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Fastenzeit Zeit für Ver-rückte
Zu den Lesungen am dritten Fastensonntag
Alttestamentliche Lesung: Ex 20,117
Evangelium: Joh 2,1325
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Die Fastenzeit ist die Zeit des Umräumens. Wir verrücken
die Möbel unseres Lebenshauses und gestalten unsere Lebensräume
neu. Wir räumen auf mit scheinbar unverrückbaren Gewohnheiten,
die Leben behindern. Ver-rückt werden wir Lebendiger.
Mit Israel lesen
Die «Zehn Gebote» heissen in der hebräischen Bibel
und in der jüdischen Tradition debarim, Worte oder auch Geschichten.
Macht es einen Unterschied, ob wir von Zehn Geboten oder von Zehn
Worten sprechen? «Gebote» sind etwas Statisches, etwas
Festgesetztes und Unverrückbares. «Worte» und noch
viel stärker «Geschichten» hingegen sind beweglich,
dynamisch, bilden einen kommunikativen Prozess, der weitergeht.
Worte im biblischen Sinn sind eine Form von Praxis: «Das Wort
geschieht
». Es geht um sich ereignende, wirkende, die
Wirklichkeit verändernde, sie ver-rückende Worte und Geschichten.
Das Zehnwort (Dekalog) ist in der Bibel Teil des Bundesschlusses.
Die Worte sind eingebettet in ein Beziehungsgeschehen. Der Bundesschluss
ist Teil einer Befreiungsgeschichte. Der Dekalog konnte dem Volk
nicht in Ägypten gegeben werden, denn die Worte richten sich
nicht an Sklavinnen und Sklaven, sondern an freie Menschen. Der
Dekalog wurde aber auch nicht dem Pharao gegeben. Der hätte
die Zehn Worte sofort zu Geboten gemacht mit sich selbst
als von Gott autorisiertem Ausleger. Der Dekalog setzt Freiheit
voraus. Rochus Zuurmond hat die zehn Worte in dem einen Aufruf zusammengefasst:
«Verdirb jetzt deine Freiheit nicht!»1
Gebote und Gesetze werden den Menschen als Last auf die Schultern
gelegt. Sie sollen das Festgesetzte in die Praxis umsetzen. Schaffen
sie es nicht, sind sie Sünder. So sind die Zehn Gebote in der
Geschichte der Kirche immer wieder verstanden worden. Zum Wesen
der Tora, der Worte und Geschichten der Weisung, gehört es
stattdessen, dass sie dynamisch sind. Sie werden immer wieder neu
ausgelegt, sobald das alte Verständnis dem Pharao in die Hände
gefallen ist, d. h. sobald es zum Machtmittel der Unterdrücker
geworden ist. Die Tora erneuert sich in der ver-rückten Praxis
der Befreiung. Der Jesus des Matthäusevangeliums leistet seinen
Beitrag zu dieser Erneuerung, die auch Erfüllung der Tora genannt
wird, wenn er in der Bergpredigt mit Bezug auf die Zehn Gebote sagt:
«Ihr habt gehört, dass den Alten gesagt worden ist
Ich aber sage euch
» (Mt 5,21). Die Bibel in gerechter
Sprache übersetzt sachgerecht: «Ich lege euch das heute
so aus
».
Der Dekalog ist in der Kirche zu einem zentralen Text geworden.
Das geschah in der Zeit der Kirchenväter ab dem Ende des 2.
Jahrhunderts und ist Gott seis geklagt verbunden
mit Antijudaismus. Die Zehn Gebote wurden als direkt von Gott und
mit der Natur gegebenes Grundgesetz verstanden. Sie wurden so dem
Judentum enteignet und aus dem Kontext der Tora herausgelöst.
Diese christliche Aneignung führte dazu, dass der Dekalog in
der rabbinischen Tradition in den Hintergrund trat. Der babylonische
Talmud spricht davon, dass die Lesung und Auslegung des Zehnwortes
«wegen der Rederei der Minäer», d. h. wegen der
Christen, aufgegeben wurde (bBerakhot 12a).
In der Tora gibt es neben dem Zehnwort eine Vielfalt von Weisungen
in verschiedenen Sammlungen: das Bundesbuch (Ex 20,2223,33),
die Erneuerung des Bundes ab Ex 34, das Heiligtumsgesetz (Lev 19).
Jede dieser Gesetzessammlungen ist über einen längeren
Zeitraum gewachsen, jede steht zum Teil sachlich im Widerspruch
zu anderen, jede ist wiederum in sich vielfältig, was Themen
und Sprache angeht. Auch die Kanonbildung arbeitet die verschiedenen
Sammlungen nicht ineinander und harmonisiert sie nicht. Die Tora
ist geprägt von der «spannungsvollen Einheit der Verschiedenheit»
(Frank Crüsemann). Auch den Dekalog gibt es zweifach in der
Tora, in Ex 20 und in Dtn 5 ein verdichteter Ausdruck dieser
spannungsvollen Einheit in Verschiedenheit. In beiden Texten spielt
das Schabbatwort eine besondere Rolle. Der Schabbat ist das wöchentliche
Zeichen der Freiheit. Er ist Unterbrechung der alltäglichen,
d. h. der gewohnten Notwendigkeiten. Das Schabbatwort ruft den Menschen
auf, damit aufzuhören und etwas Anderem Zeit und Raum zu geben.
Er ist ver-rückte Zeit. Schabbat dient der Heiligung der Zeit,
der Erfahrung ihres Geschenktseins, ihrer Unverfügbarkeit.
Er entzieht einen Tag der Woche der Verfügungsgewalt der Menschen.
Die arbeitsfreie Zeit gilt allen, auch denen, die der Macht anderer
unterworfen sind, der Sklavin und dem Sklaven, dem Vieh und den
Fremden in der Stadt. Am Schabbat sind alle gleichwertig. Der Schabbat
ist Protest und Widerstand gegen alle Herrschaft. Entsprechend war
er der herrschenden Klasse im römischen Reich verdächtig.
Zwar war durch die Anerkennung der jüdischen Religion auch
der Schabbat von den Behörden akzeptiert worden. Der Philosoph
Seneca, der Erzieher des Kaisers Nero, aber spottete: «Der
Jude verliert am Sabbat einen siebten Teil seines Lebens.»
Hinter dem Spott sind Ärger und Angst spürbar, die gesteigert
wurden, weil der Schabbat auch bei Nichtjuden immer mehr an Attraktivität
gewann: «Die Sitten dieses verfluchten Volkes sind sehr einflussreich
geworden und werden jetzt überall befolgt; die Besiegten haben
den Siegern ihre Gesetze auferlegt.»2 Der Schabbat wurde zum
Zeichen, dass dem Imperium Grenzen gesetzt sind. Das Zeichen möglicher
und kommender Freiheit ist zugleich auch der Zeitraum, in dem sich
das Leben in Freiheit hier und jetzt erfahren und in Gemeinschaft
einüben lässt. Der Heiligung der unverfügbaren herrschaftsfreien
Zeit folgt in der Tora die Heiligung des Raumes. Ex 2531 geben
Weisung zur Gestaltung des Zeltes der Begegnung und Offenbarung,
der Wohnstätte Gottes unter den Menschen wie der Tempel.
Mit der Kirche lesen
Jesus kämpft um diesen Tempel, um den geheiligten Raum. Seine
Jüngerinnen und Jünger erinnert sein Verhalten an ein
Psalmwort (69,10). Psalm 69 ist die Klage eines Menschen, der Schmach
und Spott erleidet für die Art und Weise, wie er seine Beziehung
zu Gott gestaltet. Gut möglich, dass dieser Spott dem Spott
Senecas über die jüdische Schabbatpraxis gleicht. Es ist
der Spott der Herrschenden, die um ihre Macht fürchten. Sie
wird in Frage gestellt durch heilige, d. h. unverfügbare Zeiten
und Räume. Jesus kämpft um den heiligen Raum des Tempels.
Er tut dies als das Paschafest, das Fest der Befreiung aus Unterdrückung,
nahe ist. Jesus steht in der Befreiungsgeschichte seines Volkes.
Das Johannesevangelium weiss um die Not-wendigkeit von heiligen
Räumen. Es erkennt nachdem der Tempel in Jerusalem zerstört
wurde, den geheiligten Raum im Tempel des menschlichen Leibes. Er
ist wie der Schabbat unverfügbar und der Herrschaft von Menschen
entzogen. Das gilt es zu erinnern und zu verkünden, gerade
wenn Menschen Opfer von Gewalt werden. Das ist das Wort, die immer
wieder neu zu erzählende ver-rückte Geschichte der Heiligen
Schrift.
1 Rochus Zuurmond: Die Zehn Gebote. Textelemente und Beobachtungen
zur Auslegungsgeschichte in: Bibel und Befreiung. Freiburg (Schweiz)
1985, 69. Ich folge hier dieser Auslegung.
2 Zitate nach ebd., 76.
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