|
Edna Brocke
"Abel steh auf" - oder: Warum es um Kain geht
Quelle: Deutscher KoordinierungsRat der Gesellschaften für
christlich-jüdische Zusammenarbeit.
http://www.jcrelations.net/de/?item=875
|
Das Zitat "Abel steh auf" stammt aus einem Gedicht einer
Zeitgenossin und dient als Motto der diesjährigen "Woche
der Brüderlichkeit". Es ist ein Gedicht, das sich der
Thematik der Brüderlichkeit widmet, vor allem jedoch der Frage
nach den Spannungen zwischen Menschen, auch dann, wenn sie Brüder
sind. Um einen authentischeren Zugang zum Gedicht gewinnen zu können,
möchte ich mich jedoch zunächst dem Text und Kontext des
Originals widmen.
Die ersten Kapitel der jüdischen Bibel, des TaNaCh, sind dem
Schöpfungsmythos gewidmet, jenem Teil des Geschichtsberichtes,
der allgemein gehalten ist und Menschsein an sich zum Thema hat.
Diese Kapitel führen dem Leser sogleich zwei große und
entscheidende Verfehlungen vor: den Verzehr der Frucht vom Baum
der Erkenntnis einerseits und den Brudermord an Abel andererseits.
In beiden Geschichten hören wir eine fast gleich lautende Frage.
Nachdem Adam vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, mit seiner
Frau im Garten umherlief, wusste, dass er nackt war, ebenso, dass
er eine Fehlentscheidung getroffen hatte, heißt es (in Gen
3,9) nur ganz vorsichtig und zahm: "Und adonaj rief zu Adam
>Wo bist du?"< Adam wurde also die Möglichkeit der
Umkehr eingeräumt, die Möglichkeit, seine Verfehlung einzusehen,
sie zu bereuen und umzukehren.
Wie kaum anders zu erwarten, fällt Adams Antwort jedoch so
menschlich, so bekannt, so nachvollziehbar aus: "Die Frau,
die du mir zugesellt, sie gab mir von dem Baum, und ich aß."
(Gen 3,12).
Die dann folgende Frage Gottes an die Frau fällt weit weniger
sanft aus als jene, die Adam gestellt wurde: "Was hast du da
getan?" (Gen 3,13) lautet die beschuldigende Frage, auf die
erneut ein Verschieben von Verantwortung folgt: "Die Schlange
hat mich verführt, und ich aß."
Alle drei, die Schlange, Eva und Adam werden bestraft, doch für
unterschiedliche Vergehen und in unterschiedlicher Weise. "Weil
du das getan, bist du verflucht vor allem Vieh", heißt
es an die Adresse der Schlange, während Eva von ihrem Mann
beherrscht werden soll. Beiden gegenüber wird keine Begründung
genannt. Adam gegenüber wird jedoch (in Gen 3,17) erklärt,
weshalb und wofür er bestraft wird. Nicht allein für das
Essen der Frucht, sondern, "weil du auf deines Weibes Stimme
gehört und von dem Baum gegessen hast" ... Die Schuld
für sein eigenes Vergehen muss er auch selbst tragen und kann
sie nicht auf andere abwälzen.
Ganz ähnlich wie der TaNaCh uns die sanfte Frage an Adam als
Eröffnung der Möglichkeit zur Umkehr nahe legt, lautet
auch die Frage an Kain, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen
hatte, lediglich: "Wo ist dein Bruder Abel?" Auch ihm
wurde die Möglichkeit einer Umkehr eingeräumt.
Doch wovon sollte Kain umkehren? Was hatte Kain zu diesem Handeln
getrieben? Was motivierte ihn? Da lässt uns der TaNaCh eher
im Unklaren.
Wir erfahren, dass die beiden Brüder sehr verschieden waren
und folglich auch unterschiedliche Lebensweisen gewählt hatten.
Der eine war erdverbunden und wurde ein Bauer, der andere war kontemplativer
und beweglicher, weshalb er ein Hirte wurde.
