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Luft, Wasser, Erde, Tradition und Liebe
Zu den Lesung am 32. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Ez 47,12.89.12
Neutestamentliche Lesungen: 1 Kor 3,9c11.1617; Joh 2,1322
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Wasser kommt unter der Schwelle eines Hauses hervor. Wer ein Haus
besitzt, denkt sofort entsetzt an Rohrbruch und Wasserschaden. Wer
das Neue Testament kennt, erinnert sich eventuell an das Gleichnis
vom klugen und vom törichten Mann, die ihre Häuser auf
Fels beziehungsweise auf Sand bauen und welchen Unterschied das
macht, wenn die Wassermassen anfluten (Mt 7,2427). Und Eltern
kommt vielleicht die Geburt ihrer Kinder in den Sinn, die mit dem
Herausströmen des Fruchtwassers begann und neues Leben ans
Licht der Welt brachte. Auch der Prophet Ezechiel sieht in der heutigen
Lesung Wasser unter der Schwelle eines Hauses, des Tempels, hervorströmen.
Woran denkt er dabei?
Mit Israel lesen
Für einmal kann man der Zerstückelung des alttestamentlichen
Textes durch die Leseordnung etwas abgewinnen. Ihr Textfragment
entspricht weitgehend dem, was Exegeten als Grundschicht des Textes
betrachten.1 Wenn wir uns aber auf diesen Textausschnitt begrenzen,
verpassen wir die produktive Frage, wie später am Tempelbild
Ezechiels weitergebaut wurde.
Am Buch Ezechiel wird ein Merkmal biblischer Texte besonders deutlich.
Es ist voller Anspielungen auf andere Texte und Traditionen. Ezechiel
kannte die traditionelle und zeitgenössische Literatur auffallend
gut.2 Das Bild von einer Quelle oder einem Strom, die in der kommenden
Heilszeit vom Tempel bzw. von Jerusalem ausgehen, findet sich häufig
in der Bibel. Joel 4,18 sieht Wein, Milch und Wasser fliessen, in
Sach 14,8 teilt sich der Strom in zwei Hälften. Nach Ps 46,5
ist das Wasser in der Gottesstadt bereits jetzt Zeichen für
Gottes Gegenwart. Das Motiv weist zurück an den Anfang, erinnert
an Ursprungsgeschichten. Es geht zurück auf den Strom, der
im Garten Eden entspringt und sich in vier Flüsse teilt (Gen
2,814). Auch die Bäume, die in Ez 47 wachsen, stammen
aus diesem Garten. Der Garten Eden ist verloren, aber in Jerusalem
sind nach Ps 46 Spuren des Paradieses zu finden, mehr noch: zu erfahren
und zu geniessen. Und in der kommenden Heilszeit werden die paradiesischen
Köstlichkeiten wieder in Fülle und Vielfalt fliessen.
Diese Vorstellungen teilt Israel mit seiner altorientalischen Umwelt.
Flüsse gehören zum Bild des urzeitlichen und des zukünftigen
Paradieses und entsprechend wurden bei vielen Tempelanlagen Teiche
oder Wasserbecken angelegt. Silvia Schroer zeigt eine Wandmalerei
aus dem Ischtar-Tempel von Mari (um 1750 v. u. Z.), auf der unter
dem Tempel eine Quelle sprudelt, die von zwei Quellgöttinnen
symbolisiert wird und deren Wasser den Tempelhof zu einem Paradiesgarten
macht.3
Im salomonischen Tempel stand das sogenannte «eherne Meer»
(1 Kön 7,2326), ein riesiges Wassergefäss. Es symbolisiert
das lebensbedrohliche Chaoswasser, das durch Gottes Schöpfungswerk
gebändigt wurde und immer wieder gebändigt wird, so dass
die Schöpfung Ort des Lebens bleibt. Im nachexilischen Tempel
gab es das eherne Meer nicht mehr, die Erinnerung an seine Bedeutung
ging verloren (vgl. 2 Chr 4,6). Auch in Ezechiels detailgenauer
Tempelvision (40,144,3) kommt es nicht vor. Der visionäre
Tempelbaumeister fürchtet keinen Wasserschaden. Das Wasser
hat für ihn keine chaotische und bedrohliche Bedeutung, es
steht allein für lebensspendende Fruchtbarkeit. Vielleicht
gleicht Ezechiel in seiner Begeisterung den Müttern und Vätern,
die in der Freude über ein neugeborenes Kind Schmerzen und
Ängste während der Geburt vergessen. Mir selber ist allerdings
immer noch sehr gegenwärtig, wie nahe gerade bei einer Geburt
Leben und Tod beieinander liegen.
