karsamstags-theologie meine heiligen links
peter zuern buchtipps taeglich zu lesen...
veranstaltungen raum fuer gaeste kontakt

Die Erzählung von der grossen Flut

Gen 6-9

Was aber erzählt die biblische Geschichte genau? Für das Verständnis eines Bibeltextes hilft es sich klarzumachen, wo er in der Bibel steht. Die Sintfluterzählung ist Teil der sogenannten Urgeschichte. Die Urgeschichte erzählt von Anfängen, aber nicht von Einmaligen, sondern von sogenannten mitlaufenden Anfängen – wie es Hubertus Halbfas genannt hat. Sie erzählt nichts Einmaliges, sondern Allmaliges. Sie beschäftigt sich mit den Grundfragen der menschlichen Existenz zu allen Zeiten, mit den grossen Fragen des Lebens: Ist diese Welt Zufall oder steckt ein Sinn in ihr? Warum gibt es Männer und Frauen? Wie entsteht Gewalt? Wie kann das Leben gelingen? Die Fragen sind die menschliche Urfragen zu allen Zeiten. Die Urgeschichte gibt Antworten auf diese Fragen in Form von Erzählungen.

Die Sintflutgeschichte bildet zusammen mit der Schöpfungsgeschichte einen Rahmen um die Urgeschichten. Schöpfung und Flut hängen zusammen. Die Sintfluterzählung übernimmt zahlreiche Worte und Wendungen aus der Schöpfungsgeschichte. Es handelt sich letztlich um zwei Schöpfungsgeschichten. Um eine erste und eine zweite Schöpfung. Die erste Schöpfungsgeschichte entwirft das ideale Bild der Welt, in der alles gut, ja sogar sehr gut ist. Das zweite Bild von der Schöpfung in der Sintflutgeschichte ist realistischer geworden. Sie zeigt ein Bild von der Welt, wie sie wirklich ist. Die Fluterzählung verarbeitet die menschliche Erfahrung, dass Ideale scheitern. Sie spricht davon, dass Gott unter diesem Zustand leidet, aber wie am Ende seine Bundeszusage gilt und zwar der Welt, wie sie nun einmal ist. Die Sintfluterzählung antwortet also auf Fragen wie: Steht Gott auch angesichts von Scheitern und Gewalt zu seiner Schöpfung? Oder ganz persönlich: steht Gott angesichts meiner dunklen Seiten und meines Scheiterns zu mir? Wodurch ist das Leben bedroht und gefährdet? Wie lässt sich diese Bedrohung begrenzen oder gar aufhalten?

Welche Antwort gibt die Bibel auf diese Fragen. Sie gibt nicht eine Antwort, sondern mehrere. Besser: Sie führt ein Gespräch zwischen verschiedenen Antworten. Es gibt nicht die EINE Antwort. Es gibt das bis heute andauernde Ringen um die Grundfragen in der Beziehung zwischen Menschen und in der Beziehung zu Gott.
In der Sintflutgeschichte, wie sie heute in der Bibel steht, sind zwei Erzählungen mit verschiedenen Antworten verbunden worden.
Die ältere Sintfluterzählung endet mit folgenden Worten Gottes: „Nicht noch einmal will ich den Erdboden verfluchen um des Menschen willen! Auch wenn das Sinnen des menschlichen Herzens böse ist von Jugend an. Nicht noch einmal!“ (Gen 8,21).
Bei den Menschen hat sich also nichts geändert durch die Flut. Wer sich verändert hat, ist Gott. Die Flut hat Gott verwandelt. Er ist zur Welt gekommen und er ist zum Menschen gekommen. Wodurch hat sich Gott verändert? Durch seine Beziehung zu Noah, hebräisch Noach. Der Name Noach besteht hebräisch aus den beiden Buchstaben nun und chet. Das sind die beiden hebräischen Buchstaben aus denen das Wort Gnade, Zuwendung besteht. Gnade im biblischen Sinn bezeichnet ein gegenseitiges Geschehen – jemanden für sich einnehmen. Das tun Gott und Noah hier. Sie nehmen sich gegenseitig füreinander ein. Noach ist also dem Namen nach voller Gnade. Das verbindet ihn mit Maria – auch sie ist voll der Gnade, gratia plena.

Gott geht in Beziehung und wird durch die Beziehung verändert. Das ist die theologische Antwort dieser ersten Sintfluterzählung: Sie erzählt nicht von einem strafenden, sondern von einem sich zuwendenden Gott. Sie verkündet Gottes grosse Geduld den Menschen gegenüber – wie sie auch sein mögen. Sie verspricht: die Bosheit und die Gewalt wird die Welt nicht zugrunde richten. Sie wird bestehen und Gott wird mit ihr sein. Die Zuneigung zwischen Gott und den Menschen seiner Gnade sorgt dafür, dass sich der Segen über der Schöpfung immer wieder erneuert und vergegenwärtigt: „Seid fruchtbar und mehret euch und bevölkert die Erde.“ (Gen 8,1). Das ist die zweite Entfaltung des Grundwortes.
Lesen wir den Bibeltext genau: Wir sind mit Fruchtbarkeit und Vermehrung gesegnet. Jede neue Geburt, jedes neue Leben, aber auch jede andere Form von Fruchtbarkeit und schöpferischem Tun ist Ausdruck dieses Segens. Jeder Neuanfang erneuert den Schöpfungsssegen.

