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Leben auf Probe
Zu den Lesungen am 18. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Ex 16,24.1215
Evangelium: Joh 6,2435
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Fahrausweis und Ehe auf Probe, das Leben im Probe-Abo? Probezeiten
müssen nicht Unverbindlichkeit fördern. Sie sind auch
lebensnotwendige Zeiten des Lernens und des Erprobens unerwarteter
Fähigkeiten.
Mit Israel lesen
«Die Wüste ist Israels Erprobungsfeld, und sie ist der
Platz, wo Gott sich ein Volk erwirbt.»
So beginnt Rabbiner W. Gunther Plaut seine Auslegung von Ex 15,2216,36.
Erprobung und Erwerb des Volkes gleichen der Schöpfung. In
der Wüste erschafft Gott sich ein Volk. «In der Geschichte
Israels, dem gerade geschaffenen Volk Gottes, soll das Thema der
Erschaffung der Welt aufgegriffen werden. Das Man1 und
der Schabbat spiegeln die Urgeschichte
wider.» 2
Plaut weist daraufhin, dass die Nahrung, die das Volk Israel in
der Wüste fand und die es 40 Jahre lang ernährte, natürliche
Vorbilder hat: So sammeln z. B. Beduinen in der Wüste Sinai
bis heute Manna, eine Substanz, die von Tamariskenbäumen tropft
und von den Ausscheidungen von Insekten, die in Symbiose mit der
Tamariske leben, stammt. Neben vielen Ähnlichkeiten zur Erzählung
in Ex 16 überwiegen die Unterschiede: Das Manna der Beduinen
z. B. kommt nur in kleinen Mengen vor, ist von bestimmten Wetterbedingungen
abhängig und wird nicht regelmässig, dafür aber natürlich
auch am Schabbat, gefunden. Ex 16 knüpft an Natürliches
an. Es wird aber in Zeichen für etwas Anderes verwandelt, in
Zeichen für die Taten und Werke Gottes, die dem Volk Israel
zum Leben verhelfen. 3 Das erste und grundlegende Werk Gottes ist
die Erschaffung der Welt, die das Leben ermöglicht. Das Man
soll das Volk daran erinnern, dass Gottes Fürsorge für
das Leben andauert. Israel wird aus der gleichen Kraft erschaffen
und erhalten wie die Welt. Das Geschenkhafte des «Himmelsbrotes»
(Ps 105,40) verweist auf den Garten Eden, in dem die Menschen sich
nicht für ihr Essen abmühen mussten. Seit der Vertreibung
aus dem Paradies arbeiten sie im «Schweisse ihres Angesichtes»
für ihr täglich Brot mit Ausnahme der 40 Jahre
in der Wüste. Wie das Leben jenseits von Eden gespeist wird
aus Erinnerungen an Schöpfung und Paradies so auch das
Leben des Volkes im verheissenen Land aus der Erinnerung an die
Wüstenzeit. In der Wüste weist Gott über die «natürliche»
(d. h. hier über die nachparadiesisch herrschende) Ordnung
hinaus, um die ideale Beziehung zwischen sich und der Menschheit
herzustellen die der lebensspendenden Fürsorge. «Gott
ernährt einen Teil seines Volkes [hier meint Volk
die Menschheit PZ], wie er Adam und Eva ernährt hat und fährt
fort, dies zu tun, bis der Prozess der Erschaffung dieses Volkes
abgeschlossen ist. Deshalb ist die Einsetzung des Schabbats als
einem menschlichen Ruhetag die natürliche Entsprechung zur
Schöpfungsgeschichte
Der Schabbat der Schöpfung
spiegelt sich von nun an in Israels Schabbatfeiern wider und wird
in ihr verewigt. Das himmlische Getreide, die Engelskost
[Weish 16,20] war auf eine bestimmte Zeit begrenzte Gabe, anders
jedoch der Schabbat. Er ist für immer Gottes Siegel und Zeichen.»
4 Schabbat und Man sind miteinander verbunden: Am sechsten Tag wird
die doppelte Menge gesammelt, damit am siebten Tag geruht werden
kann. Das jüdische Brauchtum erinnert bis heute daran mit den
zwei Schabbatbroten (Challot).
Gott erschafft sich in der Wüste ein Volk, indem er es erprobt
(Ex 16,4). Worin besteht diese Probe? Der Maggid von Mesritz drückt
es so aus: «Frei von der Sorge um Brot, war es [das Volk]
nun versucht, Gottes Gebote zu missachten.» Ein Midrasch formuliert
positiv: «Nur die, die Man essen (das heisst genug
zu essen haben), können wirklich Tora lernen.» 5 Auch
die innerbiblische Auslegung der Erzählung in Dtn 8,3 («Der
Mensch lebt nicht vom Brot allein
» vgl. Mt 4,4) zeigt
in diese Richtung. Brot und Tora verweisen aufeinander. Die Tora
wird dem Volk nicht in Ägypten gegeben. Die Weisungen Gottes
sind nicht für Sklavinnen und Sklaven, sondern für freie
und aufrechte Menschen bestimmt. 6 Das Lernen und Tun der Tora braucht
und fordert nicht nur Freiheit, sondern auch gesellschaftliche Verhältnisse,
in denen Menschen genug zu essen haben, d. h. alles, was sie zum
Leben entsprechend ihrer Grundbedürfnisse brauchen. Israel
lernt die Tora in der Wüste kennen eine Lebensweise,
eine gesellschaftliche Ordnung, in der sich die Schöpfungsordnung
widerspiegelt. Das Volk ist dazu berufen, diese Lebensordnung nach
der Probezeit in der Wüste im eigenen Land weiterzuführen
und sich und die Beziehung zu Gott dabei weiter zu erproben.
