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Die Erzählung von der grossen Flut
Gen 6-9
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Was aber erzählt die biblische Geschichte genau? Für
das Verständnis eines Bibeltextes hilft es sich klarzumachen,
wo er in der Bibel steht. Die Sintfluterzählung ist Teil der
sogenannten Urgeschichte. Die Urgeschichte erzählt von Anfängen,
aber nicht von Einmaligen, sondern von sogenannten mitlaufenden
Anfängen wie es Hubertus Halbfas genannt hat. Sie erzählt
nichts Einmaliges, sondern Allmaliges. Sie beschäftigt sich
mit den Grundfragen der menschlichen Existenz zu allen Zeiten, mit
den grossen Fragen des Lebens: Ist diese Welt Zufall oder steckt
ein Sinn in ihr? Warum gibt es Männer und Frauen? Wie entsteht
Gewalt? Wie kann das Leben gelingen? Die Fragen sind die menschliche
Urfragen zu allen Zeiten. Die Urgeschichte gibt Antworten auf diese
Fragen in Form von Erzählungen.
Die Sintflutgeschichte bildet zusammen mit der Schöpfungsgeschichte
einen Rahmen um die Urgeschichten. Schöpfung und Flut hängen
zusammen. Die Sintfluterzählung übernimmt zahlreiche Worte
und Wendungen aus der Schöpfungsgeschichte. Es handelt sich
letztlich um zwei Schöpfungsgeschichten. Um eine erste und
eine zweite Schöpfung. Die erste Schöpfungsgeschichte
entwirft das ideale Bild der Welt, in der alles gut, ja sogar sehr
gut ist. Das zweite Bild von der Schöpfung in der Sintflutgeschichte
ist realistischer geworden. Sie zeigt ein Bild von der Welt, wie
sie wirklich ist. Die Fluterzählung verarbeitet die menschliche
Erfahrung, dass Ideale scheitern. Sie spricht davon, dass Gott unter
diesem Zustand leidet, aber wie am Ende seine Bundeszusage gilt
und zwar der Welt, wie sie nun einmal ist. Die Sintfluterzählung
antwortet also auf Fragen wie: Steht Gott auch angesichts von Scheitern
und Gewalt zu seiner Schöpfung? Oder ganz persönlich:
steht Gott angesichts meiner dunklen Seiten und meines Scheiterns
zu mir? Wodurch ist das Leben bedroht und gefährdet? Wie lässt
sich diese Bedrohung begrenzen oder gar aufhalten?
Welche Antwort gibt die Bibel auf diese Fragen. Sie gibt nicht
eine Antwort, sondern mehrere. Besser: Sie führt ein Gespräch
zwischen verschiedenen Antworten. Es gibt nicht die EINE Antwort.
Es gibt das bis heute andauernde Ringen um die Grundfragen in der
Beziehung zwischen Menschen und in der Beziehung zu Gott.
In der Sintflutgeschichte, wie sie heute in der Bibel steht, sind
zwei Erzählungen mit verschiedenen Antworten verbunden worden.
Die ältere Sintfluterzählung endet mit folgenden Worten
Gottes: Nicht noch einmal will ich den Erdboden verfluchen
um des Menschen willen! Auch wenn das Sinnen des menschlichen Herzens
böse ist von Jugend an. Nicht noch einmal! (Gen 8,21).
Bei den Menschen hat sich also nichts geändert durch die Flut.
Wer sich verändert hat, ist Gott. Die Flut hat Gott verwandelt.
Er ist zur Welt gekommen und er ist zum Menschen gekommen. Wodurch
hat sich Gott verändert? Durch seine Beziehung zu Noah, hebräisch
Noach. Der Name Noach besteht hebräisch aus den beiden Buchstaben
nun und chet. Das sind die beiden hebräischen Buchstaben aus
denen das Wort Gnade, Zuwendung besteht. Gnade im biblischen Sinn
bezeichnet ein gegenseitiges Geschehen jemanden für
sich einnehmen. Das tun Gott und Noah hier. Sie nehmen sich gegenseitig
füreinander ein. Noach ist also dem Namen nach voller Gnade.
Das verbindet ihn mit Maria auch sie ist voll der Gnade,
gratia plena.
Gott geht in Beziehung und wird durch die Beziehung verändert.
Das ist die theologische Antwort dieser ersten Sintfluterzählung:
Sie erzählt nicht von einem strafenden, sondern von einem sich
zuwendenden Gott. Sie verkündet Gottes grosse Geduld den Menschen
gegenüber wie sie auch sein mögen. Sie verspricht:
die Bosheit und die Gewalt wird die Welt nicht zugrunde richten.
Sie wird bestehen und Gott wird mit ihr sein. Die Zuneigung zwischen
Gott und den Menschen seiner Gnade sorgt dafür, dass sich der
Segen über der Schöpfung immer wieder erneuert und vergegenwärtigt:
Seid fruchtbar und mehret euch und bevölkert die Erde.
(Gen 8,1). Das ist die zweite Entfaltung des Grundwortes.