Die zweite, die jüngere Sintfluterzählung (Gen 6,9-22) beginnt mit einer Beschreibung Noahs und stellt heraus, wie gerecht er ist. Die Erde dagegen ist erfüllt von Gewalttat. Die Schöpfungsordnung hat sich umgedreht. Im Schöpfungsbericht ist die Erde erfüllt mit Leben, jetzt mit Gewalttat. Auch dieses Gewaltpotential besteht nach der Sintflut weiter. Die Utopie der gewaltlosen Schöpfung scheint verloren. Aber Gott, der Liebhaber des Lebens, findet Wege seine Utopie von der guten Schöpfung weiter zu verfolgen: Die Schöpfung braucht Regeln für das Zusammenleben. Ohne klare Regeln funktioniert es nicht. Es braucht einen realistischen Blick für das bestehende Gewaltpotential. Zuerst wird das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren neu gedacht. Dort hält die Gewalt Einzug. Die Tiere werden den Menschen zur Nahrung gegeben. Das paradiesische Ideal vegetarischer Ernährung wird aufgegeben. Furcht und Schrecken kommt zwischen die Tiere und die Menschen. Die Bibel hält die Erinnerung daran wach, was unsere Essgewohnheiten für Tiere bedeuten.

Anders soll es aber zwischen den Menschen sein. Drastische Worte warnen vor Mord und Gewalt. Und ganz entscheidend: Gott macht sich zum Anwalt jedes Gewaltopfers.
„Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft, und zwar für das Blut eines jeden von euch. … Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder. … Denn: als Abbild Gottes hat Gott den Menschen gemacht.

Der Schlusssatz erinnert an den Schöpfungsbericht. Die Menschen sind als Abbild Gottes geschaffen. Unsere Gottebenbildlichkeit zeigt sich, wenn wir wie Gott für die Opfer von Gewalt eintreten. Das Wort Gottes an seine Ebenbilder lautet: Vergesst die Opfer nicht, vergesst das Mitleiden mit den Opfern von Gewalttaten nicht. Bleibt in Beziehung. Das ist die dritte Entfaltung des Grundwortes.

In der Geschichte von der Sintflut, von Noah und der Arche kommen Gott und die Menschen zur Welt, zur wirklichen Welt, wie sie nun einmal ist. Sie werden realistischer. Sie verlieren die Utopie aber nicht aus den Augen: Sie arrangieren sich nicht einfach mit dem, was ist, sondern bewahren den Blick für das, was sein kann. Sie wandeln sich sozusagen von idealistischen Utopisten zu realistischen Utopisten. In diesem Sinne – davon bin ich überzeugt – sind wir heute herausgefordert, das Verhältnis zwischen uns Menschen und den anderen Lebewesen weiter zu denken in Richtung von Ökologie und Ökumene, einem gerechteren und friedlicheren Zusammenleben im oikos, im gemeinsamen Welthaus.

Die Sintfluterzählung spricht von einem Neuanfang, einer zweiten Schöpfung, einer zweiten Geburt. Gott kehrt um und kommt zur Welt.
Sollte er nicht auch den Menschen die Gelegenheit zur Umkehr einräumen?
Für die Ertrunkenen der Sintflut, für die drei Menschen auf unserem Altarbild, kommt das zu spät. Bei aller Freude über den Neuanfang ist die Totenstille der Toten ein grosses Problem der göttlichen Gerechtigkeit:
Die jüdische Bibelauslegung hat das tief empfunden und darüber nachgedacht. Sie hat dabei an die Erzählung vom Auszug aus Ägypten angeknüpft, wo ja auch Tote zurückbleiben, wo ja die Befreiung der einen auf Kosten der anderen geht, die in den Fluten ertrinken. Die Mischna erzählt die Geschichte weiter:
Als die Israeliten durch das Meer gezogen waren und die Ägypter in den Wassermassen ertrunken waren, wollten die Engel anfangen zu jubeln wegen der Rettung des Volkes Israel. Gott untersagte ihnen diesen Jubel aus Trauer um die Ägypter, denn „auch sie (die Ägypter) sind das Werk meiner Hände - und ihr wollt Jubelgesänge anstimmen?".
Das ist keine endgültige Antwort. Es bleibt eine offene Frage, eine radikale Anfrage an Gottes Gerechtigkeit. Die jüdische Bibelauslegung fordert uns auf, uns dieser Frage zu stellen. Sie lädt uns ein damit untereinander und mit Gott ins Gespräch zu kommen.