Mit der Kirche lesen
Brot als Zeichen, das auf Gott verweist und die Frage nach politischen
Ordnungen, die dem Leben dienen damit sind wir mitten im
Johannesevangelium. Der Lesungstext steht in einem grösseren
Kontext: Joh 6,115 vergegenwärtigt die Mannaerzählung.
Jesu Tun wird von den Menschen als Zeichen verstanden als
Zeichen, dass etwas anders werden soll in der bestehenden Weltordnung.
Ja, dass schon Neues wirkt, das zugleich etwas uraltes Biblisch-Prophetisches
ist (6,14). Jesus will aber nicht zum König gemacht werden,
um die neue Ordnung durchzusetzen (6,15). Das Johannesevangelium
distanziert sich hier von allen, die die Lebensordnung Gottes mit
Gewalt durchsetzen wollen. Aber wie kann sie dann Wirkung entfalten?
Ist sie angesichts der herrschenden Weltordnung, dem römischen
Imperium, nicht zum Scheitern verurteilt? Dunkelheit, Sturm und
aufgewühlte See verkörpern die herrschende, lebensbedrohliche
Macht, die Jüngerinnen und Jünger fürchten sich zu
recht (6,1621). Der Messias als König die Weltordnung
würde dafür sorgen, dass er vernichtet oder ein König
wie alle anderen wird kaum jemand würde satt werden.
Aber ein Messias, der da ist, ohne dass sich an der herrschenden
Ordnung etwas ändert, das lässt auch hungrig zurück.
Wie kann sich die Lebensordnung Gottes in dieser Welt durchsetzen?
Darum ringen die Menschen in der Synagoge von Kafarnaum (vgl. 6,59).
Die Auseinandersetzung erstreckt sich bis 6,71, zeigt die Teilnehmenden
als gottesfürchtige und schriftgelehrte Menschen, endet aber
wenig optimistisch. Am Anfang steht die Frage: «Wie können
wir die Werke Gottes vollbringen?» (6,28). Der Genetivus subjectivus
ist problematisch: Die Werke Gottes sind die Schöpfung, die
Befreiung Israels und der Bund für Paulus auch die Gemeinde
(vgl. Röm 14,20). Sie alle sind gerade nicht Menschenwerk.
Geht es nicht eher darum «Werke für Gott» zu vollbringen
(Gen. objectivus), als Antwort und Reaktion auf die Taten Gottes?
Also darum, Tora zu lernen und zu tun, damit sich die Schöpfungsordnung
in der gesellschaftlichen Ordnung widerspiegelt. Das Johannesevangelium
ist davon überzeugt, dass das unter den herrschenden Verhältnissen
Roms nicht länger ausreicht. Ein «endzeitliches»7
Eingreifen Gottes tut Not und ist in Jesus Messias Wirklichkeit
geworden. Noch ist Joh 6 ein innerjüdisches bzw. jüdisch-christliches
Ringen, aber die Bruchstellen werden immer deutlicher. Eine Brücke
zueinander ist die gemeinsame Hoffnung, dass allen Opfern der Geschichte
endlich Recht geschieht. Erproben wir das Leben aus dieser Hoffnung!
1 Im hebräischen Text wird das Brot «Man» genannt
(Ex 16,31). Die uns gebräuchliche Bezeichnung Manna stammt
aus der Septuagintaübersetzung von Num 11,67.
2 Beide Zitate aus W. Gunther Plaut: Die Tora in jüdischer
Auslegung. Band 2: Schemot/Exodus. Gütersloh 2000, 166. Ich
konzentriere mich zur Entfaltung der These Plauts auf das Brotwunder
im Lesungstext, die Mannaerzählung. Die Interpretation des
Fleischwunders (Wachteln) würde einen eigenen Artikel möglich
und nötig machen.
3 Die Mischna löst mögliche Widersprüche zwischen
Gott und natürlicher Schöpfung auf, indem sie lehrt, dass
das «Man» eines der zehn Wunder ist, die Gott bei der
Erschaffung der Welt (in der Dämmerung am Abend des ersten
Schabbat) gemacht hat (Abot5,6).
4 Plaut, Tora (wie Anm. 2), 171.
5 Beide Zitate nach ebd. 173.
6 Vgl. die Auslegung in SKZ 177 (2009), Nr. 10, 162.
7 Die Anführungszeichen stehen hier, weil Joh durchaus in jüdischem
Verständnis vom «letzten Tag» spricht: der letzte
in der Reihe von Tagen der Unmenschlichkeit, der Tag der Entscheidung,
die alle kommenden Tage neu macht (vgl. Andreas Bedenbender: Der
Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangeliums I.
Teil in: Texte und Kontexte 109111/2006, 116119)
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