Lesen wir den Bibeltext genau: Wir sind mit Fruchtbarkeit und Vermehrung
gesegnet. Jede neue Geburt, jedes neue Leben, aber auch jede andere
Form von Fruchtbarkeit und schöpferischem Tun ist Ausdruck
dieses Segens. Jeder Neuanfang erneuert den Schöpfungsssegen.
Die zweite, die jüngere Sintfluterzählung (Gen 6,9-22)
beginnt mit einer Beschreibung Noahs und stellt heraus, wie gerecht
er ist. Die Erde dagegen ist erfüllt von Gewalttat. Die Schöpfungsordnung
hat sich umgedreht. Im Schöpfungsbericht ist die Erde erfüllt
mit Leben, jetzt mit Gewalttat. Auch dieses Gewaltpotential besteht
nach der Sintflut weiter. Die Utopie der gewaltlosen Schöpfung
scheint verloren. Aber Gott, der Liebhaber des Lebens, findet Wege
seine Utopie von der guten Schöpfung weiter zu verfolgen: Die
Schöpfung braucht Regeln für das Zusammenleben. Ohne klare
Regeln funktioniert es nicht. Es braucht einen realistischen Blick
für das bestehende Gewaltpotential. Zuerst wird das Verhältnis
zwischen Menschen und Tieren neu gedacht. Dort hält die Gewalt
Einzug. Die Tiere werden den Menschen zur Nahrung gegeben. Das paradiesische
Ideal vegetarischer Ernährung wird aufgegeben. Furcht und Schrecken
kommt zwischen die Tiere und die Menschen. Die Bibel hält die
Erinnerung daran wach, was unsere Essgewohnheiten für Tiere
bedeuten.
Anders soll es aber zwischen den Menschen sein. Drastische Worte
warnen vor Mord und Gewalt. Und ganz entscheidend: Gott macht sich
zum Anwalt jedes Gewaltopfers.
Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft,
und zwar für das Blut eines jeden von euch.
Für
das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner
Brüder.
Denn: als Abbild Gottes hat Gott den Menschen
gemacht.
Der Schlusssatz erinnert an den Schöpfungsbericht. Die Menschen
sind als Abbild Gottes geschaffen. Unsere Gottebenbildlichkeit zeigt
sich, wenn wir wie Gott für die Opfer von Gewalt eintreten.
Das Wort Gottes an seine Ebenbilder lautet: Vergesst die Opfer nicht,
vergesst das Mitleiden mit den Opfern von Gewalttaten nicht. Bleibt
in Beziehung. Das ist die dritte Entfaltung des Grundwortes.
In der Geschichte von der Sintflut, von Noah und der Arche kommen
Gott und die Menschen zur Welt, zur wirklichen Welt, wie sie nun
einmal ist. Sie werden realistischer. Sie verlieren die Utopie aber
nicht aus den Augen: Sie arrangieren sich nicht einfach mit dem,
was ist, sondern bewahren den Blick für das, was sein kann.
Sie wandeln sich sozusagen von idealistischen Utopisten zu realistischen
Utopisten. In diesem Sinne davon bin ich überzeugt
sind wir heute herausgefordert, das Verhältnis zwischen uns
Menschen und den anderen Lebewesen weiter zu denken in Richtung
von Ökologie und Ökumene, einem gerechteren und friedlicheren
Zusammenleben im oikos, im gemeinsamen Welthaus.
Die Sintfluterzählung spricht von einem Neuanfang, einer zweiten
Schöpfung, einer zweiten Geburt. Gott kehrt um und kommt zur
Welt.
Sollte er nicht auch den Menschen die Gelegenheit zur Umkehr einräumen?
Für die Ertrunkenen der Sintflut, für die drei Menschen
auf unserem Altarbild, kommt das zu spät. Bei aller Freude
über den Neuanfang ist die Totenstille der Toten ein grosses
Problem der göttlichen Gerechtigkeit:
Die jüdische Bibelauslegung hat das tief empfunden und darüber
nachgedacht. Sie hat dabei an die Erzählung vom Auszug aus
Ägypten angeknüpft, wo ja auch Tote zurückbleiben,
wo ja die Befreiung der einen auf Kosten der anderen geht, die in
den Fluten ertrinken. Die Mischna erzählt die Geschichte weiter:
Als die Israeliten durch das Meer gezogen waren und die Ägypter
in den Wassermassen ertrunken waren, wollten die Engel anfangen
zu jubeln wegen der Rettung des Volkes Israel. Gott untersagte ihnen
diesen Jubel aus Trauer um die Ägypter, denn auch sie
(die Ägypter) sind das Werk meiner Hände - und ihr wollt
Jubelgesänge anstimmen?".
Das ist keine endgültige Antwort. Es bleibt eine offene Frage,
eine radikale Anfrage an Gottes Gerechtigkeit. Die jüdische
Bibelauslegung fordert uns auf, uns dieser Frage zu stellen. Sie
lädt uns ein damit untereinander und mit Gott ins Gespräch
zu kommen.
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