Mit diesem begrenzten Wissen über die Brüder Kain und
Abel werden wir informiert, dass "am Ende von Tagen" (Gen
4,3) Kain ein Opfer darbrachte. "Und Abel brachte, auch er
... eine Gabe dar." Die Tatsache, dass adonaj sich der Gabe
Abels zuwandte, jener des Kain aber nicht, "erzürnte Kain
sehr und sein Antlitz sank". Kain war also einerseits wütend
und andererseits deprimiert. Können diese beiden Empfindungen
jedoch gleichzeitig erlebt werden? War Kain vielleicht über
sich selbst und seine Faulheit erzürnt? Fürchtete er seine
eigene Unkontrolliertheit, und war er deshalb deprimiert? War es
mangelndes Selbstvertrauen, das ihn umtrieb?
Vers 7 versucht uns eine Antwort zu geben: "Wenn du recht handelst,
darfst du frei aufschauen; handelst du aber nicht recht, so lauert
die Verfehlung vor der Tür und nach dir steht ihre Begierde;
du aber sollst Herr werden über sie." Wenn man so will,
liefert uns der TaNaCh die Erklärung dessen, was nun in der
Geschichte folgt, nämlich das Erschlagen Abels, noch bevor
wir wissen, um welche Verfehlung es sich handeln wird.
Zunächst bleiben wir aber noch im Unklaren, denn enigmatisch
beginnt ein Halbvers wie folgt: "Nun sprach Kain zu seinem
Bruder Abel. Es war nun, als sie auf dem Feld waren." Der TaNaCh
verrät aber nicht, was Kain zu Abel gesagt hat. In der jüdischen
Auslegungstradition wird verschiedentlich hier weitererzählt.
So etwa, als hätten die Brüder sich die Aufgabenbereiche
aufgeteilt, der eine (der erdverbundene Bauer) begrenze sich auf
die unbeweglichen, der andere (kontemplative) auf die beweglichen
Güter dieser Erde. Andere Ausleger wollen in diesen nicht ausgeführten
Halbvers eine Unterhaltung zwischen den Brüdern über die
Frage nach "dieser Welt" und nach der "kommenden
Welt" hineinlesen.
In einer aramäischen Übersetzung (Targum Jonathan zu Gen
4,8), die, wie jede Übersetzung, zugleich auch eine Interpretation
ist, heißt es wie folgt:
"Kain sagte zu Abel: Mit Barmherzigkeit ist die Welt erschaffen
worden, aber sie besteht ohne gute Taten. Es muss Parteilichkeit
in der Gerichtsbarkeit geben, weshalb deine Gabe angenommen wurde
und meine nicht. Es gibt keine Parteilichkeit in der Gerichtsbarkeit,
antwortete Abel, sondern mein Handeln ist besser als deins.
Es gibt kein Recht, keinen Richter und keine zukünftige Welt,
sagte daraufhin Kain und deshalb auch keinen Lohn und keine Strafe
für Gerechte und für Frevler.
Woraufhin Abel antwortete: Es gibt sowohl Recht wie einen Richter
und auch eine zukünftige Welt.
Darüber stritten die Brüder auf dem Feld, und Kain nahm
einen Stein, schlug ihn in Abels Stirn und tötete ihn."
Die Versuche, Geschichten im TaNaCh weiterzuerzählen, dienen
primär dem pädagogischen Versuch, die Texte so genau wie
möglich zu lesen und sie dann zu befragen. Zu schauen, welche
Details auf welche Interpretationen hinweisen, und dies nicht, um
eine abschließende Antwort zu versuchen, sondern mit dem Ziel,
die Lesegenauigkeit einzuüben. So ist es auch sekundär,
weshalb die Ausleger etwa das Alter der Brüder Kain und Abel
auf vierzig festlegten.
Die zweite Hälfte von Vers 8 berichtet in Kürze: "Und
Kain erhob sich wider seinen Bruder Abel und tötete ihn."
