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Brot und Wein nach draussen tragen
Zu den Lesungen an Fronleichnam
Alttestamentliche Lesung: Gen 14,1820
Evangelium: Lk 9,11b-17
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Was gibt es für Fronleichnam im Alten Testament zu entdecken?
Die Leseordnung verweist uns auf die Begegnung zwischen Abraham
und Melchisedek.
Mit Israel lesen
Für die Rabbinerin Elisa Klapheck ist Gen 14,1820 ein
Schlüsseltext. Er erschliesst den Weg, der die 1962 geborene
Jüdin, die ohne tiefe Verbindung zur Religion aufwuchs, Politikwissenschaften
studierte und bei der linken Berliner Tageszeitung Taz als Journalistin
arbeitete, schliesslich zur intensiven Auseinandersetzung mit ihren
jüdischen Wurzeln und zum Rabbinat führte. Sie formuliert
mit Blick auf Gen 14 und auf ihre eigene Erfahrung: «Es ist
in dieser Geschichte nicht Gott, sondern der Priester Malkizedek,
der Abraham segnet. Wie kann sich Abraham sicher sein, dass Gott
ihn erwählt hat und die Dinge geschehen lassen wird, die Gott
ihm versprochen hat? Es gibt Momente, da hängt alles davon
ab, dass ein anderer Mensch einem sagt, wer man ist.»1 Sie
ringt wie Abraham mit der Frage: «In welche
Richtung soll ich mein Leben wenden?» Und immer wieder findet
sie in der Begegnung mit Menschen eine klärende und richtungsweisende
Antwort. Verdichtet ereignet sich das bei der Ordination eines Freundes
zum Rabbiner. Bei einer Zeremonie zum Ende der Ausbildung gibt es
vier Stuhlkreise. Innen sitzen die Studenten, die kurz vor der Ordination
stehen, im zweiten Kreis die anderen Studierenden, dann die, die
sich um die Aufnahme in die Ausbildung bemühen und schliesslich
die Aussenstehenden. Elisa Klapheck setzt sich in den vierten, den
äusseren Stuhlkreis. Eine Rabbinerin kommt auf sie zu und zieht
sie in den nächstinneren, dritten Kreis (182f.). Sie handelt
wie Melchisedek, der auf Abraham zugeht und ihm mit dem Segen klar
macht, wer er ist. Die Zeremonie ist ein öffentliches Geschehen,
und auch von Melchisedek heisst es, dass er Brot und Wein nach draussen,
in den öffentlichen Raum, bringt.
Für Elisa Klapheck erzählt Gen 14,18 20 von einer
Offenbarung. Eine Lebenswahrheit wird offenbar für einen selbst
und für andere, es wird möglich, sich damit auseinanderzusetzen.
«Es liegt an uns, ob wir uns für unsere Offenbarungen
öffnen und sie ernst nehmen. Eine Offenbarung fordert immer
den Mut des Menschen zu seiner. . . Wahrheit. Weil jedoch niemand
diese ganz kennen kann, und weil sie sich zunächst kaum ins
Geflecht der Zwänge und Konventionen einfügt, ist sie
so erschreckend und schlägt fast jeden erst einmal in die (Aus-)Flucht
. . . Es fordert den radikalen Mut zu sich selbst und gegen die
eigenen Lebenslügen» (63). Das ruft Widerstände
und Feinde auf den Plan, innere und äussere. Deswegen gehört
zum Segen des Melchisedek auch die Zusage an Abraham, dass Gott
«deine Feinde an dich ausliefert» (Gen 14,20). Die Bibel
geht Widerstände und Feinde mitunter sehr direkt und aggressiv
an. Damit haben wir oftmals unsere Schwierigkeiten. Aber: «Manchmal
im Leben [darf] man keine Rücksicht auf die anderen nehmen.
Manchmal muss man einfach gehen . . . Es gibt immer Menschen, die
sich in den Weg stellen. Auf sie darf man in so einem Moment nicht
hören. Wenn sie einen hindern, ist es sogar geboten, sie aus
dem Sichtfeld zu vertreiben» (156).
Für Abraham und für Elisa Klapheck klärt sich die
Sicht auf den eigenen Weg. Sie werden bestärkt, ihm zu folgen.
