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Mit Sara lachen

Gen 17,15-17; Gen 18,9-15

Kerstin Werner ist 44. Seit ihrer Scheidung lebt sie mit ihrer Mutter und ihrem 16jährigen Sohn zusammen. Die Mutter ist dement und pflegebedürftig. Das Zimmer ihres Sohnes sagt: Mir geht's nicht gut. Es sagt nicht: Hilf mir! An manchen Tagen träumt sie davon, ein Tanzstudio zu eröffnen. Schliesslich hat sie Sport studiert, mit Schwerpunkt Tanz. Aber es gibt Dinge, die geschehen nicht. Die bestehen aus zu vielen einzelnen Schritten. Zu viele Hindernisse, jedes für sich genommen nicht gross, aber alle zusammen unüberwindlich. Wenn Kerstin Werner ihre Wohnung betritt, hat sie immer öfter das Gefühl, sie betrete den schäbigen Wartebereich der Wechseljahre. Und Tage gibt es, das glaubt sie den Verstand zu verlieren, wie im Handumdrehen, als hätte sie nie einen besessen.

Kerstin Werner ist eine Romanfigur. Die Sätze, die sie vorstellen, stammen aus dem Roman Grenzgang. Der Autor, Stephan Thome, beschreibt darin auch einen Mann gleichen Alters, allein, die Karriere geplatzt, mit dem Rücken zur Wand. Stephan Thome beschreibt genau und schonungslos, aber nicht auf Kosten seiner Figuren. Er stellt sie nicht bloss, indem er die Wahrheiten ihres Lebens ausspricht. Dadurch gleicht sein Roman biblischen Geschichten. Die Kerstin Werner der Bibel heisst Sara. Sara ist in die Jahre gekommen. Es geht ihr längst nicht mehr, wie es Frauen zu ergehen pflegt, nennt der Text das. Sie fühlt sich alt und verbraucht. Und als dann ein Besucher beim Abschied zu ihrem Mann Abraham sagt: "In einem Jahr komme ich wieder zu dir; dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben", da lacht Sara still in sich hinein.

Liebeslust und Angst

Ich versuche mir die lachende Sara vorzustellen. Ich sehe Bitterkeit in ihren Zügen. Ich spüre auch Ärger. Ein wenig kommt sie sich verhöhnt vor. Doch in der Stille des Lachens, das tief in sie hinein führt, wird auch Sehnsucht wach. Sara fragt: "Ich bin doch schon alt und verbraucht und soll noch das Glück der Liebe erfahren?" Die Rede vom Kind weckt ihre Sehnsucht nach Liebe. Ich stelle mir vor, dass sie ihren Mann betrachtet, wie sie ihn schon lange nicht mehr betrachtet hat und sich an Liebesnächte mit ihm erinnert. Jetzt blitzt es in ihren Augen auf beim Lachen und ich stelle mir vor, dass Abraham das sieht und jetzt liegt eindeutig ein erotisches Knistern in der Luft. Wer hätte das noch für möglich gehalten?
Der Besucher ihres Mannes hat Saras Lachen gehört und spricht Abraham darauf an. Da leugnet Sara ihr Lachen. "Sie hatte nämlich Angst". Die Angst kann ich sehr gut verstehen. Ein Kind zu bekommen, ist in jedem Alter eine Herausforderung, die Angst machen kann. Aber ich sehe das Kind in dieser Geschichte auch als Symbol. Es steht für Zukunft. Für eine Zukunft, die mehr ist als einfach weiter zu machen wie bisher. Das Tanzstudio von Kerstin Meier ist das gleiche Symbol. Kind und Tanzstudio stehen für das Wagnis, sich nicht abzufinden oder gar aufzugeben, sondern noch einmal neu zu beginnen. Dadurch wird alles Bisherige und Gewohnte in Bewegung geraten und manches wird daran zerbrechen. Ob die Beziehung zwischen Abraham und Sara tragfähig ist für das Neue, das wird sich erst weisen. Würde der Sohn von Kerstin Meier mit der "neuen Mutter" zurecht kommen? Wie würde das Dorf, in dem sie leben, reagieren? Wäre es nicht besser, alles beim Alten zu lassen?

"Ne Garantie gibt dir keiner" (Patricia Kaas)