Ezechiel betrachtet die Fruchtbarkeit des Wassers mit den Augen
eines Landwirts und Heilers. Er sieht, wie das Wasser «allem,
was sich regt» (47,9 eine Anspielung auf Gen 1) Lebensmöglichkeiten
schafft. Er sieht die Obstbäume mit ihren Früchten und
ihren Blättern als Heilmittel (47,12). Wenn die Verse 10 und
11 spätere Bearbeitungen sind, dann bringen sie den Blick von
Fischerinnen und Fischern und vielleicht den von Hausfrauen und
Hausmännern ein. Vers 11 ist dann eine Korrektur an der überfliessenden
Vision Ezechiels. Ein Teil des «toten» Meeres soll nicht
vom Wasser aus dem Tempel «gesund» gemacht werden (47,8),
denn das Salz der Lachen und Tümpel ist ein ebenso kostbares
Lebensmittel.
Ezechiel sieht Fruchtbarkeit und neues Leben in Fülle
von Geburten spricht er nicht. Ist er auch von der «Geburtsvergessenheit»
der theologischen Tradition betroffen, die Ina Prätorius zu
Recht beklagt?4 Die jüdische Philosophin Hannah Arendt hat
das Geborensein als Ausgangspunkt ihres Nachdenkens über die
Menschen und ihr Dasein in der Welt genommen. Ina Prätorius
greift das auf und folgert: «Wir alle kommen aus lebendigem
Leib und bleiben zeitlebens abhängig von Luft, Wasser, Erde
und allem, was sie hervorbringen, von anderen Menschen, von Tradition
und Liebe
alle bleiben, bis sie sterben, verwoben in den
Leib der Welt: in den Kosmos, in die Sprache, ins Herkommen, ins
Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten.»5
Die Vision von der Tempelquelle aus dem Buch Ezechiel weiss um
unsere Abhängigkeit von lebendigem Wasser und anderen Elementen
der Schöpfung. So wie sie gestaltet ist, ist sie Ausdruck unserer
Verwobenheit in die Tradition, aus der wir kommen, ihrer Sprache,
ihren Bildern und Texten. Die Vision wird selbst zur Tradition und
ermöglicht es anderen, an ihr anzuknüpfen, weiter an ihr
und mit ihr zu arbeiten, auch ergänzend und korrigierend. All
das ist unausgesprochen eingebunden in Gott, der im Lesungstext
nicht explizit vorkommt. Die Wahrnehmung von all dem, in das wir
hineingeboren werden Luft, Wasser, Erde, Tradition und Liebe
führt uns zu Gott, der umfassenden Quelle. Vielleicht tauchen
wir wie Ezechiel erst knöcheltief ein, dann knietief und bis
zur Hüfte, und schliesslich lernen wir schwimmen.
Mit der Kirche lesen
Die neutestamentlichen Texte bauen an den Vorstellungen vom Tempel
weiter. Für Paulus sind die Menschen in der Gemeinde von Korinth
der Ort von Gottes Gegenwart. Der Tempel, an dem er mitbaut, steht
auf gutem Grund (wer weiss, ob auch ihm das Gleichnis von den beiden
Bauherren bekannt war). Wie Ezechiel baut er an etwas weiter, was
vor ihm bestand und wie bei Ezechiel wird an Paulus Bau von anderen
weitergebaut. Auch Jesus baut an den Vorstellungen vom Tempel und
scheut nicht vor Abrissarbeiten zurück. Seine Aggressivität
schaff t gleichsam den chaotischen Kräften des ehernen Meeres
bzw. der Chaosmächte wieder Raum im Tempel. Tohuwabohu geht
der Schöpfung voraus und begleitet sie als produktive, aber
auch als gefährliche Kraft. Auch Jesus knüpft an Traditionen
an. Der Psalm, aus dem er zitiert (69,10), beginnt als Klage eines
Menschen, der im strömenden Wasser zu versinken droht (V. 2).
Er endet mit der Hoff nung auf die Rettung Zions, wofür die
Meere Gott rühmen (V. 35). Am 9. November erinnert eine Veranstaltung
in Wislikofen an den Grenzübergang Rhein, der vor 70 Jahren
Rettung oder Tod bedeuten konnte.
1 Z.B. bei H. F. Fuhs: Ezechiel II 2548. Die Neue Echter
Bibel. Würzburg 1988, 257.
2 Moshe Greenberg: Ezechiel 120. Herders Theologischer Kommentar
zum Alten Testament. Freiburg i. Br. u. a. 2001, 39.
3 Silvia Schroer: Glücklich, wer Lust hat an der Weisung JHWHs.
Illustrierte Kurzkommentare zur ersten Sonntagslesung. Fribourg
1998, 154 f.
4 Ina Prätorius: Das Geborensein erinnern. Für Hannah
Arendt in: Dieselbe: Gott dazwischen. Eine unfertige Theologie.
Ostfildern 2008, 29.
5 Ebd. 33.
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