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Ein schönes Kind

Ex 2

Das biblische Buch Exodus beginnt mit einer dramatischen Geschichte. In Ägypten kommt es zu einem Machtwechsel. Anders als in unserer Gegenwart kommt allerdings nur ein neuer Pharao an die Macht. Er muss seine Macht sichern und das Volk hinter sich bringen. Was dient dem am besten? Ein gemeinsamer Feind. Wer eignet sich dafür am besten? Fremde. Das Volk Israel bietet sich dafür an, obwohl es seit Generationen im Land lebt. Also hetzt der Pharao: "Seht nur, das Volk der Israeliten ist grösser und stärker als wir. Gebt acht! Wir müssen überlegen, was wir gegen si e tun können, damit sie sich nicht weiter vermehren. Wenn ein Krieg ausbricht, könnten sie sich unseren Feinden anschliessen, gegen uns kämpfen und sich des Landes bemächtigen. " Diese Geschichte ist kein historisches Geschehen und zugleich ist es die Geschichte aller Zeiten. Der Pharao steht für die politisch Verantwortlichen aller Zeiten, die mit ausländerfeindlichen Parolen ihre eigene Macht sichern. Kein Argument ist dafür zu blöd.
Als die ersten Zwangsmassnahmen die Ausländerzahl im Land nicht verringern, werden immer härtere Mittel ergriffen. Die Fremden werden versklavt und schliesslich ergeht der Befehl, alle ihre neugeborenen männlichen Kinder umzubringen. Dagegen erhebt sich Widerstand. Zuerst von zwei Hebammen, die den Befehl nicht ausführen und dann von einer jungen Mutter. Von ihr heisst es in der Bibel: "Sie wurde schwanger und gebar einen Sohn. Weil sie sah, dass es ein schönes Kind war, verbarg sie es drei Monate lang" (Ex 2,1).

Schön und gut

Ein schönes Kind. So übersetzt die Einheitsübersetzung diesen Vers und die Neue Zürcher Bibel tut es ihr gleich. Die Gute-Nachricht-Bibel bezeichnet es als "gesundes, schönes Kind", die Bibel in gerechter Sprache nennt es "gesund und munter" und Martin Buber "wohlbeschaffen". Was soll das? Hätte die Mutter anders reagiert, wenn es hässlich gewesen wäre? Oder krank? Behindert? Im hebräischen Urtext der Bibel steht hier das Wort "tov" und das bedeutet "gut". Die Mutter sah, dass das Kind gut war. Diese Formulierung erinnert stark an das Schöpfungslied im ersten Kapitel des ersten Buches der Bibel, dem Buch Genesis, wo es mehrfach über das Geschaffene heisst. "Und Gott sah, dass es gut war". Die Mutter aus dem versklavten Volk der Fremden nimmt also ihr Kind genauso wahr wie Gott die Schöpfung. Das kleine, wehrlose, noch namenlose Sklavenkind, dem andere jede Zukunft absprechen, steht gleichsam stellvertretend für die ganze Schöpfung. Es ist an sich gut, vor jeder Handlung, ohne jeden Zweck, vor jeder Moral. Einfach, weil es da ist. Das ist schön. Aber nicht selbstverständlich. Genauso wie die Natur bedroht ist, ist es auch dieses Kind. In der biblischen Geschichte sind es vor allem Frauen, die sich für das neugeborene, schwache, bedrohte, gute Leben einsetzen. Sie tun es mit Mut und List. Die Hebammen, die die Neugeborenen gleich nach der Geburt töten sollen, sagen dem Pharao ins Gesicht: "Bei den hebräischen Frauen ist es nicht wie bei den Ägypterinnen, sondern wie bei den Tieren: Wenn die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie schon geboren." Gleich den Tieren zu sein, mag in den Augen des zivilisierten Pharaos eine beleidigende Abwertung bedeuten. Die Hebammen aber verbinden auch die menschlichen Mütter mit der weiteren Schöpfung Gottes und retten dadurch Leben. Als die Mutter des schönen, guten Kindes es nicht länger verborgen halten kann, nimmt sie ein Kästchen, legt den Jungen hinein und setzt es am Flussufer ins Schilf. Seine ältere Schwester bleibt in der Nähe stehen, um das Weitere zu beobachten. Die Geschichte nimmt ihren märchenhaften Verlauf: Die Tochter des Pharaos kommt, um im Fluss zu baden, sieht das Kind und bekommt Mitleid. Jetzt greift die Schwester ein und bietet die Hilfe einer Amme an, die natürlich niemand anders ist als ihre Mutter und die Mutter des ausgesetzten Kindes. Später nimmt die Pharaonentochter den Jungen als ihr eigenes Kind an und nennt ihn Mose. Es gibt also auch im Zentrum der Macht, mitten im Palast des Pharaos lebensrettende Kräfte.
Im Gespräch über die Geschichte

Ich habe einmal zur Vorbereitung einer Predigt ein Gespräch über diesen Text geführt. Es war ein Gespräch per Mail und wir haben uns in verschiedene Rollen im Text versetzt und dabei auch immer unser eigenes Leben mit ins Spiel gebracht. Hier einige Wortmeldungen:

"So sehr hatte ich mich auf dich gefreut und mich zugleich auch geängstigt: wenn es nun ein Junge ist? Was dann? Es musste doch einen Ausweg geben aus dem tödlichen Plan des Pharaos! Zeit zu denken hatte ich in den Tagen und Nächten, in denen du an meiner Brust trankst oder schliefst, denn dann warst du ruhig. Und keiner der Soldaten, die durch die Strassen polterten, konnte dein Weinen hören. Tödlich wäre das gewesen! Du wurdest grösser und lauter - und ich immer verzweifelter. Ich wollte, dass du lebst. Wenigstens eine Chance solltest du haben. So dachte ich mir den verrückten Plan mit dem Körbchen aus. Der Nil schien mir selbst mit allen Strömungen, Krokodilen und andren wilden Tieren noch sicherer, als dich zuhause zu behalten. Sicher gibt es auch heute noch für Kinder Gefahren und auch Eltern, die sich überlegen, wie sie ihre Kinder beschützen können - so gut wie eben möglich. Du hättest jedenfalls nicht überlebt, wenn uns nicht jemand geholfen hätte: Zuerst - Zufall oder Schicksal?- jemand, von dem ich es am allerwenigsten erwartet hätte: ausgerechnet die Tochter unseres Erzfeindes - und dann die Zivilcourage und Geistesgegenwart deiner Schwester - wir drei Frauen gemeinsame haben den bösen Plan des Pharao ausgebremst. Und ich konnte sogar noch länger deine Mama sein. Vielleicht hat dir das auch Mut gemacht hat für dein weiteres Leben, in dem du noch viele Gefahren bestanden hast? Dann wär ich das Beste für dich gewesen, was ich nur sein konnte: Deine Mama"

"Natürlich habe ich euer Versteckspiel durchschaut. Unterschätzt niemals eine ägyptische Prinzessin. Natürlich habe ich gemerkt, was da geschehen ist. Kaum hatte meine Sklavin das Kind aus dem Wasser geholt, da taucht auch schon die junge Frau auf, die mir eine Amme besorgt. Die Amme ist, das ist auf den ersten Blick zu erkennen, die Mutter der jungen Frau. Ein Blick auf die "Amme", wie sie das kleine Kind in den Arm nahm und anstrahlte, genügte und dann war mir klar, dass sie auch die Mutter des kleinen Jungen ist. Ich habe das Spiel mitgespielt. Warum auch nicht. Ich hatte Mitleid. Ich leide mit."

"Meine Rolle war nur von kurzer Dauer und doch nicht unwesentlich. Ich bin das Schilfgras und habe das Körbchen eine Weile lang verborgen. Das, was uns in die Freiheit führen kann, ist gerne bedroht und verfolgt von anderen. Manchmal muss es versteckt, verheimlicht, verborgen werden. Verlassen, aufgegeben und ausgeliefert. Dann kann es wiedergefunden werden, manchmal auf eine Weise, die niemand für möglich gehalten hätten. Als das kleine Kind verborgen zwischen meinen Halmen lag, habe ich es gehütet, es hat auf das Rauschen des Windes gehört, der durch meine Halme fuhr. Seine kleinen braunen wachen Augen haben nach dem Himmel Ausschau gehalten. Geduldig hat es ausgeharrt und gewartet, schon voller Vertrauen, dass das noch gefunden werden nicht unmöglich ist. Ich bin das Schilfgras und sage Euch: Gottes Pläne sind nicht zu durchkreuzen, IHR Wort geht aus und TUT was SIE will."

"Lieber Moses, ich, deine ältere Schwester, ich habe ein Auge auf dich und werde es immer haben. Warum? Weil ich ohne mein Zutun zu den Überlebenden zähle und du zu denen, die dem Tod ausgeliefert sind. Hier und jetzt ist das eine Geschlechterfrage. Knaben in den Nil! Mädchen leben lassen! Ein Mädchen zu sein als Geburtsvorteil! Das ist im bisherigen Verlauf der Menschheitsgeschichte eher die Ausnahme. "Normalerweise" ist es genau umgekehrt. Oder zeigt sich selbst in dieser Ausnahmesituation, dass es dem Pharao gar nicht in erster Linie darum geht, das Wachstum unseres Volkes zu begrenzen. Es geht im viel mehr darum, jeden Widerstand gegen seine Herrschaft im Keim (!) zu ersticken und da fürchtet er die Knaben und Männer wohl mehr als die Mädchen bzw. Frauen. Ist er blind für die Widerstandskraft von Frauen? Hat unsere Mutter das geahnt, als sie ihren "schönen, munteren, wohlbeschaffenen" Sohn besonders versteckte? Nach den Anweisungen des Pharaos waren ja doch alle Knaben bedroht, auch die weniger feinen, weniger wohlgestalteten und weniger gesunden. Oder stimmte das gar nicht? Richtete sich der Vernichtungsblick des Pharaos vor allem auf solche Männertypen, die er als Konkurrenz um seine Macht ansah? Lieber Moses, ich habe ein Auge auf dich und ich habe ein Auge auf diese Männerwelt. Aber so ganz versteh ich sie nicht."

Ich lade Sie ein, sich ebenfalls in diese Geschichte zu versetzen und eine Rolle zu übernehmen. Schicken Sie mir Ihren Gesprächsbeitrag (peter.zuern@swissonline.ch). Ich werde das Gespräch auf www.biblioblog.ch weiterführen.

Peter Zürn