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Tränen lachen
Zu den Lesungen in der Osternacht
Alttestamentliche Lesung: Ex 14,1515,1
Evangelium: Mk 16,18
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«Tränen lachen» hiess die Sendung über jüdischen
Humor, die am 6. März im ZDF zu sehen war. «Wir Juden»,
sagte darin ein Kabarettist, «haben eine merkwürdige
Art zu feiern. Je mehr Leichen am Weg liegen, desto besser. Nehmen
Sie Purim Zehntausende tote Perser. Oder Pessach Reihenweise
ersaufen die Ägypter. Und wir feiern.» Achtung Satire!
Noch dazu jüdische. «Ich bin Jude, ich darf das»,
sagt der deutsche Comedian Oliver Polak. Aber auch wir lesen die
Geschichte vom Durchzug durchs Meer in der Osternacht. Und haben
unsere Probleme damit. Was soll denn das für eine Heilsgeschichte
sein, die über Leichen geht? Müssen die einen dran glauben,
damit die anderen dran glauben können? Jüdische Bibelauslegung
humorvolle und ernste kann uns helfen, mit dieser
Geschichte umzugehen.
Mit Israel lesen
Georg Steins will «den anstössigen Text vom Durchzug
durchs Schilfmeer (Ex 14) neu lesen».1 Auf zweierlei Weise:
1. Unter Einbezug der jüdischen Rezeption
Die moralische und theologische Anstössigkeit des Textes wird
im rabbinischen Judentum vielfach diskutiert. Der babylonische Talmud
etwa überliefert im Traktat Sahndedrin 39b folgendes Gespräch
in der typischen Form jüdischer Bibelauslegung: «Freut
sich denn der Heilige, gepriesen sei er, über das Unglück
der Gottlosen, es heisst ja (2 Chr 20,21): während sie vor
den Kampfgerüsteten einherzogen, sprachen sie: Dankt dem Herrn,
denn ewig währt seine Gnade, und hierzu sagte R. Jonathan:
Weshalb stehen hier in diesem Dankspruch nicht die Worte: denn er
ist gütig (vgl. Ps 136,1)? Weil der Heilige, gepriesen sei
er, sich nicht über das Unglück der Gottlosen freut!
Die Dienstengel wollten dann vor dem Heiligen, gepriesen sei er,
das Lied anstimmen; da sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu
ihnen: Mein Händewerk ertrinkt im Meer, und ihr wollt vor mir
das Lied anstimmen!? R. Jose b. Chanina erklärte: Er selbst
freut sich darüber nicht, wohl aber lässt er andere sich
freuen. Dies ist auch zu beweisen, denn es heisst (Dtn 28,63): sich
freuen lassen, nicht aber: sich freuen.»2
Das wird im Judentum auch liturgisch nachvollzogen. Am Sederabend
des Pessachfestes gibt es die Sitte, zehn Tropfen Wein zu versprengen,
während die zehn Plagen vorgelesen werden. In der New Union
Haggadah heisst es dazu: «Ja, Nachkommen derer sind wir, die
gerettet wurden vom grausamen Mizrajim, ja, wir jubelten, als wir
Bezwinger bezwungen sahn. Doch das Triumphgefühl vermindert
sich beim Anblick des furchtbaren Sterbens so wie der Wein
im Becher, wenn wir zehn Tropfen versprengen für die Plagen
über Mizrajim.»3
Die jahrhundertelange jüdische Reflexion (von der Weish 19,14.1317
ein innerbiblisches Beispiel ist) ringt mit der Erfahrung, dass
Befreiungsbewegungen, seien sie persönlicher oder politischer
Art, oftmals bei anderen Leid verursachen.
2. Den Text im Kontext lesen
Im Erzählzusammenhang (Ex 12,115,21) sind die eigentlichen
Handlungsteile des Textes minimal. Stattdessen überwiegen Reden
mit Anweisungen zur späteren Feier und Deutungen des Geschehens.