In einem Kommentar (GenR 22,8) wird darüber spekuliert, auf
welche Weise Kain seinen Bruder erschlagen hat. Die einen meinen
mit einem Stock, andere sprechen vom Stein. Wieder andere erweitern
die Fortsetzung der Erzählung und gehen davon aus, dass der
Streit der Brüder um die Pessachzeit war, sodass Kain gesehen
hatte, wie sein Vater das Opfertier schlachtete und deshalb seinen
Bruder mit einem Messer tötete.
Das hier verwendete hebräische Wort ist "wa-jahargehu"
(= und er tötete ihn). Es heißt eben nicht "er ermordete
ihn". Deshalb gehen einige Kommentatoren davon aus, es habe
sich um Notwehr, nicht um Absicht gehandelt. Eine Bestätigung
für ihre Sicht finden sie in Vers 15, da Kain das ihn schützende
Zeichen, das Kainsmal, erhält.
Wie weitschweifend das Weitererzählen in der jüdischen
Tradition üblich ist, zeigt folgender Abschnitt aus dem Midrasch
Tanchuma:
"Da er ihn tötete, sagte er zu sich: Ich muss vor meinem
Vater und vor meiner Mutter fliehen, denn es gibt keinen anderen
in der Welt, von dem sie ihn einfordern können als von mir.
Sofort erschien ihm der Heilige, gepriesen sei er, und sagte: Vor
deinen Eltern kannst du fliehen, nicht vor mir ... Und Kain antwortete:
Herr der Welt, gibt es Petzer vor dir? Mein Vater und meine Mutter
sind auf Erden und wissen nicht, dass ich ihn getötet habe,
und du bist im Himmel, woher weißt du es? Deines Bruders Blut
schreit auf zu mir vom Ackerboden (Gen 4,10), lautete die Antwort.
... Ich habe noch nie einen Getöteten gesehen und konnte nicht
wissen, dass ich ihn töte, wenn ich ihn mit einem Stein schlage
... Und Kain fragte, habe wirklich ich ihn getötet, bist du
es doch, der den bösen Trieb in mir erschaffen hast. Du wachst
über alles, nur mir hast du es erlaubt, ihn zu töten.
Du hast ihn getötet, denn hättest du meine Gabe wie die
seine angenommen, hätte ich es ihm nicht geneidet".
Und wieso schreit das Blut Abels vom Ackerboden? Nur deshalb, weil
Kain ein Bauer war? So wird auch hier (GenR 22,8) wie folgt weitererzählt:
"In den Himmel konnte seine Seele noch nicht hinaufsteigen,
weil es dort noch niemanden gab. Hinabsteigen konnte sie auch nicht,
weil noch kein Mensch zuvor beerdigt worden war. So befand sich
sein Blut auf den Steinen und Bäumen."
Wenn hierüber schon nachgedacht worden ist, liegt es nah, dass
sich Kommentatoren auch über die Beisetzung von Abel Gedanken
gemacht haben (Jalkut Schimoni, Gen 38).
"Saßen Adam und seine Stütze, weinten und trauerten
um ihn und wussten nicht, was zu tun ist. Da kam ein Rabe, dessen
Kamerad verstorben war, und sagte: Ich lehre den Adam, was zu tun
ist. Er nahm seinen Kameraden, grub vor ihren Augen in der Erde
und begrub ihn. Da sagte Adam: Wir werden es dem Raben nachmachen,
und nahm Abels Leichnam und begrub ihn in der Erde."
Liest man vor diesen nüchternen und von jeglichem Moralisieren
freien Versuchen der Interpretation der biblischen Geschichte von
der Tötung Abels das Gedicht von Hilde Domin "Abel steh
auf", muss zunächst ein großer Sprung gewagt werden.
