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Nicht Sündenfall, sondern Menschwerdung
Zu den Lesungen am 1. Fastensonntag
Alttestamentliche Lesung: Gen 2,79, 3,17
Evangelium: Mt 4,111
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«Der Sündenfall» so ist Gen 3 in der Einheitsübersetzung
überschrieben. Der Titel stammt nicht aus dem Bibeltext, sondern
ist Interpretation. Lässt sich die Geschichte anders lesen?
Mit Israel lesen
«Kol Ischa» («Stimme der Frau») war Buch
des Monats Dezember auf www.bibelwerk.ch. Darin kommentieren jüdische
Frauen die Wochenabschnitte der jüdischen Leseordnung. Rabbinerin
Eveline Goodman-Thau legt den Abschnitt Bereschit (Gen 1,16,8)
aus. Die Textpassagen, die die katholische Leseordnung zusammenstellt,
liest sie so:1
«Wajizer» «und (Gott) formte (den Menschen)».
Das erste Wort von Gen 2,7 beinhaltet zweimal den Buchstaben «Jud».
Die rabbinische Auslegung erkennt darin zwei menschliche Triebe,
den jezer ha-tow und den jezer ha-ra, den guten und den schlechten
Trieb. Der Text illustriert die menschliche Entscheidungs- und Handlungsfreiheit
zwischen den beiden Trieben und ihr Verhältnis zu Gottes Vorsehung.
Goodman-Thau erkennt die Widersprüchlichkeit von Gottes Handeln:
«Wenn Gott wirklich verhindern wollte, dass Adam und Eva vom
Baum der Erkenntnis essen, hätte er sie ja nicht ins Paradies
gesetzt, und mehr noch, er hätte sie nicht darauf aufmerksam
gemacht.» Sie folgert: «Ergo wollte Gott, dass der Mensch
Gut und Böse erkennen soll, und auch, dass der Mensch sterblich
ist.» Man ist, was man isst, «durch die Verbindung mit
der Welt bekommt der Mensch das Bewusstsein seines Menschseins,
Gut und Böse zu erkennen und dementsprechend zu handeln»
(30). Gott hat alles vorausgesehen und den Menschen die Wahlfreiheit
gegeben (vgl. Dtn 30,1519). Jüdisches Denken stellt sich
gegen jede Vorstellung der Geschichte, welche die menschliche Freiheit
eingrenzt. Es hält damit das Paradox zwischen der Allwissenheit
Gottes und der menschlichen Entscheidungsfreiheit aus. «Alles
ist vorhergesehen, aber die freie Wahl ist gegeben» lautet
eine der Grundüberzeugungen (Sprüche der Väter 3,19).
Die Grundlage der Weltordnung ist Beziehung, ein Bund zwischen Gott
und Menschen. Die eine Seite, Gott, hält diesen Bund aus freier
Entscheidung und trotz aller Brüche von Seiten der Menschen.
Darin drückt sich die Sehnsucht nach Beziehung (hebr. Chessed)
aus. Die menschliche Seite ist aufgerufen, sich frei handelnd in
diesen Bund zu stellen. Das wird immer vorläufig und fragmentarisch
bleiben und ist doch wesentlich für das Menschsein: «Du
brauchst die Arbeit nicht zu vollenden, aber du bist auch nicht
frei, dich ihr zu entziehen» (Sprüche der Väter
2,21).
Gen 3 beginnt mit der Beziehung zwischen Schlange und Frau. Im
(Streit-)Gespräch legen sie die Weisungen Gottes aus. «Hat
Gott wirklich gesagt ... ?» «Von den Früchten
der Bäume dürfen wir essen» (3,12). Die Frau
bezieht Gottes Weisung bezüglich der Bäume auf ihre Früchte,
von denen bisher nicht die Rede war. Es wird deutlich, dass es sich
bei der Erkenntnis von Gut und Böse um eine Frage von Leben
und Tod handelt. Die Entscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen
Leben und Tod ist die wesentliche menschliche Herausforderung. Deswegen
steht der Baum der Erkenntnis im Mittelpunkt der Geschichte, nicht
der Baum des ewigen Lebens. Die Frau nimmt die Herausforderung an
und das Risiko des Todes auf sich, weil sie nicht auf die Erkenntnis
von Gut und Böse verzichten kann und will. Das ist ja ihre
Aufgabe. Dazu wurde sie erschaff en, als «eser» («Hilfe»)
für den Menschen (Gen 2,18). Das hebräische Wort eser
ist in der jüdischen Tradition einer der Gottesnamen. Die Frau
ist Hilfe für den Mann, ein von ihm Gegenüber, damit sie
sich als Individuen erkennen und zu ihrer Identität finden
können. Sie ist Hilfe, damit sie die Wirklichkeit erkennen,
Gut und Böse unterscheiden und in freier Entscheidung handeln
können. Dafür, für diese verantwortliche und tätige
Beziehung (zu allem Lebendigen) ist die Welt erschaff en worden.
