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Die Unschuld verlassen - Stärke beanspruchen
Zu den Lesungen am 29. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Ex 17,813
Evangelium: Lk 18,18
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Was wir nicht wahrhaben wollen und verdrängen, kommt wieder.
Es lässt uns nicht in Ruhe und am Ende müssen wir fürchten,
dass es uns ins Gesicht schlägt. Was der Richter mit der Witwe
im Evangelium erlebt, ist auch Gleichnis für unseren Umgang
mit den Schattenseiten der Vergangenheit. Im November 2008 jährt
sich zum 70. Mal die Reichspogromnacht in Deutschland und die Einführung
des J-Stempels in der Schweiz. Jüdische Menschen sprechen von
der Erfahrung, dass nicht nur damals, sondern in jeder Generation
ein Feind aufsteht, um sie zu verderben. Sie nennen diesen Feind
Amalek. Die jüdische Auslegungstradition regt uns an
mit Blick auf den 9. November 2008 die heilsame Kraft der
Erinnerung lebendig werden zu lassen.
Mit Israel lesen
Im Lesungstext geht es um den Kampf zwischen Israel und Amalek.
Die Rabbinerin Elisa Klapheck hat Amalek ein ganzes Kapitel ihres
Buches gewidmet. Für sie als deutsche Jüdin mit Jahrgang
1962 bedeutet die Beschäftigung mit Amalek «einen Versuch,
die Schoa theologisch einzuordnen».1 Wer ist Amalek? Im Lesungstext
vermutlich aus einer alten Traditionsschicht wird
das Volk Israel während der Wanderung durch die Wüste
vom Stamm Amalek angegriffen. Historisch steht dahinter wohl die
Konkurrenz zweier Stämme um die Kontrolle über die Handelswege
im Negev.2 In späteren biblischen Texten nehmen die Vorwürfe
gegenüber Amalek zu. Das Deuteronomium klagt Amalek an, beim
Angriff während der Wüstenwanderung gezielt die Schwachen
erschlagen zu haben (Dtn 25,1719). Immer mehr wird Amalek
zur Chiffre, zum Feind des Volkes Israels schlechthin. Die unzähligen
Erfahrungen als Opfer von Gewalt, von Unterdrückung, Verfolgung,
Ermordung durch die Geschichte hindurch, verdichten sich in dieser
Chiffre. Beim Sederabend an Pessach wird gesungen: «... nicht
etwa nur Einer erhob sich, um uns zu verderben, sondern in jedem
Zeitalter stand man wider uns auf, um uns zu vernichten».
So ist Agag, der in der Zeit Sauls Krieg gegen Israel führt,
ein Amalekiter (1Sam 15) und auch Haman, der im Buch Ester alle
Juden Persiens vernichten will, ist eine Verkörperung Amaleks.
Elisa Klapheck führt das weiter: «Hitler ist Amalek.
Die Schoa und der Zweite Weltkrieg sind das Werk Amaleks. Amalek
das ist das radikal Böse» (112 f.)
In der Leseordnung der Synagoge werden die Verse aus Dtn 25, die
an Amalek erinnern und die Erzählung von Ex 17,816 aufnehmen,
am Sabbat vor dem Purimfest gelesen. Er trägt den Namen Schabbat
Sachor, «Gedenke». Leider beendet unsere Leseordnung
den Abschnitt aus Ex 17 mit Vers 13 und lässt den Auftrag zur
Erinnerung, zum Gedenken weg, der in der jüdischen Tradition
der wirkmächtige Teil des Textes ist: «Halte das zur
Erinnerung in einer Urkunde fest (. . .). Denn ich will die Erinnerung
an Amalek unter dem Himmel austilgen». Es ist ein paradoxer
Auftrag: «Erinnere dich, um die Erinnerung auszulöschen»
(112). Was heisst das? Rabbinerin Klapheck erinnert an die Anfänge
von Israel und Amalek, an ein altes, verdrängtes Familiendrama.
Amalek ist ein Enkel Esaus (Gen 36,12), ein Verwandter Israels.
In ihm setzt sich die Geschichte vom verdrängten älteren
Zwillingsbruder fort, vom verlorenen Erbe, von der Schmach ausgeschlossen
zu sein. Die Geschichte Amaleks erzählt, dass das Verdrängte
immer wiederkehrt: «In jeder Generation steht Amalek von neuem
auf.» Dies darf auf keinen Fall so missverstanden werden,
als ob das Judentum selbst schuld an der Gewalt wäre, unter
der es leiden musste. Das wäre eine Entschuldigung der wahren
Täter und stünde in einer furchtbaren Tradition des Antijudaismus,
in der immer wieder die Opfer zu den eigentlich Schuldigen gemacht
wurden. Und trotzdem geht es um Schuld und Schuldfähigkeit.
