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Wie die Geschichte von Jesus anfängt -
Zum Abschluss der Artikelserie über das Markusevangelium

Rubrik "Was die Bibel sagt" in:
Zeichen der Liebe 6/2009 zum Thema "Geburt"

Die Geschichte von Jesus fängt - natürlich - mit der Geburt an. Das ist jedenfalls im Lukas- und das Matthäusevangelium so. Jedes Jahr an Weihnachten hören wir diese Geschichten. Beim Markusevangelium ist es ganz anders. Es erzählt kein Wort von der Geburt Jesu, sondern beginnt so:

"Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes:
Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; / er soll den Weg für dich bahnen. Eine Stimme ruft in der Wüste: / Bereitet dem Herrn den Weg! / Ebnet ihm die Straßen!
So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen."

Drei Fragen möchte ich an diesen Text stellen: Warum spielt die Erzählung in der Wüste und am Jordan? Wer lässt sich taufen? Was bedeutet Taufe in diesem Text eigentlich?

Warum spielt die Erzählung in der Wüste und am Jordan?

Die Ortsangaben im Markusevangelium sind weniger geografische Angaben, sondern tragen vielmehr eine theologische Bedeutung. Am Anfang zitiert Markus aus den prophetischen Schriften der Bibel. Was er als Zitat aus Jesaja angibt, ist in Wirklichkeit ein zusammengesetztes Zitat aus Jesaja und aus Maleachi (Mal 3,1; