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Tohuwabohu oder Mitwirken an Gottes Schöpfung

Gen 1-2

Es war in einem Ausbildungskurs. Wir Teilnehmer sollten ein Bild zeichnen, das unsere persönliche Entwicklung in den letzten Jahren darstellt. Ich faltete mein Blatt in der Mitte und zeichnete auf die verbliebene Hälfte. Nachdem ich mein Bild vorgestellt hatte, fragte der Kursleiter mich: "Und wo ist deine Depression?" Meine depressiven Phasen waren mir im Lauf dieser Ausbildung als eines meiner entscheidenden Lebensthemen bewusst geworden. Aber aufs Bild hatte ich sie nicht gemalt. Da faltete der Kursleiter das Papier auseinander und zeigte die leere Hälfte. "Da ist die Depression", sagte er. "Die Seite deines Lebens, die du nicht ausfüllst."

Depressionen haben verschiedene Gesichter und Gestalten. Sie zeigen sich bei jedem und jeder anders. Bei mir nimmt sie die Form des halbleeren Blattes an: Ich nehme mich zurück, mache mich kleiner als ich bin, fülle den Raum nicht, der mir zur Verfügung steht... Depressionen haben etwas mit Leere zu tun. Mit dem Fehlen von Lebenskraft, Gefühlen, Verbindungen zur Umwelt... Was kann helfen im Umgang mit dieser Leere? Ich suche in der Bibel nach Antworten. Nicht, weil ich die Bibel für hilfreicher halte, als Medikamente oder Therapien. Im Gegenteil. Ich rate allen Betroffenen, sich zuallererst medizinischen und psychologischen Rat zu holen. Ich kann Ihnen den Zürcher Psychiater Daniel Hell bestens empfehlen - und tue das mit Angaben zu seinen Büchern am Ende. Daniel Hell findet allerdings auch in religiösen Traditionen Hilfreiches für den Umgang mit Depressionen. Das versuche ich jetzt ebenfalls.

Tohu und Bohu

Die Bibel beginnt mit einer Erzählung über die Schöpfung. "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", heisst es da. "Und die Erde war wüst und leer." So lautet die Übersetzung dieser Stelle von Martin Luther. Im Hebräischen wird die Erde so beschrieben: tohu wa bohu. Wir kennen das Wort Tohuwabohu und verbinden damit ein unbeschreibliches Durcheinander. Das "wa" in der Mitte bedeutet einfach "und". Was die beiden Ausdrücke "tohu" und "bohu" genau meinen, das weiss man allerdings nicht. Die jüdischen Bibelübersetzer Martin Buber und Franz Rosenzweig haben sich für die Übersetzung bzw. die Neuschöpfung "Irrsal und Wirrsal" entschieden. Bringt uns die Bibel auf die Spur, dass die scheinbare Leere so leer gar nicht ist, sondern vor allem verwirrt und durcheinander?

