| Die 4 Evangelien als Glaubenskurs |
Warum stehen die 4 Evangelien im Neuen Testament in der Reihenfolge
Matthäus, Markus, Lukas, Johannes? Lässt sich die Reihenfolge
als Abfolge eines Glaubenskurses verstehen? Nach einem Abriss des
gesamten Kursverlaufes werden die ersten beiden Kursteile (Matthäus=Mt)
und Markus=Mk) skizziert: Mt führt in die Glaubenslehre ein,
Mk führt sie in die Krise
Im Neuen Testament finden wir 4 Evangelien. Sie stehen in folgender
Reihenfolge: nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas, nach Johannes.
Wie es genau dazu kam, dass sich diese 4 in dieser Reihenfolge durchgesetzt
haben, ist nicht völlig bekannt. Sicher ist, dass die Praxis
von Gemeinden, bei ihren Zusammenkünften aus diesen Texten
zu lesen, eine entscheidende Rolle gespielt hat. Seit fast 2000
Jahren liegen sie jetzt in dieser Reihenfolge vor. Leider nehmen
wir in heutigen Gemeinden diese Anordnung kaum wahr. Wir hören
und lesen in der Regel einen einzelnen Text aus einem der Evangelien
ohne gross darüber nachzudenken, an welcher Stelle im Kanon
des Neuen Testamentes der Text steht und schon gar nicht, ob die
Stelle, an der er bzw. "sein" Evangelium steht, etwas
zur Bedeutung des Textes beiträgt.
Ich versuche hier in der Anordnung der 4 Evangelien so etwas wie
einen Glaubenskurs für die kirchlichen Leserinnen und Leser
des Neuen Testamentes zu erkennen und zu skizzieren.
Kurzgefasst sieht dieser Kurs so aus:
- das Matthäusevangelium führt grundlegend in die Glaubenslehre
ein
- das Markusevangelium führt die gerade erlernte Lehre radikal
in die Krise
- das Lukasevangelium weist einen Weg über die Krise hinaus,
einen nüchternen Weg kleiner Schritte
- das Johannesevangelium wirbt dafür, dass die Gemeinschaft,
die diesen Weg geht, nicht zu eng werden darf, sondern offen bleiben
soll für verschiedene Bewegungsarten und Geschwindigkeiten
Der neutestamentliche Glaubenskurs beginnt mit dem Evangelium nach
Matthäus. Es ist eine Art Einführung in die Lehre des
Jesus von Nazaret und den Glauben an ihn als den Messias/Christus.
Es gestaltet dazu die Lehre Jesu in 5 grossen Reden. 5 nach der
Zahl der Bücher Mose, der Tora. Für Jesus und den Evangelisten
Matthäus ist die Tora, sind die 5 Bücher des Mose die
Heilige Schrift. Schon weil es eine andere ja (noch) gar nicht gab.
Die 5 grossen Reden des Jesus bei Matthäus sollen die 5 Bücher
Mose auch nicht ablösen, sondern "erfüllen".
Dieses Wort zieht sich wie ein roter Faden durch das Matthäusevangelium.
In dem was Jesus tut und sagt, erfüllt sich die Schrift. Erfüllen
heisst gegenwärtig werden. Was in der Schrift gesagt, erinnert
und gehofft wird, wird in Jesus wieder gegenwärtig, der Gott
des Lebens in unauflöslicher Beziehung zu den Menschen des
Volkes Gottes, Israel. Zur Erfüllung der Schrift gehört
auch, dass zum Bund Gottes mit Israel die Menschen aus allen anderen
Völkern der Welt hinzukommen können. Das zeigt sich im
"Himmelreich", das Jesus verkündet und in dem er
lebt und handelt, weil es bereits angebrochen ist. Und das zeigt
sich darin, dass Gott den gekreuzigten Jesus vom Tod erweckt und
damit die Gewalt und den Tod entmachtet.
Wer diesen Grundkurs durchlaufen hat, ist reif für das zweite
Evangelium, das nach Markus. Hier werden die Teilnehmerinnen und
Teilnehmer des Glaubenskurses in eine tiefe Krise geführt.
Um das Evangelium so wahrnehmen zu können, muss man es da enden
lassen, wo es ursprünglich aufgehört hat, mit dem Satz
"denn Furcht und Schrecken hatte sie gepackt" (Mk 16,8).
Hier wird die Lehre, die man sich gerade in den Grundzügen
angeeignet hat, radikal mit der Wirklichkeit konfrontiert. Denn
eine Generation nach Jesus ist für das Volk Israel nicht das
Himmelreich bzw. das Reich Gottes wie Markus es nennt, angebrochen.
Im Gegenteil. Es kam zu einem Krieg mit der militärischen Macht
des Römischen Imperiums, der durch einen innerjüdischen
Bürgerkrieg noch verschärft wurde und in grauenhafter
Gewalt und zehntausendfachem Tod endete. Und mit der Zerstörung
Jerusalems und des Tempels.
Das Markusevangelium fragt sich selbst und die Glaubenden: Was soll
angesichts dieser Katastrophe die Rede vom Reich Gottes? Kann der
Glaube an einen einzelnen Auferstandenen angesichts all der Ermordeten
etwas anderes sein als eine Täuschung oder eine zynische Vertröstung?
Und Markus stellt sich noch einer weiteren Frage: Er nimmt wahr,
dass sich in der Jesusbewegung aus der später das Christentum
werden wird, eine "Lösung" dieser Fragen abzeichnet,
die er für völlig falsch und verhängnisvoll hält:
nämlich zu unterscheiden zwischen "uns" und "den
Juden". So lässt sich die Katastrophe von Jerusalem auf
die anderen, "die Juden" abschieben. So lässt sie
sich sogar als Strafe Gottes verstehen, weil jene dem Glauben an
den Messias Jesus nicht gefolgt sind. So lässt sich daran glauben,
dass Gott sein Volk verworfen und sich ein Neues gewählt hat.
Dieser Glaube ist verführerisch und das später entstehende
Christentum hat sich verführen lassen. Das Markusevangelium
weist keinen Weg aus der Glaubenskrise. Es sieht nur klar, dass
dieser Ausweg ein Irrweg ist. Für Markus ist und bleibt Jesus
und die Nachfolge Jesu aufs Engste mit der Geschichte Israels verbunden.
Markus ringt darum, wie sich weiterhin an den Gott des Lebens und
des Bundes glaubens lässt - trotz allem, was geschehen ist.
Wir formulieren die Grundfrage des Markus heute wie sich "nach
Ausschwitz" noch an diesen Gott glauben lässt. Ein Gott,
der sich selbst untreu wird und sein Volk verwift, ist für
ihn keine Möglichkeit. Ein solcher Gott stellt sich auf die
Seite der Kreuziger, auf Seiten des Imperiums. Ein solcher Gott
verrät auch den gekreuzigten Jesus von Nazaret. Das ist für
Markus kein gangbarer Weg. Aber gibt es überhaupt einen?
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