Kains Frage "Bin ich der Hüter meines Bruders?" findet
in der jüdischen Auslegungstradition kaum Beachtung. Widmet
sich die jüdische Auslegung deshalb dieser Frage nicht, weil
das "Hüter-Sein für den Bruder" eigentlich einer
Bevormundung gleichkommt? Ist es nicht menschlich und realistisch,
dass eine solche Aufgabe den Eltern und auch nur ihrem minderjährigen
Kind gegenüber obliegt? Ab dem Zeitpunkt, da die Kinder - durch
Hilfe und Anleitung der Eltern - autonome Persönlichkeiten
geworden sind, ist jeder von ihnen erwachsen und somit der "Hüter
seiner selbst".
Im Gedicht ist aber gerade diese Frage die zentrale, um die sich
die Hoffnungsperspektive der Dichterin windet. Hiermit bestimmt
sie die Parameter der Beziehung "zwischen uns allen".
Mehr noch, Hilde Domin setzt die Frage und die von ihr erwartete,
ja erhoffte "andere" Antwort ins Zentrum:
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern
Die biblische Geschichte geht jedoch genau umgekehrt vor. Sie erkennt
die Schwächen des Adam, des Menschen an sich, und stellt uns
Nachfahren, uns späteren Lesern, die Aufgabe, die Unumkehrbarkeit
der Beziehung zwischen Menschen, ja sogar zwischen Geschwistern,
anzunehmen und ihr Verhältnis durch Setzung klarer Grenzen
zu regeln. Die biblische Geschichte entlässt uns mit dem Wissen,
dass nicht die Frage nach dem Hüter wichtig ist, sondern nach
den Absprachen zwischen Menschen, auch zwischen Gruppen, auch zwischen
Völkern, Absprachen, die offen, aber auch realistisch ausgesprochen
werden müssen.
Hilde Domin will etwas anderes. Sie möchte alles rückgängig
machen, so als würde es sich um einen historischen Bericht,
nicht um einen Mythos handeln. Weil es für sie die Dimension
eines historischen Berichtes zu haben scheint, wünscht sie
sich eine Umkehrung, eine Rückgängig machung - die natürlich
auch mit realgeschichtlichen Ereignissen nicht möglich ist:
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf
damit Kain sagt
damit er es sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
Wieso sollte Abel aber aufstehen? Sind es nicht eher christliche
Vorstellungen vom Umgang mit Gewesenem? Sind es nicht eher christliche
Wünsche nach Auferstehung, die alles wieder gutmachen könnte?
Gewiss, viele assimilierte Juden dachten (und denken) auch so. Viele
Juden möchten auch heute noch zur Mehrheitsgesellschaft gehören,
viele meinen heute noch, es gäbe keine tiefen Unterschiede
zwischen jüdischer und christlicher Lektüre der Texte
aus dem TaNaCh. Viele Juden, die so denken und es sich so wünschen,
kennen aber leider die plurale, offene und lebensnahe jüdische
Auslegungstradition nicht. Deshalb können sie den Wunsch äußern:
Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen
Anders als Hilde Domin wünsche ich mir nicht, dass Abel aufstehen
würde. Ich wünsche mir, dass wir die unumkehrbar weiterhin
bestehenden Unterschiede und Interessenskonflikte zwischen Menschen
erkennen und akzeptieren lernen. Ich wünsche mir, dass wir
lernen, realistisch nach Regeln des Interessenausgleichs zu suchen,
ohne einander umbringen zu müssen. Unrealistisch, romantisch
und moralisch überfordernd wäre es, uns alle darauf zu
verpflichten, "Hüter des anderen" zu sein.
Der wahre Mut liegt darin, das, was uns unterscheidet, und mutig
genug sind, diese nicht nur - als Realisten - nicht nur zu akzeptieren,
sondern das Unterscheidende kreativ fruchtbar für mich und
den anderen zu machen, weil die "Grenze der wirklich fruchtbare
Ort der Erkenntnis ist", wie es der evangelische Theologe Paul
Tillich treffend formulierte.
|