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Gedanken und Informationen zu Gen 27
aus: WerkstattBibel 12. "Auf krummen und geraden
Wegen". Biblische Familiengeschichten erzählen
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Isaak und Rebekka - Esau und Jakob
Die Erzählung bezeichnet Esau durchgängig als Sohn Isaaks,
Jakob da-gegen als Sohn Rebekkas. Gen 25,28 bringt die Beziehungen
auf den Punkt: "Isaak hatte Esau lieber, denn er Ass gerne
Wildbret; Rebekka aber hatte Jakob lieber."
Die Auseinandersetzungen zwischen Esau und Jakob beginnen bereits
im Mutterleib (Gen 25,22ff.), als die Kinder einander so stoßen,
dass Rebekka beunruhigt wird. Esau ist der Erstgeborene der Zwillinge,
ver-kauft dem Jakob aber sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht
(Gen 25,29ff.). Das scheint allerdings für Isaak keine Rolle
bei der Frage zu spielen, wem er nun - da er sich dem Tod nahe fühlt
- seinen Segen ge-ben soll: Esau, seinem Erstgeborenen. Isaak wird
sicherlich auch von seiner eigenen Geschichte eingeholt, Esau gleicht
stark Isaaks Bruder, Ismael. In drei kurzen Sätzen vor und
nach unserer Textstelle (Gen 26,34-35 und Gen 27,46) wird ein Grund
für die Distanz zwischen Rebekka und Esau genannt: Esaus Heirat
mit zwei ausländischen Frauen. Die Sorge um das Heiraten innerhalb
des verwandten Stam-mes verbindet Isaak und Rebekka. Sie schicken
Jakob zu Rebekkas Vater Laban, um ihn vor Esau zu schützen
und damit er eine Frau aus der Fa-milie findet (Gen 27,43 und 28,1-2).
Dabei spricht Isaak seinem Sohn Jakob einen (weiteren) Segen zu
(Gen 28,1-4).
Rebekka ist die Person innerhalb der Familie, die am meisten wahr-nimmt
und am besten informiert ist: sie hört das Gespräch zwischen
Isaak und Esau (Gen 27,5) und sie hört über Dritte von
Esaus Absicht, sich an Jakob zu rächen (Gen 27, 42). Der Frau
mit den offenen Sinnen steht der blinde Isaak gegenüber.
Wirkmächtige Worte im biblischen Verständnis
In unserem Alltagsverständnis ist ein Wort wesentlich eine
Aussage. Es zeichnet eine vorgegebene Wirklichkeit nach, darin bemisst
sich seine Wahrheit. Die wirkmächtige Seite von Worten ist
uns weniger bewusst. Trotzdem ist sie vorhanden. Der Satz "die
Sitzung ist eröffnet" bewirkt in der Regel, was er aussagt.
Im Altertum war die Aufmerksamkeit für Worte oft gerade auf
ihre Kraft, ihre Wirkmächtigkeit gerichtet. Ein Wort sollte
Geschehen nicht nachzeichnen, sondern in Gang setzen, es sollte
Wirklichkeit schaffen. Außerdem war man davon überzeugt,
das die Kraft eins Wortes unter anderem abhängt von der Person,
die es aus-spricht. War sie kraftbegabt, dann war auch ihr Wort
mächtig und das wurde verstärkt, wenn es in einer besonderen
Situation des Lebens ge-sprochen wurde. Dies galt insbesondere für
Segen und Fluch.
Der greise Isaak hatte alle seine Segenskraft in seine Worte gelegt
und dem vor ihm Knieenden zugesprochen. Und so wenig man einen abge-schossenen
Pfeil aus der Luft wieder zurückholen kann, so wenig kann man
einen wirkmächtigen Segen widerrufen. Er ist eben nicht nur
Aus-druck einer Gesinnung, sondern entlassene Kraft. Sobald die
Worte auf die gesegnete Person treffen, entlassen sie ihre Macht
in sie, in sie hin-ein. Beim Fluch wäre es genauso. Wenn die
Mutter dem furchtsamen Jakob sagt: "Überlasse den Fluch
mir!", dann will sie ihn nicht nur be-schwichtigen; dann hat
auch sie damit ein wirkmächtiges Wort gespro-chen. Dieses mütterliche
Wort kann zwar nicht den väterlichen Fluch unwirksam machen,
aber es will ihn umlenken. Die Mutter ist bereit, sich für
den Sohn zu opfern.
Man ist heute leicht geneigt, solche Vorstellungen als magisch abzutun.
Immerhin ist zu bedenken, dass auch heute ein einmal ausgesprochenes
Wort einen Tatbestand schaffen kann, der durch nichts mehr aus der
Welt zu schaffen ist und von dem Leben abhängen, z.B. bei Kriegserklä-rungen
oder Friedensschlüssen, die doch nur aus Worten bestehen.
Mit dem Familiensegen gibt Isaak die Lebenskraft der Familie weiter.
Das erfordert nach dem damaligen Verständnis eine gewaltige
Anstren-gung. Das wiederum erklärt, warum er vorher seinen
Sohn ausschickt, um ihm ein leckeres und kräftiges Mahl zu
bereiten.