Die Rabbinerin gewinnt aus der Erinnerung an Amalek ein neues Selbstbewusstsein
als deutsche Jüdin ihrer Generation. Es besteht darin, sich
nicht mehr ausschliesslich als Opfer zu begreifen, sondern aus der
jüdischen Tradition heraus aktiv auf Gesellschaft und Politik
einzuwirken, «konkret und dabei heiligend auf eine niemals
reine und heile Gegenwart» (120). Das ist der Weg Amalek zu
besiegen und er wird in Ex 17 begangen. Entscheidend für den
Ausgang des Kampfes ist Moses. «Solange Mose seine Hand erhoben
hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken liess,
war Amalek stärker» (Ex 17,11). «Können den
Moses Hände den Kampf fördern oder den Kampf hemmen?»
fragt die Mischna und gibt folgende Antwort: «Das will vielmehr
sagen, dass die Israeliten, solange sie nach oben blickten und ihr
Herz dem himmlischen Vater zu eigen gaben, die Oberhand hatten,
sonst aber unterlagen» (Rosch Haschana 3:8). Amalek ist nur
in der Ausrichtung auf Gott zu besiegen, «mit Gottesfurcht»
wie es Rabbinerin Klapheck ausdrückt. «Aber diese Gottesfurcht
ist kein lammfrohes Sich-Ergeben in das eigene Schicksal. Amalek
zu bezwingen verlangt, schuldfähig zu werden
den Bereich der Unschuld zu verlassen und ein Recht auf Stärke
zu beanspruchen» (119). Ein Vorbild dafür sieht die Rabbinerin
in Ester, die sich vom liebreizenden Haremsmädchen zur politisch
handelnden Königin emanzipiert nicht umsonst wird das
Buch Ester an Purim in der Synagoge gelesen, eine Woche nach dem
Schabbat Sachor.
Mit der Kirche lesen
Das Christentum war oftmals Amalek. Wir tragen Verantwortung für
die Erinnerung daran. Am 9. November 2008 findet an der schweizerisch-deutschen
Grenze ein besonderes Projekt statt, das unter anderem von der Röm.-kath.
Landeskirche Aargau unterstützt wird. Unter dem Titel «Grenz-Erfahrungen»
wird in verschiedenen Veranstaltungen den Ereignissen an dieser
Grenze im Jahr 1938 gedacht. Im Zentrum steht die Erinnerung an
Menschen, die die Zeit erlebt haben, als Opfer, Täter, Helfer
und Zuschauerinnen. Es wird Raum sein für die Trauer um die
jüdischen Toten und ihre nie geborenen Kinder und Enkel, die
heute mit uns leben würden und für die Gefühle von
Schuld und Scham. Aus der Erinnerung heraus werden Wege in die Zukunft
eröffnet. Sie können in Form von Ritualen anfanghaft und
doch wirklich begangen werden. Sie gründen in dem Bewusstsein,
dass wir nicht nur Nachkommen Amaleks sind, nicht nur Erbinnen und
Erben einer gewaltvollen Geschichte. Sie sind getragen vom Glauben
an persönliche und soziale Heilung von Verletzungen, Scham
und Sprachlosigkeit. Sie stärken unsere Erfahrungen damit,
dass wir nicht an der Geschichte vorbei aber auf neue Weise
mit ihr frei und verantwortlich leben können. Das Projekt
soll eine Erinnerungskultur fördern, die in die Zukunft wirkt
für den lebendigen und heilsamen Umgang mit Verschiedenheit
und Grenzen in der Schweiz. Sie werden von diesem Projekt noch mehr
hören. Es steht unter der Verheissung von Gottes Schalom, wie
ihn die Rabbinerin versteht: «Dabei bedeutet Schalom
nicht einen alle Menschen verschmelzenden Frieden, sondern
eine Fülle, in der die unterschiedlichen Heilsgeschichten
der Menschen ... zu einer vollen Geltung kommen» (121).
1 Elisa Klapheck: So bin ich Rabbinerin geworden. Jüdische
Herausforderungen hier und jetzt. Freiburg im Breisgau 2005, 112.
Alle folgenden Seitenangaben im Text beziehen sich darauf.
2 Thomas Staubli: Gott unsere Gerechtigkeit. Begleiter zu den Sonntagslesungen
aus dem Ersten Testament. Luzern 2000, 201.
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