Genauso klärt sich die Frage, mit wem sie sich dabei verbinden
wollen und mit wem nicht. Abraham verbindet sich mit Melchisedek
und grenzt sich klar vom König von Sodom ab. Er scheut zwar,
um seinen Neffen Lot zu retten, der von den Truppen der siegreichen
Könige gefangen genommen wurde, den Kampf nicht zu einer
Figur auf dem Schachbrett der herrschenden Mächte will er aber
nicht werden. Klar und mutig sagt er das dem König in Gen 14,23
ins Gesicht. Dem Priester Melchisedek jedoch gibt er «den
Zehnten von allem» (14,20). Ihre Beziehung hat offenbar eine
andere Qualität. Sie ist geprägt von wechselseitigem Geben
und Nehmen, das nicht das Ziel hat, den anderen der eigenen Macht
zu unterwerfen. Sie ist eine nährende Beziehung, die beide
mit dem Lebensnotwendigen versorgt und sie zu ihrer eigenen Wahrheit
wachsen lässt. Diese nährende Beziehung wirkt weiter,
aus dem Gast Abraham in Gen 14 wird der grosszügige Gastgeber
in Gen 18. Der «Fluss von Nähren und Genährtwerden»2
ist die eigentliche Grundform des guten Lebens. In ihrer Beziehung
machen sich Melchisedek und Abraham abhängig voneinander. Sie
verzichten darauf, unabhängig von allen anderen zu sein und
sich gegen alle durchsetzen zu können. Sie verzichten auf ihre
Souveränität, auf ihr Herr-Sein. Sie werden dadurch aber
nicht unfrei, im Gegenteil. Sie verkörpern das Zusammenleben
von Menschen als «Freiheit in Bezogenheit» (Hannah Arendt),
wie es uns Menschen von Geburt, nein von Mutterleib an, wesentlich
ausmacht. Elisa Klaphecks autobiografisches Buch ist eine einzige
grosse Erzählung von den Beziehungen, die ihren Weg ermöglicht,
geprägt und geleitet haben, von den Freundinnen zum Beispiel,
mit denen sie als Zwanzigjährige begann, im Tanach, der Hebräischen
Bibel, zu lesen, oder von Erfahrungen in den sogenannten «egalitären
Minjanim», den gleichberechtigten Gottesdienstgemeinschaften
in der Berliner Jüdischen Gemeinde, aber auch von der Verbindung
zu ihren Vorfahrinnen und Vorfahren, der lebendigen jüdischen
Tradition in Europa vor 1933, an die sie anknüpft.
Ihr Weg zur Rabbinerin ist eng verknüpft mit den Herausforderungen
für das gegenwärtige jüdische Leben in Europa und
besonders in Deutschland, mehr als 60 Jahre nach der Schoah. Die
Rabbinerin benennt die Herausforderung für ihre Generation,
sich nicht mehr in erster Linie als die «zweite Generation»
der Opfer des Nationalsozialismus zu verstehen, sondern als «erste
Generation danach . . ., die wieder etwas Positives nach der Katastrophe
aufbaut» (173). Ihr Ziel ist die Erneuerung des jüdischen
Lebens. Sie engagiert sich für ein «Judentum voller Spiritualität,
dessen Praxis dem Leben Bedeutung gibt, ja sogar ein Lebensvergnügen
sein kann und die unmittelbare Welt um sich herum zum Besseren beeinflusst»
(184). Erneuerung geschieht aus der Verbindung mit der Tradition,
aus der sie stammt und deren Verlebendigung in der Gegenwart. Sie
gründet so letztlich in der Verbindung zu Gott; Sie will Raum
öffnen, um die Gegenwart Gottes, die Schechina, zu erfahren.
Der Segen des Melchisedek eröffnet diesen Raum für Abraham.
Mit der Kirche lesen
Fronleichnam Zeit und Raum
um das nach draussen, in die Öffentlichkeit zu tragen,
was uns nährt;
um gastfreundlich zu teilen und mitzuteilen, was wir als
Wahrheit unseres Lebens erkennen und womit wir ringen, mit all unserem
Mut gegen all unsere Angst;
um Auseinandersetzung möglich zu machen, die klären,
wovon wir uns abgrenzen und womit wir uns verbinden wollen;
für die Erfahrung der Gegenwart Gottes in gesegnetem
Brot und in gesegneten Menschen;
für die Erfahrung der Wandelbarkeit von Brot und Menschen
und der ganzen Welt.
1 Elisa Klapheck: So bin ich Rabbinerin geworden. Jüdische
Herausforderungen hier und jetzt. Freiburg im Breisgau 2005, 33.
Die nachfolgend in Klammern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich
auf dieses Buch.
2 Ina Prätorius: Handeln aus der Fülle. Postpatriarchale
Ethik in biblischer Tradition. Gütersloh 2005, 93ff. (Buch
des Monats Dezember 2005 vgl. www. bibelwerk.ch).
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