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Und wo bleibt die Vergebung?
Die Geschichte von Kain und Gott
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"Männer kommen zu mir und sagen: Mir ist die Hand ausgerutscht.
Wenn die Beratung dazu führt, dass ein Mann sagt: Ich habe
zugeschlagen, dann ist der wichtigste Schritt getan. Der Mann fängt
an, Verantwortung für sich und sein Handeln zu übernehmen."
So beschreibt ein Berater für Männer, die gewalttätig
geworden sind, seine Arbeit. Das führt mitten in die Geschichte
von Kain und Abel hinein. Sie erzählt von einem Mann, der zuschlägt
- mit tödlichen Folgen. Sie erzählt von einem Täter,
der keine Verantwortung für sein Handeln übernimmt - ein
zweifacher Sündenfall. Was erzählt uns diese Geschichte
von Gottes Vergebung?
Religiös erwachsen werden
Als Sündenfallgeschichte der Bibel wird die Erzählung
von Adam und Eva im Garten Eden bezeichnet. Dabei kommt der Ausdruck
"Sünde" in diesem Text überhaupt nicht vor.
Zum ersten Mal fällt er in Genesis 4,6, in der Begegnung zwischen
Kain und Gott. Kain hat Gott ein Opfer von den Früchten des
Ackerbodens und seiner Arbeit gebracht; Gott hat Kain und sein Opfer
nicht angeschaut. Das löst in Kain heftige Gefühle aus
und er senkt seinen Blick zu Boden. Gott fragt nach: "Warum?",
und erklärt seine Nachfrage: "Wenn du recht tust, darfst
du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür
die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen. Doch
du, werde Herr über ihn!" (4,7). Gott traut Kain viel
zu. Er traut ihm zu, den Dämon Sünde zu beherrschen. Er
traut ihm sogar zu, dass er sich nicht davon abhängig macht,
ob sein Opfer angeschaut wird. "Mach dich nicht vom Blick Anderer
- nicht einmal vom Blick Gottes - abhängig; trau deiner Unterscheidung
von Gut und Nicht-Gut (so wörtlich im Hebräischen) und
entscheide dich für das Gute, du kannst es." In der Beziehung
zwischen Kain und Gott geht es darum, erwachsen und eigenverantwortlich
zu werden - auch und gerade in religiösen Fragen.
Gefühle bringen in Beziehung
Was Kain erlebt, ist uns vertraut. Kain zeigt sich mit den Früchten
seiner Arbeit. Er zeigt sich mit dem, was ihm wichtig ist. Das bringt
er vor Gott, damit geht er (mit Gott) in Beziehung. Und wird nicht
gesehen. Seine Erwartung wird enttäuscht. Das löst heftige
Gefühle aus. "Es überlief Kain ganz heiss" heisst
es in der Einheitsübersetzung. Diese Hitze wird vermutlich
von einem ganzen Sammelsurium von Gefühlen ausgelöst.
Ich stelle mir vor, Kain fühlt sich abgewertet, zurückgesetzt,
enttäuscht, traurig, er schämt sich, hat Angst, ist ärgerlich,
wütend und
Diese Gefühle sind einfach da. All diese
Gefühle dürfen sein. Gefühle sind weder gut noch
böse. Aber Gefühle wahrzunehmen, mit den verschiedenen
Gefühlen in Kontakt zu kommen, macht es möglich, mit ihnen
zu leben, nicht ohne oder gar gegen sie. Hier beginnt die Verantwortung.
Im Bibeltext interessiert sich Gott für die Gefühle Kains
und fragt nach ihnen - ohne sie zu bewerten. Kain aber kommt nicht
in Kontakt mit seinen Gefühlen. Würde ihm das gelingen,
könnte er sie vor Gott bringen. Er könnte über seine
Enttäuschung, seine Trauer, seine Wut mit Gott in Kontakt treten.
Denn da gehören sie hin, in diese Beziehung. Kain kommt nicht
in Kontakt zu seinen Gefühlen und entscheidet sich zum radikalen
Beziehungsabbruch. Er wählt dafür, wie die meisten gewalttätigen
Männer die Person, die ihm am nächsten steht.
Kain und Gott in Beziehung
Gottes Beziehung zu Kain bricht trotzdem nicht ab. Die Geschichte
in Genesis 4,1-16 ist die Geschichte von Kain und Gott. 16 Verse
umfasst der Text, in 14 davon geht es um Kain und Gott. Kains Schmerz,
von Gott in einem entscheidenden Moment nicht gesehen zu werden,
ist gross und verständlich. Aber Gott bleibt in Beziehung zu
ihm. Diese Beziehung endet auch nicht, als Kain seinen Bruder Abel
erschlägt. Sie endet auch nicht, als Kain auf Gottes Frage
"Was hast du getan?" schweigt. Hier wird Kain nach seiner
Verantwortung gefragt und weicht vor ihr aus. Aber der Raum für
Ausflüchte ist eng geworden. Nicht einmal das Senken des Blicks
auf den Boden hilft noch. Denn von dort schreit das Blut Abels.
Mit der Gewalttat gegen seinen Bruder hat Kain die bisher tragenden
Beziehungen erschüttert: "Wenn du den Ackerboden bestellst,
wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst
du auf der Erde sein" (4,12). Was Gott hier ausspricht, ist
keine von aussen verhängte Strafe, sondern Auswirkung der Tat.
