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Aneignen, nicht enteignen
Zu den Lesungen an Fronleichnam
Alttestamentliche Lesung: Ex 24,38
Evangelium: Mk 14,1216.2226
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Christinnen und Christen, die alttestamentliche Texte lesen, stehen
vor einer Herausforderung: Wie können wir uns diese Texte aneignen,
ohne sie dem Judentum zu enteignen? Denn die Texte sind im Volk
Israel und für das Volk Israel entstanden. Wir sind nicht die
Erstadressaten/
-adressatinnen. Das Christentum hat in seiner Geschichte immer wieder
Jüdisches enteignet. Die Fronleichnamslesungen führen
uns zu einem neuralgischen Punkt. Die Lesart der Enteignung lautet:
«Der neue Bund in Christi Blut löst den Alten Bund Gottes
mit Israel ab.» Wie können wir die Texte anders, nicht
enteignend lesen? Beginnen wir für einmal bei unseren eigenen
Traditionen:
Mit der Kirche lesen (1)
Das Markusevangelium gibt Hinweise, wie es die Erzählung vom
letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngerinnen und Jünger1 gelesen
haben möchte: Das Leitwort in Mk 14,1216 ist Pascha.
Viermal kommt es vor. Das Mahl erinnert und vergegenwärtigt
die Geschichte des Volkes Israel, die Befreiung aus Unterdrückung.
Der Exodus führt dazu, dass sich das Volk Israel mit Gott verbindet,
dass Gott und sein Volk einen Bund schliessen. Diesen Bundesschluss
erinnert und vergegenwärtigt Mk 14,24, indem Jesus aus der
Erzählung von Ex 24 zitiert und sich in diesen Bund hineinnimmt:
«Dies ist mein Blut des Bundes.» Bei Markus ist nicht
die Rede von einem neuen Bund auch nicht in der Parallelstelle
bei Mt 26,28. Vom neuen Bund sprechen Lk (22,20) und der 1. Brief
an die Gemeinde von Korinth (11,25).2 Sie nehmen damit die Theologie
des Propheten Jeremia (31,3134)3 auf. Gott schliesst einen
neuen Bund, weil der alte vom Volk gebrochen wurde. Gott bleibt
seinem alten Bund treu. Der neue Bund ist die Erneuerung des Alten,
die Erneuerung der Beziehung zwischen Gott und seinem Volk, die
im Bundesschluss am Sinai gründet. Der alte Bund ist nicht
aufgelöst und gekündigt, er gilt dem Volk Israel bis heute
und auf Weltzeit. Der Bund wird in Ex 24,11 mit einem Mahl abgeschlossen.
Leider lässt die Leseordnung diesen Vers weg, der doch dazu
anleiten würde, das Mahl Jesu so zu verstehen, dass damit der
Bundesschluss am Sinai vergegenwärtigt und gefeiert wird.
Mit Israel lesen
Der Text aus Ex 24 ist äusserst dicht und vielschichtig. Ich
möchte meine Lektüre mit Israel auf zwei wesentliche Worte
begrenzen: Blut und Bund. Das Blut ist in der biblischen Vorstellung
der Träger des Lebens. Blut ist sozusagen Ursubstanz des Lebens,
ja «das Blut ist das Leben» (Dtn 12,23). Der Genuss
von Blut (auch von nicht vollständig ausgeblutetem Fleisch)
ist verboten, denn das Leben, das im Blut sitzt, gehört nicht
in die Verfügung des Menschen. Es gehört allein Gott.
Auf diesem Hintergrund ist es ein besonderes Zeichen, dass beim
Bundesschluss in Ex 24 grosse Mengen von Blut gebraucht werden.
Bereits vorher war einmal davon die Rede. Bei den Vorbereitungen
auf den Auszug und das Paschafest wird erzählt, dass das Volk
Blut an die Türen streicht, damit ihr Leben bewahrt bleibt
(Ex 12,2128). Jetzt, am Gottesberg angekommen, teilt Moses
das Blut in zwei Hälften. Die eine Hälfte sprengt er auf
den Altar, der für den einen Bundespartner, für Gott,
steht. Die andere Hälfte des Blutes sprengt Moses auf das Volk.
Beide Bundespartner werden mit dem gleichen Anteil Blut besprengt.
Dass Blut auf den Altar gesprengt wird, gehört zur biblischen
Kultpraxis (vgl. u. a. Lev 1,5; 3,8; 17,6; Ex 29,1). Damit wird
Gott das Leben übereignet, weil es ihm ja gehört. Auch
beim Bundesschluss ist das Blut Zeichen des Lebens. Das Blut verbindet
Gott und sein Volk zu einer Lebensgemeinschaft. Der erneuerte Bund
Jeremias ist gänzlich unblutig gedacht. Er ist ins Herz geschrieben.
Der Bund geht von Gott aus, das Ja zum Leben in Beziehung geht allem
voraus. Und so verpflichtet Gott sich durch das Besprengen des Altares
zuerst auf den Bund. Das Verlesen des Bundesbuches (24,7) legt Gottes
Willen zum Bund fest und macht ihn nachprüfbar. Gottes Worte
sind verbindlich. Danach verpflichtet sich das Volk. Zweimal wird
der Akzent dabei auf das Tun der Worte gelegt (24,3 und 7). Im Tun
der Worte bewahrt das Volk den Bund und bewährt sich im Dienst
am Leben. Denn dazu ist es herausgerufen worden: um nicht mehr den
Pharaonen dieser Welt, sondern dem Gott des Lebens zu dienen (Ex
3,12).
Wie «Pascha» das Leitwort von Mk 14,1216 ist,
so ist «kol», «alle/alles», das Leitwort
von Ex 24,34. Fünfmal kommt es vor. Es geht nicht mehr
um einzelne Worte und einzelne Menschen, hier verpflichtet sich
das Volk als Gesamtheit zum Tun aller Worte. Symbolisch wird diese
Gesamtheit des Volkes in den 12 Steinmalen für die 12 Stämme
sichtbar (24,4). Jesus knüpft daran an, wenn er explizit mit
den Zwölfen beim Paschamahl erscheint. Dadurch wird eine Besonderheit
der jüdischen Gottesbeziehung deutlich, die die jüdische
Theologin Judith Plaskow so ausdrückt: «Israel zu verstehen,
muss immer mit der Anerkennung anfangen, dass Israel eine Gemeinschaft
ist, ein Volk, nicht eine Sammlung von Individuen
Vom Sinai
an wird die jüdische Beziehung zu Gott durch diese Gemeinschaft
vermittelt. Der Jude/die Jüdin steht nicht als Einzelne/r vor
Gott, sondern als Mitglied eines Volkes.»4
Plaskow verallgemeinert die jüdische Vorstellung, «dass
das Menschsein in der Gemeinschaft geformt, genährt und erhalten
wird
Mensch zu sein bedeutet
sich von allem Anfang
an in einer Gemeinschaft vorzufinden oder, wie das in der
heutigen Welt oft der Fall ist, in einer Vielzahl von Gemeinschaften.
Sich als Mensch zu entfalten, bedeutet, ein Gefühl für
sich selbst in Beziehung zu anderen zu erlangen und sich aus den
gemeinschaftlichen Erbteilen verschiedenes kritisch anzueignen.»5
Die Verschiedenheit dieser Aneignung ist zu achten und nicht abzuwerten,
dafür sieht Plaskow auch im Judentum noch grossen Veränderungsbedarf
ein Beispiel für eine aktuelle innerjüdische Auseinandersetzung.
Mit der Kirche lesen (2)
Mir scheinen Plaskows Überlegungen hilfreich für die
Frage, wie wir Christinnen und Christen uns jüdische Texte
aneignen können ohne sie zu enteignen. Wir sind herausgefordert,
«aus den gemeinschaftlichen Erbteilen verschiedenes kritisch
anzueignen» und dabei die Verschiedenheit der anderen Aneignungen
zu achten. Wieder können wir dafür bei unseren eigenen
Traditionen beginnen. Mk spricht mit Zitat aus Ex 24 vom Blut des
Bundes, «das für viele vergossen wird». Damit weitet
er den Bund aus, er sprengt das Blut gleichsam über eine grössere
Gemeinschaft, auch über die Heiden. Mt nimmt das auf, Lk spricht
seine überwiegend heidenchristliche Gemeinde direkt an («für
euch vergossen»). Dabei bleibt aber der alte Bund das Mass:
Auch das grössere Bundesvolk ist gerufen «all die Worte
zu tun», die Gottes Weisung zum Leben sind. Wir sind «Bundesgenossen
eines erneuerten Bundes, eines Bundes freilich, der sich messen
lassen muss an diesem am Berg Sinai geschlossenen.»6
1 Mk 14,1216 legt nahe, dass neben den 12 noch andere aus
dem Kreis der Jüngerinnen und Jünger anwesend sind und
die 12 mit Jesus in Vers 17 dazukommen.
2 Interessanterweise hat das Neue Testament auch verschiedene Vorstellungen,
wodurch der Bund verkörpert wird. Mk und Mt sprechen vom Blut
des Bundes, Lk und Paulus vom Kelch bzw. Becher, der der neue Bund
ist. Die einen lenken die Aufmerksamkeit also auf das Gefäss,
die anderen auf den Inhalt.
3 Vgl.: Dieter Bauer: «Neues» Testament? Von
wegen!, in SKZ 177 (2009), Nr. 12, 207.
4 Judith Plaskow: Und wieder stehen wir am Sinai. Eine jüdisch-feministische
Theologie. Luzern 1992, 107 und 110.
5 Ebd., 107 (Hervorhebung PZ).
6 Gerhard Jankowski: Sein Volk Jissrael. Der Bundesschluss am Berg
Sinai, Exodus 24,411 in: Texte und Kontexte. Exegetische Zeitschrift
39/1988 316.
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