Unterscheiden und Benennen

Aus dem Tohuwabohu entsteht nach der biblischen Erzählung die Schöpfung Gottes. Schöpfung entsteht durch zwei Handlungen: durch Unterscheiden und Benennen. Gott scheidet die Dinge der Welt voneinander, er unterscheidet sie. Schöpfung ist zuerst einmal "in Ordnung bringen". Wenn sich die Dinge der Welt unterscheiden, werden sie erkennbar und können einen unverwechselbaren Namen bekommen. In der Bibel werden sie nicht nur benannt, sondern ihnen wird ihr Name zugerufen.
Gott unterscheidet zwischen Licht und Finsternis und ruft das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Gott unterscheidet zwischen Wasser oberhalb des Gewölbes Himmel und Wasser unterhalb des Gewölbes und ruft das Gewölbe Himmel. Gott unterscheidet zwischen Orten mit Wasser und Orten ohne Wasser und ruft das Wasser Meer und das Trockene Land.
Im Meer und auf dem Land kann sich jetzt - nach Unterscheidung und Namensgebung - Leben entfalten und zwar in riesiger, unvorstellbarer Vielfalt. Jedes Lebewesen, Fische, Vögel, Ungetüme, Herdentier, Kriechgerege, Wildlebendes "nach seiner Art". Die Bibelübersetzung von Buber und Rosenzweig wiederholt diesen Ausdruck immer wieder.
Auch die Tiere bekommen Namen, allerdings nicht mehr von Gott, sondern von den Menschen. Davon erzählt der zweite Schöpfungsbericht der Bibel. Gott führt dem Menschen alles Lebendige zu, um zu sehen, wie er es rufe. "Und wie alles der Mensch einem rufe, als einem lebenden Wesen, das sei sein Name" (Genesis 2,19). So setzt der Mensch die Schöpfungstätigkeit Gottes fort. Die Schöpfung ist nicht allein Gottes Werk und die Schöpfung ist nach Gottes Tätigkeit noch nicht beendet. Wir führen Gottes Schöpfung weiter, wenn wir dem, was uns in der Welt begegnet, einen Namen geben, um es in seiner besonderen Eigenart zu erkennen.

In Beziehung treten

Schöpfung schafft Raum zum Leben, wenn sie Raum für Verschiedenheit bietet und gleichzeitig Beziehung zwischen den verschiedenen Lebensformen entsteht. Denn wenn ich dem, was mir begegnet, einen Namen gebe, dann trete ich in Beziehung zu ihm. Im Namen kommt nach biblischem Verständnis das Wesen eines Dinges oder eines Lebewesens zum Ausdruck. Wenn ich jemandem beim Namen rufe, mache ich mir das Wesen meines Gegenübers bewusst. Den Namen zu rufen ist Berufung. Es ist die Berufung dazu, dass mein Gegenüber gemäss seinem Wesen leben kann. Den Namen zu rufen, ist gleichzeitig Verpflichtung. Verpflichtung dazu, meinem Gegenüber das Leben nach seinem Wesen zu ermöglichen. Schöpfung ist weiter Raum zum Leben und zwar in ganz eigener, von anderen unterschiedener Weise. Und Schöpfung setzt gleichzeitig eine Grenze für jede Art zu leben, nämlich das Leben der/des Anderen.

Die Dame in Schwarz

Können wir daraus etwas für den Umgang mit depressiver Leere lernen? Der Psychoanalytiker C.G. Jung hat die Depression "die Dame in Schwarz" genannt. Er hat ein Bild für sie gefunden, ihr gleichsam einen Namen gegeben. Ein solches Bild zu finden, einen solchen Namen zu geben, das kann dazu führen, die unaussprechliche, überwältigende Macht der Depression ein klein wenig zu fassen. Das macht aus dem, was mich bisher überfallen und überrollt hat, ein Gegenüber, zu dem ich mich verhalten kann. So rät C.G.Jung denn auch: Wenn die Dame in Schwarz auftritt, bitte sie zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat. Geh in Beziehung zu deiner Depression! Verdränge und verschweige sie nicht, sondern versuche, mit ihr zu leben.

Die Wüstenväter

Daniel Hell, der Zürcher Psychiater, hat sich intensiv mit den Wüstenvätern beschäftigt. Sie waren Einsiedler in der ägyptischen Wüste im 3./4. Jahrhundert n.Chr.. Sie nannten das, was wir heute als Depression bezeichnen, Akedia, Überdruss und begegneten ihr intensiv in ihrer Einsamkeit. Hell beschreibt ihre Grundhaltung so: "Die Versuchung zum Überdruss wird als menschlich angesehen ... Niemand sollte sich deswegen selbst anklagen. Und niemand sollte einen Menschen verurteilen, der an Überdruss leidet. Verständnis und Mitgefühl sind umso mehr angesagt, alses sich bei der ... Akedia um die grösste Herausforderung handelt, die ein Mensch zu bestehen hat" (Sprache der Seele S. 124).

