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Ein Buch wie eine ganze Bücherei
Mein Bibelverständnis anhand von Ex 3,1-6
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Wenn mein Sohn mich fragt, "Papa, was machst du eigentlich,
wenn du zur Arbeit gehst?", dann antworte ich: "Ich lese
mit anderen Menschen zusammen Geschichten aus einem dicken Buch".
Das versteht Paul gut. Das machen wir zuhause ja auch oft. "Was
ist denn das für ein Buch, das ihr da lest?" fragt er
weiter. - "Es ist ein Buch, das eigentlich eine ganze Bücherei
ist", erkläre ich, "ein Buch voller verschiedener
Bücher." - "Wie die Stadtbücherei?" - "Ja,
die ganze Stadtbücherei in einem einzigen Buch. Es gibt darin
Geschichten von Abenteuern, von Freundschaft und Feindschaft, es
gibt Gedichte darin und Lieder, es gibt Regeln, wie Menschen miteinander
leben können und Träume davon, was in diesem Leben alles
möglich ist." -
"Erzähl mir eine Geschichte", wünscht Paul
sich dann. Und ich erzähle ihm die Geschichte von Moses, der
eines Tages in der Wüste einen Dornbusch sieht. Der Dornbusch
brennt, aber er verbrennt nicht. "Das ist toll!", ruft
mein Sohn, "da könnte man immer bräteln und am Lagerfeuer
sitzen." "Ja, Moses brätelt zwar nicht, aber was
er am Dornbusch erlebt, ist für ihn wie ein gutes Essen. Es
gibt ihm Kraft und stärkt ihn. Irgendwann geht er wieder weg
vom Dornbusch. Aber das Feuer wird ihn nie mehr verlassen. Es wird
immer bei ihm sein und ihn auf allen seinen Wegen begleiten. Es
ist wirklich ein Feuer, das brennt, aber nicht verbrennt."
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"Dann braucht der Moses aber einen Schutzanzug und eine Atemschutzmaske
wie die Feuerwehr, oder?" - "Ja, manchmal ist es ganz
schön gefährlich mit diesem Feuer. Aber das, was dem Moses
im Dornbusch begegnet ist, das zeigt sich in ganz verschiedenen
Formen. Manchmal als Wolke, manchmal als Sturm, manchmal als Schweigen
und Dunkelheit. Meistens aber zeigt es sich in der Gestalt von Menschen.
Überall wird es sichtbar und oft kann Moses spüren, dass
es da ist. Manchmal aber auch nicht. Und es bleibt immer ein Geheimnis,
was oder wer es wirklich ist." -
"Wer ist es denn?", fragt mein Sohn. - "Moses nennt
es Gott. Und von Gott handeln eigentlich alle Geschichten der Bibel.
In allen Geschichten geht es darum, ob die Menschen die geheimnisvolle
Kraft Gottes in ihrem Leben sehen und spüren können. Ob
sie dadurch gestärkt werden und Hinweise bekommen, wie sie
leben sollen. Die ganze Bibel erzählt vom Leben der Menschen
mit Gott. Manchmal sind sie glücklich miteinander und manchmal
streiten sie sich. Manchmal ist es mühsam und manchmal ist
es ganz leicht und wunderschön zusammen zu sein." - "Wie
bei uns", meint mein Sohn.
"Hat denn der Moses den Dornbusch wirklich gesehen oder ist
die Geschichte erfunden", bohrt Paul nach. - "Beides",
entgegne ich. "Es gab zu allen Zeiten Menschen, die dem Feuer,
das brennt, aber nicht verbrennt, begegnet sind. Das gibt es auch
heute noch. Auch ich bin ihm schon begegnet und du vielleicht auch.
Und irgendwann hat jemand eine Geschichte über diese Erfahrung
erzählt. Wer damit angefangen hat, weiss niemand mehr. Aber
die Geschichte war gut. Sie wurde weitererzählt. Und wieder
erzählt. Von Grosseltern für ihre Enkelinnen und Enkel.
