|
Weiter und weiter
Ein Bibliolog zu Gen 12,1-10
|
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich lade Sie zu einem Bibliolog ein. Dabei wird ein Bibeltext Stück
für Stück gelesen. Nach einem Abschnitt - manchmal ist
es nur ein Satz - wird unterbrochen und eine Rolle wird eingeführt.
Sie sind dann eingeladen, sich in diese Rolle zu versetzen. Sie
werden etwas gefragt und antworten in der Rolle. Sie können
mehrere verschiedene Antworten geben. Danach wird weitergelesen
- bis zur nächsten Unterbrechung und der nächsten Rolle.
Versuchen Sie es doch mal.
Der Text unseres Bibliologes ist die Geschichte eines Aufbruchs
und einer langen Wanderung. Die Wanderung kommt nicht an ihr Ende.
Sie geht weiter und weiter... Bis heute. In meinem und in ihrem
Leben.
Der Bibeltext steht im ersten Buch der Bibel, dem Buch Genesis,
und beginnt so:
"Gott sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner
Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir
zeigen werde."
Hier unterbreche ich, führe die erste Rolle ein und bitte
Sie, sich in diese Rolle zu versetzen:
Sie sind eine Frau oder ein Mann aus der Verwandtschaft des Abram.
Sie haben gehört, dass er wegziehen will. In ein unbekanntes
Land, das Gott ihm zeigen wird. Was denken Sie über Abram und
sein Vorhaben?
Vor kurzem habe ich mit einer Gruppe einen Bibliolog zu diesem
Text durchgeführt. Dabei wurden diese Antworten gegeben:
- Er war ja immer schon anders, der Abram. Hat sich nie eingefügt
und wollte immer alles anders machen, als es bisher üblich
war. So einer sorgt nur für Unruhe. Es ist besser für
uns, wenn er endlich verschwindet.
- Ich verstehe nicht, warum er weg will. Er hat doch hier alles,
was es braucht und wir haben es auch gut miteinander in der Verwandtschaft.
Sicher, manchmal gibt es Streit und Auseinandersetzungen. Aber wo
gibt es die nicht. Das ist doch kein Grund einfach alles hinzuwerfen
und die Zelte abzubrechen.
- Ich bin traurig, dass er geht und wir Abschied nehmen müssen.
Abram und seine Leute werden mir fehlen.
- Manchmal wünsche ich mir, ich hätte den Mut des Abram.
Einfach weggehen und irgendwo anders neu anfangen.
- Ich frage mich, woher er so genau weiss, dass wirklich Gott zu
ihm gesprochen hat und dass das nicht einfach eine fixe Idee ist,
die er sich selbst in den Kopf gesetzt hat. Folgt er Gott oder folgt
er seiner Abenteuerlust?
Wie würden Sie antworten als Frau oder als Mann aus der Verwandtschaft
des Abram? Lassen Sie sich einen Moment Zeit für Ihre Antworten.
Im Bibeltext wird dann weiter erzählt, was Gott zu Abram sagt:
"Ich werde dich zu einem grossen Volk machen, dich segnen und
deinen Namen gross machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen,
die dich segnen; wer dich verflucht, den will ich verfluchen. Durch
dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.
Da zog Abram weg, wie Gott es ihm gesagt hatte, und mit ihm ging
auch Lot. Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran
fortzog. Abram nahm seine Frau Sarai mit, seinen Neffen Lot und
alle ihre Habe, die sie erworben hatten, und die Knechte und Mägde,
die sie in Haran gewonnen hatten."
Sie sind eine Magd des Abram und der Sarai. Sie sind mit den beiden
aus Haran weggezogen. Sie haben gehört, dass durch Abram alle
Geschlechter der Erde Segen erlangen sollen. Was geht in Ihnen vor,
Magd des Abram und der Sarai?
- Typisch. Er hat den Segen und ich habe die Arbeit. Alles einpacken
und aufladen und jeden Tag wieder neu einpacken und aufladen. Das
ist eine endlose Plackerei. Was daran Segen sein soll, verstehe
ich nicht.
- Wahrscheinlich wird Abram in die Geschichte eingehen. Von ihm
wird man in späteren Zeiten erzählen. An uns Mädgde
und Knechte wird sich wahrscheinlich niemand erinnern. Und dabei
wäre all das ohne uns gar nicht machbar gewesen.
- Wir sind immer noch Mägde und Knechte und erledigen die Arbeit
für unseren Herrn und unsere Herrin. Aber trotzdem hat sich
durch den Aufbruch etwas verändert. Ein neues Umfeld schafft
neue Freiräume. Da wird Anderes möglich. Es wird möglich,
dass alles anders wird.
Was antworten Sie als Magd des Abram und der Sarai? Nehmen Sie
sich einen Moment Zeit für Ihre Antwort.
Im Bibeltext geht es so weiter:
"Sie wanderten nach Kanaan aus und kamen dort an. Abram zog
durch das Land bis zur Stätte von Sichem, bis zur Orakeleiche.
Die Kanaaniter waren damals im Land."
Sie sind ein Kanaaniter. Sie sehen die Fremden kommen und durchs
Land ziehen. Was löst das in Ihnen aus?
- Ich bin neugierig. Sie sehen anders aus als wird, sprechen anders,
haben andere Gewohneheiten. Ich möchte sie kennenlernen.
- Was wollen die hier? Warum kommen die ausgerechnet zu uns? Was
führen die ihm Schild? Kann man denen trauen?
