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Den Refrain des Deuteronomiums singen

Zu den Lesungen am 9. Sonntag im Jahreskreis, Dtn 5,12-15, Mk 2,23-32

Die Geschichte vom Ährenraufen ist vielleicht das Stück im Neuen Testament, das unsere Vorstellung von der Beachtung des Sabbats im frühen Judentum und von der Haltung Jesu in dieser Frage am stärksten geprägt und geformt hat. Piet van Boxel bringt diese Vorstellung auf den Punkt: "Was mögen das nur für Leute gewesen sein, die sich über das Abreissen von ein paar Kornähren am Sabbat damals so aufregen konnten? Das können doch nur Haarspalter und Kleinigkeitskrämer gewesen sein, für die Jesus von Nazaret wohl kaum eine Botschaft hatte. Seine Botschaft war, dass man diesen ganzen Wust von Regeln einfach beiseiteschieben dürfe" .

Mit Israel lesen

Dtn 5,12-15 ist das Sabbatgebot im Rahmen des Dekalogs in der Version des Deuteronomiums. Es unterscheidet sich von Ex 20,8-11 vor allem in der Begründung für das Gebot, den Sabbat zu heiligen. Während Ex 20 schöpfungstheologisch argumentiert, tut es Dtn 5 befreiungstheologisch: Alle sollen sich ausruhen wie Du, auch Sklave und Sklavin. "Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich Adonai, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt. Darum hat es dir Adonai, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten" (5,15). Die Erinnerung an die eigene Erfahrung, an Versklavung und an Befreiung aus allem Versklavenden - aus allem, was Menschen unfrei, unmündig und klein macht, was sie an der Entfaltung ihres Lebens hindert, verbiegt und verdorren lässt - diese Erinnerung ist die Grundlage für das Halten des Sabbat - für sich selbst und solidarisch mit anderen. Das Sabbatgebot dient dem Leben in Freiheit und Solidarität. Alle Gebote und Weisungen dienen dem Leben, dem Wohlergehen der Menschen. Das ist geradezu der Refrain des Deuteronomiums: "Darum sollst du auf Gottes Gesetze und Gebote achten, damit es dir und deinen Nachkommen gut geht" (Dtn 4,40; auch 5,16; 5,29; 6,3, 12,25; 12,28; 22,7). Die Gebote sind für die Menschen da.

