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Wie im Anfang, so auch jetzt. . .
Zu den Lesungen am Hohen Donnerstag / Gründonnerstag
Alttestamentliche Lesung: Ex 12,18.1114
Evangelium: Joh 13,115
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Rituale sind gestaltete Zeiten, Handlungen und Räume. In Ritualen
nehmen sich Menschen die Freiheit, ihre Lebenshoffnungen für
sich selbst und für die Welt zu sagen, sie zu spielen, zu essen,
zu berühren . . . In Wandlungsritualen treten Menschen aus
bestehenden Grenzen heraus und erfahren, dass es auch anders sein
kann, dass sie anders leben können und dass sie damit die Zukunft
bereits gestalten. Auf diesem Hintergrund haben Regula Grünenfelder
und Bernd Lenfers- Grünenfelder Wandlungsrituale zum Johannesevangelium
entwickelt.1 Ich möchte hier das Pessach, wie es in Ex 12 beschrieben
ist, als Wandlungsritual deuten2 .
Mit Israel lesen
Das hebräische Wort pessach aus Ex 12,11 dessen ursprüngliche
Bedeutung unklar ist wird in 12,27 in einem Wortspiel mit
passach hüpfen, (über)springen in Beziehung
gebracht. Die englische Übersetzung Passover (to pass over)
entspricht dem genau. Es kann sich dabei aber auch um einen Fachbegriff
aus dem Bereich kultischer Tänze handeln (vgl.1 Kön 18,26).
Das rituelle Essen, das Ex 12,114 beschreibt und für
spätere Generationen vorschreibt, ist das Ritual einer Überschreitung
(ein «Überschreitungsopfer» wie es in einer jüdischen
Übersetzung heisst). Es ist ein Übergangs- oder eben ein
Wandlungsritual.
Rituale sind Unterbrechungen. Sie unterbrechen den Lauf der Dinge,
den gleichförmigen Alltag genauso wie plötzliche Ereignisse,
die uns aus der Bahn zu werfen drohen. Die Anweisungen zum Pessach
unterbrechen die zehnte Plage. Die Blickrichtung der Erzählung
wechselt, die Aufmerksamkeit gilt jetzt nicht mehr dem Pharao und
der Frage, ob er endlich zur Einsicht kommt und das Volk ziehen
lässt, sondern sie gilt jetzt den Menschen des Volkes Israel,
jeder und jedem Einzelnen in jedem Haus (12,3). Es ist nicht mehr
die Frage, ob die äusseren Umstände eine Veränderung
möglich machen, sondern ob die Menschen bereit sind für
das, was ansteht. Der Bibeltext und das Pessachritual zeugen von
grosser Achtsamkeit für das alltägliche Leben und für
die Bedürfnisse der Einzelnen. Die genaue Beschäftigung
mit jeder Person, die am Essen beteiligt ist, ist eine Besonderheit
des Pessach (12,4), so etwas gibt es bei keinem anderen biblischen
Opfer. Niemand ist unwichtig und alles hat einen Wert, nichts wird
vergeudet (12,10). Von grosser Bedeutung sind die Beziehungen im
nachbarschaftlichen Umfeld (12,4). Die Tosefta sieht hier das weisheitliche
Wort von Spr 27,10 erfüllt: «Besser ein Nachbar in der
Nähe als ein Bruder in der Ferne» (psachim VIII,13).
Im Alltag, mit den Menschen, zu denen tägliche Beziehungen
bestehen, geht es um die Frage, was wirklich wichtig für das
Leben ist, und darum, was in diesen Beziehungen Gestalt annehmen
soll, was trägt und verbindet beim Aufbruch in die Freiheit.
Hier tut sich der Raum der Wandlung auf, hier ist auch alles vorhanden,
was dafür notwendig ist.
Text und Ritual zeugen aber auch vom Wissen darum, dass es notwendig
ist, Bekanntes und Vertrautes zurückzulassen, um dem Neuen,
der Wandlung, Raum zu geben. Die Vorbereitungen für den Aufbruch
sind getroffen (12,11).
Wandlungsrituale folgen einem Dreischritt, der mit den Phasen einer
Reise verglichen werden kann: (1) Abreisen, (2) am tiefsten, gefährlichsten
Punkt ankommen und durchgehen und (3) wieder zurückkehren und
die neuen Erfahrungen in den Alltag integrieren. In Ex 12 ist dieser
Dreischritt enthalten: (1) Die Anweisungen zum Pessach sind gleichsam
der erste Schritt des Exodus, des Aufbruchs aus der Unterdrückung
und der Reise in die Freiheit. Dieser räumlichen Vorstellung
entspricht eine zeitliche: Mit dem Pessach beginnt eine neue Zeitrechnung
(12,2), die Ära der Fremdherrschaft ist vorbei, jetzt ist die
Stunde null für die Zählung der künftigen Jahre.