- Es reicht doch schon für uns nicht. Es gibt zu wenig Platz
und nicht genug zu essen. Und jetzt kommen noch mehr hungrige Mäuler.
Wir können doch nicht für alle Dahergelaufenen sorgen.
- Die reden von einer Verheissung, der sie folgen. Von einem Land,
das Gott ihnen zeigt. Für mich klingt das mehr nach einer Drohung.
Es ist schliesslich unser Land. Woher nimmt dieser Gott das Recht,
es einfach anderen zu versprechen?
Was antworten Sie als Kanaaniter. Nehmen Sie sich einen Moment
Zeit für Ihre Antwort.
Im Bibeltext geht es so weiter:
"Gott erschien Abram und sprach. Deinen Nachkommen gebe ich
dieses Land. Dort baute er Gott, der ihm erschienen war, einen Altar.
Von da brach er auf zm Berglnad östlich von Bet-El und schlug
sein Zeit so auf, dass er Bet-El im Westen und Ai im Osten hatte.
Dort baute er Gott einen Altar und rief den Namen Gottes an. Dann
zog Abram weiter und weiter dem Negeb zu. Als über das Land
eine Hungersnot kam, zog Abram nach Ägypten hinab, um dort
zu bleiben; denn die Hungersnot lastete schwer auf dem Land."
Sie sind Abram. Sie sind in das verheissene Land gekommen und haben
Ihrem Gott Altäre gebaut. Sie mussten aber gleich weiter ziehen,
weil ene Hungersnot kam. Was geht jetzt in Ihnen vor?
- Was ist denn das für eine Verheissung? So viel habe ich
auf mich genommen und jetzt erweist sich alles als Lug und Trug.
Von Segen war die Rede und jetzt sind wir alle in Lebensgefahr.
- Ich fange an zu zweifeln. War es doch nicht Gott, der mich hierher
geführt hat?
- In der Nacht höre ich die Stimmen meiner Verwandten: "Das
hast du jetzt davon. Wärst du doch zuhause geblieben!"
Aber am Tag verdränge ich diese Stimmen. Ich will sie nicht
hören.
- Wenn ich alleine wäre, dann würde ich vertrauensvoll
weitergehen. Ich kann mich schon irgendwie durchschlagen. Aber ich
trage Verantwortung für all die Männer, Frauen und Kinder,
die mit mir gekommen sind. Was mute ich denen zu? Was darf ich ihnen
noch zumuten?
Was antworten Sie als Abram? Nehmen Sie sich einen Moment Zeit
für Ihre Antwort.
Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Aufmerksamkeit. Ihre Antworten
in den verschiedenen Rollen interessieren mich sehr. Wenn Sie wollen,
schreiben Sie mir doch, was Sie geantwortet haben. Schicken Sie
mir ein Mail an peter.zuern@bibelwerk.ch. Ich bin mit der Erzählung
von Abrams Aufbruch in diesem Jahr intensiv unterwegs. Sie ist der
Text des Bibelsonntags 2010, zu dem das Schweizerische Katholische
Bibelwerk und die Schweizerische Bibelgesellschaft jeweils Ökumenische
Materialien erarbeiten und an alle reformierten und katholischen
Gemeinden verschicken. Darin finden sich Hintergründe zum Text,
Impulse für eine Predigt und liturgische Elemente sowie Bausteine
für die Auseinandersetzung mit dem Text in der Gemeinde. Die
Unterlagen tragen den Titel: "Ein Segen sein? Wie geht das?"
Aus dem Text von Abrams Aufbruch stammt auch das Motto des Jubiläumsjahres
des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks: "weiter und weiter"
(Genesis 12,9). Seit 75 Jahren engagieren sich Menschen im Bibelwerk,
setzen sich mit der biblischen Tradition auseinander und unterstützen
andere bei der Auseinandersetzung mit der Bibel. Dieses Engagemeint
geht weiter und weiter. Menschen im Bibelwerk machen die Erfahrung,
dass das gemeinsame Lesen der Bibel und die kritische Auseinandersetzung
mit ihr uns selbst "weiter und weiter" machen. Weit für
ganz unterschiedliche Meinungen und Auslegungen, wie sie ja auch
im Bibliolog sichtbar geworden sind. Die Methode des Bibliologs
geht zurück auf eine uralte Form der Bibelauslegung, wie sie
im Judentum entwickelt wurde und praktiziert wird. Dort heisst es,
dass die Heilige Schrift aus schwarzem und aus weissem Feuer besteht.
Das schwarze Feuer sind die schwarzen Buchstaben des Textes. Das
weisse Feuer ist der leere Raum zwischen den Buchstaben und zwischen
den Zeilen. Beides ist Bibel, beides ist Heilige Schrift. Die Stimmen
im Bibliolog bringen das weisse Feuer zum Brennen und Leuchten.
Das weisse Feuer hilft uns, das schwarze Feuer besser zu verstehen.
Die Bibel als dynamische Beziehung zwischen schwarzem und weissem
Feuer zu verstehen und entsprechend auszulegen, macht "weiter
und weiter". Die Bibel ist ein grosses Gespräch zwischen
verschiedenen Meinungen. Sie ist ein Ringen um den gemeinsamen Weg
von Menschen mit Gott. Dazu braucht es immer wieder neue Aufbrüche.
Darin verwirklicht sich Gottes Segen.
|