Der Besucher bei Sara und Abraham bleibt sich und Sara treu: "Doch, du hast gelacht", stellt er klar. Geh nicht hinter dein Lachen zurück. Nutze die Kraft, die darin steckt, die Kraft im Ärger, die Kraft der Sehnsucht, die Kraft der Erinnerung und die Kraft der Lebenslust. Auch die Kraft der Angst, die uns realistisch sein lässt.
Eine Garantie, dass alles gelingt, was du dir wünscht und dass alles so wird, wie du es dir vorstellst, eine solche Garantie gibt die keiner. Auch der Gott der Bibel nicht. Diese geheimnisvolle Kraft will ja gerade, dass nicht alles so wird, wie wir Menschen uns es vorstellen. Ein Leben ganz nach unseren Vorstellungen, das wäre Götzendienst. Die göttliche Kraft und Gegenwart, von der wir uns kein Bild machen sollen, die uns nicht verfügbar ist, die lädt uns trotzdem ein, in Beziehung zu ihr zu treten. Sie lädt ein, in einen Raum der Freiheit und des Getragenseins hineinzutreten, in dem alles möglich ist. Nichts muss so bleiben, wie es immer schon war. Neues Leben ist möglich. Es ist uns verheissen. Übers Jahr schon wird es geboren werden. Ist das nicht ein Grund zum überschwänglichen Lachen?
Sara wird ihren Sohn Isaak nennen. Isaak ist im Hebräischen ein Wortspiel mit dem Wort "lachen". Sara wird sagen: Gott liess mich lachen; alle, die davon hören, werden mit mir lachen. Stephan Thome erzählt von einem "Frauenabend", den Kestin Werner mit ihrer Nachbarin, Frau Preiss, verbringt. Die Nähe und Ehrlichkeit, in der sie sich gegenseitig auf den Arm (und später in den Arm) nehmen, lässt sie irgendwann gemeinsam in ein grosses Lachen ausbrechen. Sie können nicht mehr damit aufhören und sie wollen auch gar nicht mehr aufhören. Danach hängt "eine seltsame Intimität der Erschöpfung über der Polstergarnitur des Preiss'schen Wohnzimmers. Etwas Zerwühltes, schwitzig auf der Stirn und unter den Armen". Was die beiden Frauen erlebt haben, war ein Orgasmus der Lach- und Lebenslust. Ich glaube, dass auch Sara und Abraham so gelacht haben, als sie in ihrem Alter noch einmal das Glück der Liebe erfahren haben. Wir haben von ihrer Geschichte gehört. Sara ist überzeugt, dass wir alle mir ihr lachen werden. Halten Sie das für möglich?

Ich bin gemeint

Bisher war dies vor allem eine Frauengeschichte. Im Roman Grenzgang kommt auch ein Mann vor, der ähnliche Erfahrungen wie Kerstin Werner macht. Auch in der Bibel macht Saras Mann, Abraham, ähnliche Erfahrungen. Als Abraham - schon vor Sara - davon hört, dass er mit ihr nach so vielen Jahren des unerfüllten Kinderwunsches doch noch ein Kind bekommen wird, da fällt er auf sein Gesicht nieder und lacht. Insgesamt viermal erzählt die Bibel davon, dass der altgewordene Abraham die Verheissung von neuem Leben hört und daran zweifelt. Abraham, der in Judentum, Christentum und Islam als Vorbild für das Vertrauen auf Gott gilt, ist auch ein Vorbild dafür, dass Zweifel Zeit und Raum brauchen. Viermal dringt es in sein Bewusstsein, dass die verheissene und ersehnte Zukunft für ihn und Sara doch noch möglich ist. Dreimal kann er es nicht glauben und sucht nach anderen Wegen. Unter anderem sucht er die Lösung bei einer anderen Frau, Hagar. In der Dreiecksbeziehung werden alle Beteiligten schmerzhaft verwundet. Menschen begegen Gott auf krummen und auf geraden Wegen. Davon erzählt die Bibel und auch davon, dass Gott in unserer Geschichte mit allen in Beziehung bleibt und sie sieht: mit Abraham und Sara und Hagar und ihren Sohn Ismael. Alle bleiben mit Gott verbunden und alle tragen eine Verheissung mit sich. Aber Abraham und Sara müssen auch schmerzhaft lernen, dass ihre Verheissung auch wirklich sie meint und niemanden anders. Niemand anders kann so leben, wie es mir verheissen ist. Ich bin nicht austauschbar. Ich bin nicht ersetzbar. Ich bin gemeint. Mein Leben und meine Verheissung gibt es nur einmal. Das lernen Abraham, Sara, Hagar, Kerstin Werner und auch Thomas Weidmann, die männliche Hauptfigur im Roman Grenzgang. Wer das gelernt hat, dessen Lachen hat wohl immer einen traurigen Grundton. In ihm klingt die Trauer nach, über all die Gelegenheiten bei denen wir verpasst haben, unserer Verheissung zu folgen. Über diesen Grundton kann sich aber ein neues Lachen erheben, ein Lachen, in dem wir
"immer versehrter und immer heiler
stets von von neuem
zu uns selbst
entlassen werden",
wie es die Dichterin Hilde Domin ausdrückt. Ein göttliches Lachen. Das Lachen Gottes in uns. Möge es uns nie vergehen.

Lesetipps:
Zu Kerstin Werner und Thomas Deichmann: Stephan Thome, Grenzgang. Suhrkamp Verlag 2009
Zu Saras Lachen: Genesis 18,1-15 und Gen 21,1-7
Zu Abrahams Zweifeln und Lachen: Gen 15und Gen 17
Zur Geschichte von Abraham, Sara und Hagar: Gen 16 und Gen 21
Zum Unterwegssein mit Gott "auf krummen und geraden Wegen": das gleichnamige Buch von Dieter Bauer, Christa Breiing und Peter Zürn in der Reihe WerkstattBibel, Band 9, Stuttgart 2005. Erhältlich unter www.bibelwerk.ch/shop