Am Lagerfeuer, beim Hüten der Schafe und beim Kochen."
Ich hole Luft.
"Ziemlich sicher wurde sie nach und nach noch ein wenig ausgeschmückt
und verändert. Irgendwann bekam der Held der Geschichte einen
Namen, er wurde Moses genannt. Moses heisst Sohn oder Kind. Moses
ist das Kind in jedem Menschen. Das Kind, das mit offenen Augen
und neugierig durch die Welt geht und geheimnisvolle Dornbüsche
entdeckt, wo andere nur Gestrüpp sehen. Irgendwann haben die
Menschen, welche die Geschichte gehört haben, eine Frage gestellt.
Weisst du welche?" - "Wie geht´s weiter?" -
"Ganz genau. Dann wurde die Geschichte weitererzählt.
Andere Geschichten kamen dazu und so wuchs mit der Zeit eine grosse
Erzählung. Später wurde sie dann aufgeschrieben. Aber
auch dann wurde sie noch verändert. Sie wurde umgeschrieben
und die Reihenfolge neu geordnet. Bis sie so aussah, wie sie heute
in der Bibel steht." Ich mache eine kurze Pause.
"An den Geschichten der Bibel haben also unzählige Menschen
über lange Zeit mitgewirkt, Männer und Frauen und vermutlich
auch Kinder mit ihren guten Fragen. Wenn wir die Bibel lesen, dann
hören wir ihre Stimmen. Die Stimmen all der Menschen, die vor
uns gelebt haben und die nach Gott in ihrem Leben gefragt haben."
- "Unsere Ur-mal-sieben-Grosseltern, wie in der Geschichte,
die du mir neulich vorgelesen hast. Von dem Jungen, der entdeckt,
dass er ein Nachkomme von Sarah Oort und Kaptn Kidd, dem Piraten,
ist." - "Ja, genau so. Der Junge findet geheimnisvolle
Schatzkarten und löst zusammen mit seinen Freundinnen und Freunden
das Rätsel um den Schatz von Kaptn Kidd. Und bei all dem lernt
er einiges über sich und das Leben. Weisst du noch, wie die
Geschichte aufhört?" - "Nein, nicht mehr genau."
- "Warte ich lese noch mal den Schluss: Das war das beste
Ende, das er sich für dieses erstaunliche Abenteuer vorstellen
konnte. Und wenn er tatsächlich der Nachfahre eines echten
Piraten war - dann fing das Abenteuer seines Lebens vielleicht erst
an.´" -
"Und, was ist daran so wichtig?", fragt mein Sohn. -
"Ich glaube, dass es beim Bibellesen genauso ist. Wenn wir
die Geschichten in der Bibel lesen und entdecken, dass wir die Nachkommen
der Menschen darin sind, dann fängt das Abenteuer unseres Lebens
erst an. Und auch anderes passt zur Bibel: Sie gibt uns geheimnisvolle
Wegweiser und Schatzkarten. Die sind oft ziemlich schwierig zu verstehen.
Man muss seinen Kopf anstrengen dabei - wie George und seine Piratenbande.
Zwischendurch gehen sie ja mal in die Bibliothek und suchen dort
nach Hinweisen. Alleine schafft man das gar nicht. Die Bibel liest
man am besten zusammen mit anderen. Jede und jeder sieht etwas anderes
und kommt auf neue Ideen. Zusammen verstehen wir mehr. So wie an
der Bibel viele verschiedene Menschen mitgewirkt haben, so sollten
wir sie auch lesen: vielstimmig." - "Das machst du ja
bei deiner Arbeit, oder? Du liest mit anderen zusammen in der Bibel",
sagt Paul. - "Ja, genau."
Ich gehe am Tag nach diesem Gespräch ganz erfüllt zur
Arbeit.
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