|
Wie es hätte kommen können
Horizonte März 2009
|
Die Schwiegermutter des Petrus kommt im Markusevangelium nur in
drei Versen vor (1,29-31). Jesus heilt sie vom Fieber und sie dient
ihm und den Jüngern. Vielleicht ist sie eine historische Figur.
Auf jeden Fall ist sie im Markusevangelium eine Symbolfigur. Symbol
wofür? Markus schreibt sein Evangelium ja unter dem Eindruck
der Zerstörung Jerusalems durch die römische Armee im
Jahr 70. Stadt und Tempel gingen in Flammen auf, Brände wüteten.
Von der Schwiegermutter heisst es wörtlich: "Sie hatte
den Fieberbrand". Ist sie Symbol für das brennende Jerusalem?
Dem römischen Feldzug gegen Jerusalem ging ein Aufstand jüdischer
Widerstandskämpfer (den Zeloten) voraus, der in Galiläa
begann. Sie waren von einer starken messianischen Hoffnung getragen
und erwarteten das Eingreifen Gottes. Der Messias würde kommen,
sich an ihre Spitze stellen und den Kampf zum Sieg führen.
Der Aufstand wurde zum Bürgerkrieg, weil die Zeloten die jüdische
Oberschicht bekämpften, die einen Konflikt mit den Römern
ablehnte. Als die römischen Truppen vorrückten und schliesslich
die Aufständischen (und Zehntausende Unbeteiligte) in Jerusalem
einschlossen, errichteten die Zeloten eine Schreckensherrschaft
in der Stadt. Die Hoffnung auf den Messias war zu einem tödlichem
Fieber geworden. Ist der Fieberbrand der Schwiegermutter symbolisch
damit verknüpft?
Die Schwiegermutter wird von ihrem Fieber geheilt und sorgt für
Jesus und die Jünger. Im griechischen Urtext steht hier das
Wort "diakonein", dienen. Es ist von höchster Bedeutung.
"diakonein" ist das Kennzeichen der Gemeinschaft, die
Jesus nachfolgt. "Wer unter euch gross sein will, sei euer
Diener" (10,43). Einander dienen hat messianische Qualität.
Es ist Zeichen für die Gegenwart des Reiches Gottes. Die Schwiegermutter
des Petrus ist also auch Symbol für die jesuanische, die christliche
Gemeinde.
Markus 1 erzählt eine Erfolgsgeschichte. Nach der Heilung der
Schwiegermutter kommt "die ganze Stadt" zu Jesus und er
heilt "viele, die an allen möglichen Krankheiten litten"(1,33-34).
Markus erzählt die Geschichte, wie es hätte kommen können
mit dem Messias Jesus in seiner Stadt. Die wirkliche Geschichte
verlief anders. Die Zeloten wollten einen anderen Messias, ihr Fieber
und die Brände der römischen Truppen zerstörten die
Stadt. Die Römer errichteten einen Wald von Kreuzen, Jerusalem
wurde zum Grab. Die Geschichte von der Heilung der Schwiegermutter
des Petrus ist die Umkehrung der Passionsgeschichte in ein heilvolles
Geschehen, in eine Auferstehungsgeschichte. Markus will, dass Christen
und Juden nach dem verlorenen Krieg des Jahres 70 sich neu aufeinander
zu bewegen. Der Ausgangspunkt dafür ist die Erfahrung des Verlustes:
des Landes mit fast allen seiner Bewohnerinnen und Bewohner, des
Tempels, der Hoffnung auf einen Kriegs-Messias. Aus diesem Verlust,
diesem Stillstand allen Lebens wächst am Ende des Markusevangeliums
in einem Gespräch am Grab die Frage nach einer neuen Deutung
der Geschichte, die der Geschichte Gottes mit seinem Volk treu bleibt
- zusammengefasst in dem Wort "Auferstehung". "Er
ist auferstanden. Er ist nicht hier", sagt der junge Mann im
Grab über den (über alle) Gekreuzigten (16,6,). "Er
geht euch voraus nach Galiläa". Wenn ihr dorthin geht,
könnt ihr sehen, was Auferstehung bedeutet. Das Gehen nach
Galiläa ist mit Angst und Schrecken verbunden. Es heisst, den
Toten und der Gewalt ins Auge zu sehen. Nach Galiläa gehen,
bedeutet, die Praxis Jesu beibehalten von der die Geschichten dort
erzählen: einander dienen, wie es die Schwiegermutter des Petrus
getan hat.
Die Hoffnung des Markus auf ein Miteinander von Juden und Christen
hat sich nicht erfüllt. Die christliche Tradition hat Israel
vergessen, ja verworfen. Das war ein Irrweg. Wir stehen am Anfang
des Markusevangeliums, wo es heisst: "Das Reich Gottes ist
nahe. Kehrt um" (Mk 1,15).
Peter Zürn
|