5 Ratschläge zur Mitwirkung an Gottes Schöpfung

Ausgehend von den Wüstenvätern entwickelt Hell fünf Ratschläge für den Umgang mit Depressionen:
1. Annehmen und Ausharren
Der erste, aber auch schwierigste Schritt ist das schiere Durchhalten. Durchhalten setzt Akzeptanz und Mut voraus, ist eine Aktivität. Genau wie C.G. Jung raten die Wüstenväter der Depression ins Gesicht zu sehen und sie zu fragen: "Wer bist du und woher kommst du?" So bekommt sie eine Gestalt, einen Namen, wird ihr Wesen erkennbar. Das ist Mitwirken an Gottes Schöpfung.
2. Anders denken
Die Wüstenväter raten dazu, mit der Depression gleichsam einen inneren Dialog zu führen. Das bedeutet von der gewohnten Denkweise und Stimme der Depression, die klein macht, mutlos, gefühllos..., eine andere Stimme und Denkweise zu unterscheiden und ihr Raum zu schaffen. "Wenn die Akedia uns versucht, dann ist es gut, unter Tränen unsere Seele gleichsam in zwei Teile zu teilen: in einen Teil, der Mut spricht und in einen Teil, dem Mut gemacht wird" (der Wüstenvater Evagrius Ponticus nach Sprache der Seele 132). Dafür können Gedanken von Menschen hilfreich sein, die die Not überstanden haben. Die Gebete der Psalmen in der Bibel sind voll davon. Diese Unterscheidung, die Raum für Anderes schafft, ist Mitwirken an Gottes Schöpfung.
3. Traurig sein und weinen
Tränen sind ein Heilmittel gegen Depressionen. Jedes Gefühl, das trotz allem noch möglich ist, ist ein solches Heilmittel. In der Schöpfungserzählung heisst es immer wieder: "Und Gott sah, dass es gut war." Ich höre darin die Freude Gottes über das Geschaffene. Es sind zurückhaltende Gefühle, zugegeben. Auch Gott hat offenbar mit den Grenzen seines männlichen Bildes zu kämpfen. Aber es sind Gefühle. Gefühle zu zeigen ist Mitwirken an Gottes Schöpfung.
4. Einen geregelten Lebensrhythmus finden
Die Wüstenväter erzählen von einem Mann, der sich fragte: Wie kann ich das Heil erlangen? Da sah er einen, der ihm glich. "Er sass da und arbeitete, stand dann von der Arbeit auf und betete, setzte sich wieder und flocht an einem Seil, erhob sich dann abermals zum Beten." Das war ein Engel Gottes, gesandt, um Belehrung und Sicherheit zu geben: "Mach es so und du wirst das Heil erlangen" (Sprache der Seele 137). Alle modernen Therapien gegen Depressionen betonen die Bedeutung von regelmässigen Rhythmen. Die biblische Schöpfungserzählung ist ein Lied mit dem durchgehenden Rhythmus der sieben Tage. Achtsam für Lebensrhythmen zu leben, ist Miwirken an Gottes Schöpfung.
5. Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit
Die Wüstenväter verbinden das Leben als würde man morgen sterben mit der Achtsamkeit für den eigenen Leib, so als hätte er noch ein langes Leben vor sich. Das Wissen um den bevorstehenden Tod hilft zu unterscheiden, was im Leben wichtig ist und was nicht. So wächst die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für das Lebenswichtige. Von dieser Achtsamkeit ist die biblische Schöpfungserzählung ganz durchdrungen. Sie zu pflegen, ist Mitwirken an Gottes Schöpfung.

Literatur:
Daniel Hell. Welchen Sinn macht Depression? Ein integrativer Ansatz. Rowohl Sachbuch1994.
Daniel Hell, Die Sprache der Seele verstehen. Die Wüstenväter als Therapeuten. Herder Spektrum 6. Aufl. 2002
Daniel Hell, Aufschwung für die Seele. Wege innerer Befreiung. Herder Spektrum 2. Aufl. 2005.