Mit der Kirche und Israel lesen

Der genaue Blick auf Mk 2,23 zeigt, dass es die Jüngerinnen und Jünger sind, die Ähren abreissen, nicht Jesus. Offenbar hat er das Sabbatgebot strikter eingehalten. Er verteidigt seine Jüngerinnen und Jünger, also weiss er: Was sie getan haben, ist vom Gesetz, von der Weisung Gottes her, verboten. Ährenabreissen wird als Ernten verstanden und gehört damit zu den am Sabbat untersagten Tätigkeiten. Jesu Art der Verteidigung ist die eines jüdischen Schriftgelehrten. Dazu gleich mehr. Hier ist festzuhalten: Jesus hat das Sabbatgebot keineswegs einfach beiseitegeschoben. Auch für seine Nachfolgerinnen und Nachfolger war die Beachtung des Sabbat ganz selbstverständlich (Apg 13,14; 15,21; 16,13; 17,1-3). In seiner Verteidigung der Jüngerinnen und Jünger stellt Jesus eine Analogie zum Verhalten von David und seinen Begleitern in 1 Sam 21,2-7 her. Er beginnt mit den Pharisäerinnen und Pharisäern eine Schriftauslegung, eine Debatte um die Halacha, den einzuschlagenden Weg in einer konkreten Situation nach der Wegweisung der Schrift. Es ist durchaus üblich, dass das Verhalten berühmter Personen für das Festlegen der Halacha den Ausschlag geben kann. David ist hier die Autorität, auf die sich Jesus beruft. In der rabbinischen Schriftauslegung müssen bei einer Analogie drei Faktoren übereinstimmen: Wer, Was und Wie. Die Analogie der Personen und der Sache, um die es geht , ist weitgehend klar. Konzentrieren wir uns hier auf das Wie, die Umstände. Jesus liest in 1 Sam 21 etwas, was explizit nicht dasteht: David und seine Begleiter haben Hunger (Mk 2,25). Er benennt also eine Notsituation. Unter diesen Umständen ist die Gesetzübertretung möglich. Auch die rabbinische Tradition spricht davon, dass David vor Hunger beinahe gestorben wäre, als er um die Brote nachsuchte (Jalqut 130 zu 1 Sam 21,5 ). In der Not, gar unter Lebensgefahr, darf das Sabbatgebot übertreten werden. Mit dieser Haltung steht Jesus fest auf jüdischem Boden. Eine richtungsweisende Entscheidung um das Sabbatgebot bei Lebensgefahr fiel in den Makkabäerkriegen. Es stellte sich die Frage, ob am Sabbat Krieg geführt werden darf. Wenn nicht, drohte der gesamte Aufstand zu scheitern. Ausschlaggebend war die Auslegung von Ps 115,17-18: "Tote können den Herrn nicht mehr loben … Wir aber, die Lebenden, preisen den Herrn von nun an bis in Ewigkeit". Auf dass auch kommende Generationen noch imstande sein werden, das Sabbatgebot zu halten, entschied man sich dafür, es jetzt zeitweilig zu brechen. Später brachte die rabbinische Tradition das auf die Formel: "Der Sabbat unterliegt eurer Gewalt, nicht ihr der Gewalt des Sabbat" (Mechilta zu Ex 31,13 ). Die Formulierung Jesu, wonach der Menschensohn Herr über den Sabbat ist, ist eine jüdische Formulierung. Sie singt den Refrain des Dtn.
Aber geht es in Mk 2,23-3,6 um Notsituationen bzw. gar um Lebensgefahr? Jesus legt seiner Halacha ein sehr weites Verständnis von Not bzw. Lebensgefahr zugrunde. Die verdorrte Hand des Mannes in der Synagoge ist für ihn ein ausreichender Umstand. Vielleicht, weil die verdorrte Hand so eindeutig im Widerspruch steht zur starken Hand und dem erhobenen Arm, mit denen Gott das Volk Israel aus der Sklaverei geführt hat, wie es im Sabbatgebot von Dtn 5 heisst. Mit diesem Mann ruft Jesus auch die Erinnerung an die Befreiung aus dem Sklavenhaus in die Mitte der Synagoge (Mk 3,3).
Aber in welcher Notsituation befinden sich die Jüngerinnen und Jünger Jesu? Vielleicht in der, die auch zur Zeit der Makkabäer herrschte. Das Leben nach der Tora, nach den Weisungen Gottes zum Leben in Freiheit und Solidarität, ist im römischen Imperium - dieser aktuellen Form des Sklavenhauses - kaum möglich. Angesichts dessen spaltet sich das Volk Israel immer mehr. Die ganze blutige Dramatik kulminiert im Krieg gegen die Römer und der Zerstörung Jerusalems. Mk 2,23-32 ist Teil der sogenannten "galiläischen Streitgespräche". In ihnen geht es um Halacha, um den Weg Israels. Manche Gruppen innerhalb des Volkes, "die Anhänger des Herodes" (Mk 3,6) zum Beispiel haben sich für das Imperium entschieden. Andere planen den militärischen Aufstand. Die Jesusbewegung ringt mit Gruppen, die ihr nahestehen und die in den Evangelien "die Pharisäer" heissen, um andere Wege. Mk 3,6 erzählt von einem grossen Schmerz: Für die Jesusbewegung wirkt es so, als hätten sich die Pharisäer auf die Seite der Herodianer geschlagen.