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Nicht nur sauber, sondern rein
Zu den Lesungen am 22. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Dtn 4,12.68
Evangelium: Mk 7,18.1415.2123
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Das Evangelium zeigt uns Jesus als Juden, der sich intensiv mit
den Reinheitsgeboten der Bibel auseinandersetzt. Ich möchte
Ihnen die etwas anachronistische, aber hoffentlich produktive Frage
mitgeben, ob Jesus hier eher als orthodoxer oder eher als liberaler
Jude erscheint.
Mit Israel lesen
Dtn 4 ist für Rabbiner W. Gunther Plaut eine «Miniatur
des gesamten Buches»1. Es fasst die Weisungen Gottes für
Israel zusammen. Das Kapitel ist wie der Vertrag eines Bundesschlusses
gestaltet, die Verse 18 bilden den Prolog. Im Judentum ist
Vers 2 besonders wichtig geworden. Er regelt den Umgang mit dem
Bundesvertrag in der Zukunft: «Fügt nichts hinzu und
nehmt nichts davon weg!» Plaut vermutet, dass das zunächst
an die Schreiber gerichtet war, die den Text abschrieben2. Später
wurde der Vers zusammen mit der Parallele in Dtn 13,1
im Streit um die Tora-Auslegung verwendet. Dabei reflektierten die
jüdischen Schriftgelehrten darüber, dass Dtn 4,2 im Plural,
Dtn 13,1 aber im Singular formuliert ist. Dtn 4 wurde auf die Leitungspersonen
in der Gemeinde bezogen. Sie würden hier gemahnt, jederzeit
kenntlich zu machen, was rabbinische Auslegung ist und was aus dem
Pentateuch stammt. Dtn 13 dagegen richte sich an jede und jeden
einzelnen und mahne zu vollständiger und sorgfältiger
Befolgung der Weisungen. Entsprechend weist Dtn 4,6 an, die Gesetze
und Rechtsvorschriften zu achten (= zu lehren und zu lernen) und
zu halten (= entsprechend zu handeln).
Die jüdische Beziehung zur Tora ist durch eine dynamische
Spannung geprägt: Einerseits werden die überlieferten
Texte wortwörtlich, genauer: buchstabengetreu, bewahrt, andererseits
werden die Weisungen je nach den Bedürfnissen neuer Zeiten
ausgelegt. Die Auslegung ist an die Buchstaben des Textes zurückgebunden,
die Buchstaben (ursprünglich bestand der Text ja nur aus Konsonanten)
sind offen für Deutungen. Beides der überlieferte
Text und die Auslegung ist Tora. Das Judentum spricht von
der schriftlichen und der mündlichen Tora, auch wenn die mündliche
Tora später selbst wieder in Mischna und Talmud verschriftlicht
wurde. Entscheidend ist die Überzeugung, dass sowohl die schriftliche
als auch die mündliche Tora am Sinai offenbart wurden. Jede
neue Auslegung bringt also «nur» das ins Wort, was das
Volk von Anfang an von Gott empfangen hat.
Die Rabbinen entwickelten im Laufe der Zeit Regeln und Kriterien
für die Tora-Auslegung. Das rabbinische Gespräch verkörpert
sozusagen den Raum, in dem die schriftliche Tora bewahrt und die
mündliche Tora verbindlich entfaltet wird. Plaut weist aber
daraufhin, dass dieses System nur solange bruchlos funktionierte,
«wie Juden in einem im Wesentlichen konservativen und oft
begrenzten Umfeld lebten, in dem Glaube und Gewohnheit den Existenzrahmen
darstellten».3 In der europäischen Aufklärung geriet
es in die Krise. In dieser Krise entstand das liberale Judentum
und löste sich vom orthodoxen Judentum ab. Das liberale Judentum
will weniger den Buchstaben, als den Geist der Überlieferung
bewahren und fortsetzen. Es betont vor allem die ethischen Aspekte
des Judentums und stellt sich damit ausdrücklich in die Tradition
der biblischen Prophetie.
Mit der Kirche lesen
Der Text aus dem Markusevangelium führt mitten hinein in die
innerjüdische Auseinandersetzung um die Tora und ihre Auslegung.
