karsamstag
noch direkter etwas mit der Bibel zu tun? Vom Hinabsteigen Christi
in das Reich des Todes steht nichts im Neuen Testament. Das ist
auch schon Bibelauslegung. Aber einen Zugang entdecke ich, wenn
ich ganz vorne anfange. Mit dem ersten Wort. Im Hebräischen
heisst es "bereschit". Im Deutschen wird es meistens mit
"im Anfang" übersetzt. Um was für einen Anfang
geht es? Die griechische Übersetzung lautet "en arché",
die lateinische "in principio". Das Lateinische bringt
es auf den Punkt: Es geht nicht um einen zeitlichen Anfang, sondern
um einen prinzipiellen. Es geht um das, was prinzipiell gilt oder
in den Worten von Hubertus Halbfas um einen "mitlaufenden Anfang".
Das erste Wort der Bibel ist zugleich das erste Wort der Tora, der
5 Bücher Mose. Im Judentum ist die Tora das Zentrum der Bibel
und ihre Grundlage. Auch die Tora ist nicht chronologischer Anfang,
sondern Prinzip der weiteren Geschichte. Das zeigt sich, wenn die
Tora im Laufe eines Jahres in den Sabbatgottesdiensten in der Synagoge
fortlaufend und vollständig gelesen wird. Kommt die Lesung
ans Ende der Tora beginnt sie wieder von vorne. Die Tora aber endet
am Schluss des Buches Deuteronomium, bevor das Volk Israel in das
verheissene Land einzieht. Sie endet zwar mit Blick auf das Verheissene,
bleibt aber sozusagen auf der Schwelle.
Die Tora ist eine Erzählung von unerfüllter Verheissung.
Oder anders ausgedrückt: Die entscheidende Perspektive der
Tora ist das verheissungsvolle Schauen auf das Land, das vor einem
liegt. Darin liegt ihre Kraft. Das ist ihr Prinzip. Dafür läuft
der Anfang immer mit. Um mit der Tora und ihren Verheissungen auf
den Ort zu schauen, an dem wir leben.
Zwischen der Tora und der jeweiligen konkreten Lebenswirklichkeit
gibt es immer einen Zwischenraum, gar einen Riss. Keine konkrete
Wirklichkeit ist die Erfüllung aller Verheissungen. Das hat
etwas Tröstliches und das hat etwas Herrschaftskritisches.
Kein Land, keine Gemeinschaft, keine Kirche ist mit dem, was in
der Tora verheissen ist, identisch. Die Tora ist immer auch Kritik
am Bestehenden, ein Gegenentwurf, eine Erinnerung an die Opfer,
ein Mehr an Hoffnung, eine Frage zu viel (J.B. Metz).
Vielleicht tun wir uns
als Christinnen und Christen schwer mit dieser grundlegenden Offenheit
und dem Unfertigen. Schliesslich sind wir geprägt von der Aussage,
dass sich die Verheissungen des Alten Testamentes in Jesus Christus
erfüllt haben. Dabei überlesen und überhören
wir oftmals unsere eigene Glaubenstradition, dass wir trotzdem noch
in Erwartung leben. "Wir erwarten seine Wiederkunft" heisst
es im Glaubensbekenntnis. Wir leben in unfertigen Zeiten, wir leben
und glauben im Dazwischen. Das biblische Wort "Erfüllung"
hat Raum für diese Spannung. Erfüllung hat immer einen
Überschuss an bleibender Verheissung. Wenn in der Bibel die
Rede davon ist, dass sich eine Verheissung erfüllt, dann meint
das nicht, dass sie damit erledigt ist. Erfüllen heisst vergegenwärtigen.
Wenn sich etwas erfüllt, wird wieder neu gegenwärtig,
was die Mütter und Väter im Glauben schon erfahren und
in noch grösserer Fülle erhofft haben: die Gegenwart der
lebendigen und befreienden Kraft Gottes.
Über die Tora lässt
sich sagen: "Indem sie immer wieder erzählt und ausgelegt
wird, immer wieder neu in Riten und Ritualen gefeiert wird, kurzum:
immer wieder er-innert wird, macht die Tora die empirische Wirklichkeit,
die jeweilige Gegenwart auf den beständig tragenden und bestimmenden
Grund der Gemeinschaft und des Einzelnen hin transparent: auf YHWY
und seine Heilstaten." Ich zitiere hier Heinz-Günther
Schöttler in der Ausgabe 3/2011 der Zeitschrift "Bibel
und Liturgie
in kulturellen Räumen" in der es um
die Deutung der Kirche in alttestamentlichen Bildern geht, und zwar
um Verführungen, Möglichkeiten und Herausforderungen.
Es wird er-innert, eine Gemeinschaft bzw. ein einzelner Mensch wird
inne, was die Grundlage von allem ist: der Gott der Bibel, der geheimnisvoll
bleibt, so geheimnisvoll wie die Chiffre YHWH, die für Gottes
Namen steht: unaussprechbar, nicht verfügbar, nicht beherrschbar.
Diese geheimnisvolle Gegenwart Gottes wird aber in Beziehung erlebt,
in einer Beziehung, die lebendig macht, aufrichtet, befreit, Verheissung
zuspricht und Hoffnung gibt. Die Bibel bezeugt diese Erfahrung und
lädt in ihren Erfahrungsraum ein. Es ist ein karsamstäglicher
Raum, an der Schwelle, geprägt von einem Riss, unfertig, mit
mehr Fragen als Antworten, in der Spannung zwischen Tod und Leben.
Wie als Zusammenfassung und poetische Verdichtung von all dem Geschriebenen
zum Theologietreiben am Karsamstag zum Schluss zwei Gedichte.
Das erste stammt von dem Bibelwissenschaftler Fridolin Stier aus
seinen Tagebuchaufzeichnungen "Vielleicht ist irgendwo Tag"
von 1981 (Herder). Es ist ein eintrag vom 3.11.1971:
Vielleicht
Aus dem Spalt
in der Wand
des Alls
in das finstere
Verlies
brach plötzlich
o schön!
ein Schein
und schwand.
Ist vielleicht?
Ist irgendwo?
Vielleicht
ist
irgendwo
Tag.
Leonard Cohen singt im Song "Anthem"
There is a crack in everything
That's how the light gets in.
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