Der Erzählfluss wird unterbrochen, und zwar genau auf dem Höhepunkt
der Auseinandersetzung (12,43). Das gleiche Muster findet sich noch
einmal in 15,121. Die Lieder des Mose und der Mirjam sind
mehr als spontane Reaktionen auf die wunderbare Rettung. Sie öffnen
das Geschehen am Meer in die Zukunft, auf die Rettung Israels im
Meer der Völker späterer Zeiten hin (15,1416). Das
Ziel der gesamten Passage ist die Gestaltung von Erinnerung: zeitlich
in Ex 12,113,16 durch ein regelmässiges Fest (Pessach),
räumlich in Ex 15,17 durch einen Erinnerungsort, die Wohnung
Gottes, den Tempel in Jerusalem. «Mit dieser Komposition wird
die Wundergeschichte Ex 14 in einen Zusammenhang gestellt, der aufzeigt,
wann und wo die späteren Leserinnen und Leser dieses Wunder
in ihrem eigenen Leben erfahren können.»4 Die Bibel nimmt
das Rettungswunder aus der Vergangenheit heraus und stellt es in
einen zeitlichen und räumlichen Kontext, an dem sich das Wunder
der Rettung immer wieder neu erfahren lässt. Steins nennt das
die «sakramentale oder anamnetische Strategie (im Sinne der
Vergegenwärtigung des Heils) des Bibelkanons».5 Die Bibel
gestaltet Erinnerung, d. h. sie vergegenwärtigt Vergangenes
so, dass es sich für die Späteren lebensprägend auswirken
kann. Ihr entscheidender Bezugspunkt ist nicht die Historie, sondern
die Gegenwart. Wer also Pessach (mit-)feiert und wer zum Tempel
kommt und den rettenden Gott besingt, zieht je neu durch das Meer
in das Leben und die Freiheit.
Der Exodustext bietet keinerlei historisch verwertbaren Anhaltspunkte,
weder geographisch, noch zeitlich, der Pharao bleibt namenlos. Hier
wird «nicht historisch gesprochen, sondern eine andere Ebene
der Wirklichkeitswahrnehmung berührt
Es geht um einen
Konflikt zwischen JHWH, dem Gott Israels, und der Todesmacht, für
die Pharao und Ägypten Chiffren sind.»6 Damit wird der
Text nicht wirklichkeitsfremd, im Gegenteil. Die Wirklichkeit wird
unter der grundlegenden Perspektive von Leben und Tod wahrgenommen.
Ex 14 ist kein Kriegsbericht, sondern eine Offenbarungsgeschichte
Offenbarungen über Gott und die Welt. Gott zeigt sich
als Gott des Lebens und seine Schöpfung als Raum zum Leben
in Fülle. Der Text ist eng verbunden mit dem Schöpfungsbericht
in Gen 1 (Wasser, Finsternis, das Trockene, Nacht, Licht
).
Das Volk Israel soll zum Glauben kommen, dass nicht die Todesmächte
das letzte Wort haben werden, sondern das Leben. Damit wird auch
deutlich, was die Bibel unter Wunder versteht. Sie sind kein «zauberhafter
Eingriff in die erschaffene Schöpfung, sondern ganz
Zeichen, ganz Sichtbarmachung und Lautwerdung der ursprünglich
in der stummen Nacht der Schöpfung verborgenen Vorsehung
ganz Offenbarung. Die Offenbarung ist also allzeit neu, nur weil
sie uralt ist. Sie erneuert die uralte Schöpfung zur immer
neu geschaffenen Gegenwart.»7
Mit der Kirche lesen
So gelesen enthält der Text die biblische Osterbotschaft,
wie sie in der Liturgie der Osternacht gefeiert wird: Gott rettet
sein Volk aus der Macht des Todes. Steins verweist auf eine Kurzformel
in der alten lateinischen Ostersequenz: «mors et vita duello»
«Tod und Leben im Zweikampf» eine Zusammenfassung
des Lesungstextes und ein Schlüssel dazu. Auch der Schluss
des Markusevangeliums spielt auf Gen 1 an. Jetzt aber, nach dem
Jahr 70, ist der biblische Schöpfungs- und Rettungsglaube fraglich
geworden. Im Jüdischen Krieg lagen nicht die Rosse und Reiter
des Kaisers / Pharaos am Ufer, das Galiläische Meer färbte
sich stattdessen rot vom Blut des Volkes Israel. Markus erzählt,
dass der geliebte Sohn Gottes den Weg ans Kreuz geht. Wie damit
und daraus zu leben ist, bleibt am Ende des Evangeliums offen, auch
wenn die Leseordnung versucht, uns den Schrecken, das Entsetzen
und das Verstummen der Frauen am Grab zu ersparen (Mk 16,8). Osterlachen
kann darum kein triumphalistisches Lachen sein. An Ostern lachen
heisst, Tränen lachen.
1 So der Titel seines Beitrags in Bibel und Kirche 4/2007 zum Thema
Exodus.
2 Zitiert nach ebd., 232.
3 Zitiert nach ebd., 233.
4 Ebd, 235.
5 Ebd.
6 Ebd.
7 Franz Rosenzweig zitiert nach: W. Gunther Plaut (Hrsg.): Die Tora
in jüdischer Auslegung, Band II. Gütersloh 2000, 153 f
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