(2) Die Anweisungen zum Pessach stehen mitten in der Schilderung
der Plagen. Die Befreiung geschieht als Folge von aufgestauten Schrecken
und führt durch die Gefährdung hindurch.12,23 macht deutlich,
dass es der «Verderber» ist, der personifizierte Tod,
der später Todesengel genannt wird, der durch Ägypten
geht. Rabbi Salomo ben Isaak (Raschi) lehrt zu Vers 22, wonach niemand
in dieser Nacht das Haus verlassen durfte: «Wenn dem Zerstörer
die Erlaubnis gegeben ist, zu verderben, unterscheidet er nicht
mehr zwischen dem Gerechten und dem Bösen». (3) Vers
14 schliesslich richtet den Blick in die Zukunft, auf das spätere
Gedenken an die grundlegende Erfahrung, darauf, wie die Erinnerung
an den aussergewöhnlichen Anfang auch im zukünftigen Alltag
bewahrt werden kann. Aus dem pesach Mizrajim, dem Pessach in Ägypten
(nach 12,1, wo die Rede Gottes explizit «im Land Ägypten»
verortet wird), wird das pesach dorot, das Pessach der Generationen.
Das einstige Geschehen soll in Erinnerung bleiben und jedes Jahr
aktualisiert, d. h. vergegenwärtigt werden. Das Pessach der
Generationen ist kein «Fest der frommen Erinnerung, sondern
der immer wiederkehrenden Vergegenwärtigung des ureinst Geschehenen.
Jedes feiernde Geschlecht wird eins mit dem Urgeschlecht und mit
allen» (Martin Buber). Jüdinnen und Juden erinnern bis
heute an Pessach an den Exodus. Die Haggada fordert dafür zur
Identifikation auf. «In jeder Generation sehe es der Mensch
so an, als sei er selbst aus Ägypten gezogen. Nicht nur unsere
Vorfahren hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst. Auch uns
erlöste Er mit ihnen» (Mischna psachim X 5). Diese
Erlösung erreicht die Menschen, die sich in ihrer Gegenwart
dafür öffnen und sich mit dem Geschehen identifizieren.
Mit der Kirche lesen
Die Leseordnung am Hohen Donnerstag setzt Ex 12 in Beziehung zur
Fusswaschung in Joh 13. Handelt es sich dabei auch um ein Wandlungsritual?
Joh 13 spielt «vor dem Paschafest» (13,1) und spricht
vom bevorstehenden Übergang Jesu «zum Vater». In
dieser Situation erweist Jesus «den Seinen» «seine
Liebe bis zur Vollendung». Ausdruck dafür ist, dass er
ihnen die Füsse wäscht. Ziel ist es, dadurch Anteil an
Jesus zu gewinnen. Dazu ist es notwendig, sich waschen zu lassen
das zeigt die Weigerung des Petrus (13,8). Da die Fusswaschung
der Erweis von Liebe ist, ist es also notwendig sich lieben zu lassen,
um Anteil an Jesus zu gewinnen. Das ist das Entscheidende und zugleich
überaus Schwierige wie wiederum Petrus zeigt: die Fähigkeit
sich lieben lassen zu können. Die Fähigkeit, sich selbst
als Mensch zu erkennen, der angewiesen ist auf Zuwendung und bedürftig
danach geliebt zu werden. Wer sich dafür öffnet, erhält
Anteil an Jesus und nimmt Anteil an allen Menschen, denn alle Menschen
sind auf Liebe angewiesen. Wir leben nur, weil wir die Zuwendung
anderer erfahren haben. Das Weitere (13,1215) ist dann leicht
zu begreifen. Die Erinnerung daran, dass wir lebensnotwendig angewiesen
sind auf die liebevolle Zuwendung anderer, verlieren wir leider
immer wieder. Das Ritual der Fusswaschung vergegenwärtigt uns
unsere Anfänge, es verwandelt uns in die Menschen, die wir
von Geburt an sind.
1 Erde und Licht. Mit dem Johannesevangelium auf den Spuren unserer
Lebenswünsche. Werkstatt- Bibel 7. (Verlag Katholisches Bibelwerk)
Stuttgart 2004.
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