Lässt Jesus, indem er alle Speisen für rein erklärt»
(7,19), die alttestamentlichen Reinheitsgebote hinter sich? Geht
es ihm und Markus mit Blick auf seine Gemeinde um
die innere Haltung von Menschen, um ihr «Herz» (7,21),
statt um die äussere Einhaltung von Vorschriften? Diesem Verständnis,
das im Christentum leider weit verbreitet ist, widerspricht der
Text. Er legt sogar nahe, dass es offensichtlich nur einige Jünger
Jesu sind, die ihr Brot mit unreinen Händen essen, nicht aber
Jesus selbst (7,2). Jesus scheint sich wie die Pharisäer und
alle Juden (7,3) durchaus an die Überlieferung der Alten zu
halten.
Ist hier die markinische Gemeinde abgebildet? Einige ihrer Mitglieder
stammen aus dem «Heidentum» und kennen die jüdischen
Gebote nicht aus eigener Erfahrung. An sie richten sich die ausführlichen
Erklärungen. Markus sucht also Anknüpfungspunkte für
die jüdischen Reinheitsgebote im Lebensalltag «heidnischer»
Menschen und findet sie im Händewaschen vor dem Essen und nach
dem Marktbesuch. Die nichtjüdischen Gemeindemitglieder sollen
das Verhalten der anderen, der jüdischen Gemeindemitglieder,
wenigstens grundsätzlich verstehen und achten können.
Jesus dagegen gibt das Modell für die jüdischen Mitglieder
der Gemeinde vor: die überlieferten Gebote halten, ohne dies
anderen aufzuzwingen.
Es geht aber noch um mehr als darum, das Verhalten der jeweils
Anderen in der Gemeinde zu achten. Die Reinheitsgebote stehen exemplarisch
für die «Überlieferung der Alten» (7,3). Es
geht grundsätzlich um die Geltung der jüdischen Weisungen
für das Zusammenleben in einer Gemeinde aus jüdischen
und nichtjüdischen Menschen. In dieser Auseinandersetzung erweist
sich Jesus als einer, der klar und deutlich für die Einhaltung
der überlieferten Weisungen eintritt. Es ist ihm als Juden
ernst mit diesen Weisungen und er kritisiert jüdische Menschen,
die sie nicht ernst genug nehmen, die nur Lippenbekenntnisse ablegen
und Gebote durch Interpretationen ausser Kraft setzen. Jesus agiert
hier also als Anwalt der Weisung in Dtn 4,2 und 13,1. Die Gebote
sollen eben nicht nur auf den Lippen getragen werden, sondern ins
Herz der Menschen eindringen und dass heisst biblisch: ihre Haltungen
und ihre Handlungen bestimmen. Jesus tritt gegen eine laxe Gesetzesauslegung
auf. Er fordert von jüdischen Menschen das strenge, ins Herz
dringende und aus dem Herzen hervorgehende Achten und Halten der
Gebote. Dann und nur dann sind die Gebote auch für die Heiden
von Bedeutung und so fordert Jesus heidnische Menschen auf, «sich
in dieses jüdische System der Unreinheit hineinzudenken und
sich mit ihren Haltungen und Handlungen, mit ihrem ganzen Lebensvollzug
danach auszurichten».4 Rituelle Reinigung und Ethik gehören
eng und untrennbar zusammen. Das ist bereits in der Hebräischen
Bibel so. Die Reinheitsgebote dienen der Reinigung und Heiligung
des ganzen Menschen in all seinen Lebensvollzügen.
Eine kurze Bemerkung zur Theologie der Reinheitsgebote: Die Unterscheidung
von «rein» und «unrein» macht sichtbar,
dass das Leben von Ordnungen des Lebens und Ordnungen des Todes
geprägt ist. Der Tod ist das radikal Unreine. Das Halten der
Reinheitsgebote ruft zur täglichen Ent-Scheidung für die
schöpferische, lebenschaffende Ordnung Gottes und gegen die
Chaosmächte des Todes auf. Die Reinheitsgebote verbinden Menschen
mit dem Wirken Gottes bei der Schöpfung: Gott unterscheidet
durch sein Wort und schafft dadurch Raum zum Leben. Diesem Wort
soll nach Dtn 4,2 nichts hinzugefügt und nichts weggenommen
werden.
1 W. Gunther Plaut: Die Tora in jüdischer Auslegung.
Band 5: Deuteronomium/Dewarim. Gütersloh 2004, 80.
2 Plaut führt dafür altorientalische Parallelen an. Ebd.
88.
3 Ebd. 89.
4 Beide Zitate von Andreas Pangritz: Jesus und das «System
der Unreinheit», oder: Fernando Belo die Leviten gelesen,
in: Texte und Kontexte 24 1984, 2846, hier 38.
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