Kain spürt das. Er hat das Vertrauen in alle Beziehungen und
ins Leben verloren: "Ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen,
Gott. Wer mich findet, wird mich erschlagen" (4,14).
Und wo bleibt die Vergebung?
Kain ist am Ende: "Zu gross ist meine Schuld, als dass ich
sie tragen könnte" (4,13). Vielleicht denken Sie jetzt:
Hier kann nur noch die Vergebung Gottes helfen. Aber im Bibeltext
ist keine Rede davon. Stattdessen von einem Zeichen für Kain.
Wir erfahren nicht, wie es aussieht, aber wozu es dient: dem Schutz
von Kains Leben. Niemand soll ihn töten, auch er selbst sich
nicht. "Jeder, der Kain erschlägt, soll siebenfacher Rache
verfallen", sagt Gott. Sieben ist die Zahl der Fülle.
Von der grösstmöglichen "Strafe" ist die Rede,
als Zeichen dafür, dass sie nie eintreten soll. Auf Gewalt
soll nicht mit Gewalt reagiert werden. Aus Gewalt soll nicht noch
mehr Gewalt werden. Das Kainszeichen ist ein Zeichen, das Gewaltspiralen
unterbricht.
Gott traut Kain auch jetzt noch viel zu - offenbar mehr als Kain
sich selbst. Gott traut ihm zu, dass er seine Schuld tragen kann.
Unter Schuld verstehe ich die Wirkungen und Folgen seiner Tat. Sie
sind da und können nicht mehr rückgängig gemacht
werden. Aber Gott traut Kain zu, dass er mit diesen Folgen leben
kann. Er kann weiterhin auf Gottes Unterstützung hoffen und
er bleibt handlungsfähig. Er bleibt nicht zwanghaft in seine
Untat verstrickt. Er kann ihre Folgen verantwortlich gestalten.
Kain erhält keine Vergebung. Eine wichtige Botschaft für
Christinnen und Christen. Wenn wir uns Vergebung so vorstellen,
dass sie die Folgen einer unheilvollen Tat auslöscht und uns
aus der Verantwortung dafür nimmt, werden wir weder uns noch
Gott gerecht. Da ist die Geschichte von Kain und Gott schon weiter.
Kain eröffnen sich durch das Zeichen Gottes neue Lebenswege
- der Vergebung entgegen - mit allem, was war.
"Da ging Kain von Gottes Angesicht weg"
Lebt Kain der Vergebung entgegen? Zu Beginn möchte er von Gott
gesehen werden. Er zeigt sich. Am Ende der Geschichte hält
Kain es nicht mehr aus, von Gott gesehen zu werden. Als Mörder
seines Bruders, als einer mit heissen Gefühlen, als einer voller
Misstrauen will er sich nicht zeigen. Es ist auch schwer, ist kaum
auszuhalten, sich so zu zeigen, wie man ist. Auch mit den dunklen
und schwachen Seiten, mit der eigenen Hilflosigkeit und Bedürftigkeit.
Entsprechend antwortet die Gewaltberatung auf die Frage, warum Männer
gewalttätig werden: "Sie sind lieber gewalttätig
als schwach."
Kain geht weg von Gottes Angesicht. Er lebt weiter und findet auch
wieder Mut zu Beziehungen. Die Fortsetzung der Geschichte erzählt
von Kain, seiner Frau und ihren Nachkommen. Kain und seine Familie
schaffen Kultur. Sie gründen Städte, bringen Musik, Handwerk
und Technik in die Welt (4,17-23). Aber die Bibel spricht auch aus,
was zu befürchten war: Ihre ungelöste Gewaltgeschichte
holt die Menschen wieder ein. Einer der Nachkommen Kains, Lamech,
macht aus dem Zeichen Gottes, das Leben schützen und Gewaltspiralen
unterbrechen soll, einen Aufruf zur grenzenlosen Gewalt. "Ja,
einen Mann erschlage ich für eine Wunde und einen Knaben für
eine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigmal"
(4,24).
Den Namen Gottes anrufen
Gewalt und Gegengewalt sind kein Schicksal, es gibt Alternativen.
Die Bibel erzählt, dass Adam und Eva ein Sohn geschenkt wird.
Eva nennt ihn Set, Setzling. Mit diesem Setzling ist Erinnerung
verbunden: "Gott setzte mir anderen Nachwuchs ein für
Abel, weil ihn Kain erschlug" (4,25). Abel wird erinnert. Sein
Blut schreit nicht mehr nur vom Ackerboden zu Gott. Die Menschenfamilie
erinnert sich an die Opfer. Aber auch die Täter und ihre Tat
bleiben in Erinnerung, werden nicht verdrängt. Es ist Eva,
die Mutter allen Lebens, die dafür Verantwortung übernimmt.
Sie hat aus ihrer Geschichte gelernt . Adam sagt in der ganzen Geschichte
kein Wort. Seine Nachkommen machen es besser. "Damals begann
man den Namen Gottes anzurufen", heisst es schliesslich. Menschen,
die sich erinnern und sich mit ihren hellen und dunklen Seiten zeigen
wollen, gehen mit Gott in Beziehung.
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