Darin realisiert sich die Gottebenbildlichkeit des Menschen (Gen
1,27).
Die Frau, ischa, nimmt die Herausforderung der Menschwerdung an,
sie isst und gibt auch dem Mann, isch, von den Früchten. Jetzt
erkennen sie die nackte Wirklichkeit. Sie erkennen die Nacktheit
an sich selbst und können sie kaum aushalten. Gott ruft nach
dem Menschen: Wo bist du? (Gen 3,9). Goodman-Thau hört in der
Frage eine Wehklage, «die von einem Ende der Welt zum anderen
schreit, durch alle Zeiten der Geschichte». Auch die Antwort
des Menschen durchzieht leider gleichbleibend die
Menschheitsgeschichte: Die Verantwortung wird abgeschoben, andere
werden beschuldigt. Dabei ist die Frage Gottes in Gen 3,13
«Was hast du getan?» die wesentliche Frage unseres Lebens?
«In diesem Moment hätte die Frau die Welt erlösen
können, wenn sie zu ihrer Tat gestanden hätte» (33).
Das Judentum liest in Gen 3 nichts von Erbsünde. Das Handeln
der Menschen in Freiheit ist kein «Sündenfall».
Mit diesem Potential sind wir ja von Gott geschaffen und gewollt.
Menschen scheitern aber immer wieder daran, die Verantwortung für
ihr Handeln zu übernehmen (das nächste Mal in Gen 4,9).
Sie verstecken sich vor Gott und vor sich selbst. Und damit erklärt
die Erzählung von Gen 3 die conditio humana: Die Frau, die
unter Schmerzen gebiert, begehrt von nun an nicht das Wissen um
Gut und Böse, sondern ihren Mann. Und er muss nach harter Arbeit
zurückkehren zum Staub, nicht zur fruchtbaren Erde, aus der
er doch stammt (der Adam aus der Adamah, dem Ackerboden).
Gott bekleidet und begleitet seine Geschöpfe. Er «bewahrt»
sie vor dem ewigen Leben in dieser Form und schenkt es ihnen gleichzeitig:
«Das ewige Leben hat er in unsere Mitte gepflanzt es
ist die Gabe der Tora als Weisung für diese Welt und als Tor
zur kommenden Welt» (34). Die bleibende Verbundenheit mit
dem Leben und Gott zeigt sich jenseits von Eden in der sexuellen
Verbindung und Entbindung: Adam erkannte Eva, seine ischa, und sie
wurde schwanger und gebar Kain und sagte: «Einen Isch habe
ich erworben mit Gottes Hilfe» (Gen 4,1). In der Verbindung
mit Adam und über ihn hinaus mit Gott ermöglicht Eva neues
Leben: individuell, mit eigener Identität und dabei verbunden
mit der schöpferischen Kraft Gottes. Die Rabbinen bezeichnen
diese Aussage Evas als erstes Gebet in der Bibel.
Mit der Kirche lesen
Jesus und der Versucher in der Wüste führen ein Streitgespräch
um die Schrift, die Weisungen Gottes, auszulegen genau wie
Eva und die Schlange. Wie Eva nimmt Jesus die Herausforderung der
Menschwerdung an: Gut und Böse erkennen, in Freiheit handeln.
Die Tora als Weisung für diese Welt und als Tor zur kommenden
Welt, ist die eigentliche Mitte der Erzählung, der Baum des
Lebens mitten in der Wüste. Um die Auslegung der Tora muss
gestritten werden. Dafür braucht es ein Gegenüber. Am
Schluss des Textes fällt zweimal der Ausdruck «dienen».
Aus der Beziehung zu Gott, aus dem Dienst am Leben und der Gerechtigkeit,
erwächst die Verbundenheit mit der ganzen Schöpfung, die
wiederum unserem Leben dient. Mk 1,13 nennt hier explizit die wilden
Tiere.
1 Eveline Goodman-Thau: Ajeka wo bist du, Mensch? Bereschit
(Gen 1,16,8) in: Yvonne Domhardt / Esther Orlow / Eva Pruschy
/ Kol Ischa: Jüdische Frauen lesen die Bibel. Zürich 2007,
2538.
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