Der Segen und seine Wirkung:
Der Inhalt des Segens, den Isaak seinem Sohn Jakob gibt, ist ein
sehr Ir-discher. Da ist die Rede vom Tau des Himmels, vom Fett der
Erde, von viel Korn und Most. Klar erkennbar werden Fäden aus
der Schöp-fungsgeschichte, in der Gott die Menschen segnet
("Seid fruchtbar und mehret euch" Gen 1,28) und der Wiederholung
dieses Segens nach der Sintflut (Gen 9,1) aufgenommen und eingewebt.
Es geht um das Wohl-ergehen des Menschen in der von Gott geschaffenen
Welt.
Interessanterweise knüpft Isaak in der Bildsprache des Segens
nicht an die Lebenswelt Esaus (z.B. mit Jagderfolg und Wildreichtum)
an, son-dern nimmt die Zukunft der Kinder Jakobs vorweg, die Acker-
und Wein-bauern sein werden. Wieviel Isaak von dem, was wirklich
beim Segen vorgeht, ahnt oder weiß, ist eine der Fragen dieses
Textes.
Neben dem Wohlergehen verheißt der Segen auch Macht. Isaak
be-stimmt Jakob mit den Worten: "Sei Herr über deine Brüder"
zum künfti-gen Familienoberhaupt, da mit dem Ausdruck "Brüder"
nach damaligem Verständnis alle männlichen Verwandten
gemeint sind. Ohne es zu wi-ssen, erfüllt Isaak damit den an
Rebekka vor der Geburt der Zwillinge ergangenen Orakelspruch (Gen
25,23). Als Abschluss übernimmt Isaak eine Formulierung aus
der ersten Verheißung an Abraham (Gen 12,3): "Die dir
fluchen seien verflucht, und die dich segnen, seien gesegnet".
Er reicht damit die Verheißung des göttlichen Schutzes
vor Feinden und die Kraft, andere am Segen teilhaben zu lassen,
an Jakob weiter.
Ein sinnlicher Text
Sinnliches und Sinneswahrnehmungen spielen in unserem Text eine
wichtige Rolle. Isaaks Blindheit macht die Täuschung erst möglich
bzw. lässt ihn sie nicht durchschauen. Der Text lässt
letztlich offen, wie viel Isaak wirklich ahnt und "sieht".
Der Segen ist mit einem besonderen Es-sen, einem leckeren Mahl,
verbunden.
Das Täuschungsmanöver Jakobs und Rebekkas ist ein einziges
komödi-antisches Spiel mit Sinneseindrücken, dem Ertasten
der Haut, dem Schmecken des Essens, dem Hören der Stimme und
dem Nichtsehen des Sichtbaren (oder Offensichtlichen?). Als Isaak
seinen Sohn küsst und den Duft seiner Kleider riecht, motiviert
ihn das zum Beginn seines Segens: "Ja, mein Sohn duftet wie
das Feld, das der Herr gesegnet hat." (27,27b)
Die Szene als Esau und Jakob die Täuschung erkennen ist voller
starker Gefühle: Esau erzittert heftig, schreit aufs Äußerste
verbittert und weint schließlich laut. (27,33-38).
Die Blindheit Isaaks
Eine besondere Brisanz erhält die List Rebekkas und Jakobs
durch die Blindheit Isaaks. Blinde und Taube sind unter den besonderen
Schutz der Gebote Gottes gestellt (vgl. Lev 19,14 und Dtn 27,18).
Namen und ihre Bedeutungen: Jakob
Die Bedeutung des Namens Jakob ist nicht völlig klar. Am wahrschein-lichsten
ist aber, das der Name eine verkürzte Form von "Ja'akob-El",
Gott möge schützen, darstellt. Die biblische Geschichte
deutet ihn bei der Geburt der Zwillinge als "Fersenhalter"
(Gen 27,26) nach dem he-bräischen Wort "akeb" für
Ferse. Durch den Bezug zum Wort "akab" (verdrängen)
deutet Esau den Namen Jakob als "Betrüger": "Er
hat mich jetzt schon zweimal betrogen (verdrängt)" (Gen
27,36). Diese Deutung nimmt der Prophet Hosea auf (Hos 12,4).
Schuld - Betrug - Gnade
Ist das Handeln Rebekkas und Jakobs unmoralisch? Laden Sie Schuld
auf sich? Diese Fragen werden von der Erzählung weder gestellt
noch beantwortet. Es wird zwar ein Bild von seltsamer Schuldverstrickung
gezeichnet, aber nichts über subjektive, persönliche Schuldanteile
ge-sagt. Alle werden hineinverwoben in ein undurchschaubares Drama
des Heilshandeln Gottes.
Heißt das, Gottes Segen lässt sich erlisten? Die nachfolgenden
Ja-kobserzählungen sprechen das Urteil. Der Betrüger wird
betrogen. Um sieben Jahre seines Lebens betrügt ihn sein Schwiegervater
und Onkel; nie mehr sieht er seine Mutter; um das Glück vieler
Jahre mit seinem Sohn Josef betrügen ihn die eigenen Söhne.
Der Name, der sich aus der Geschichte seines Betrugs herausgesponnen
hat, wird sein lebens-langer Begleiter, der Betrüger ist auch
der Betrogene. Am Ende, wenn sich alle Lügengespinste lösen,
ist er ein alter Mann; ein Mann, den Gott nicht wegen seiner Verschlagenheit,
sondern trotz seiner Gaunereien gern hat und zum guten Ziel begleitet.
Nicht seine Klugheit und List, sondern Gottes Gnade lässt ihn
dieses Ziel erreichen.
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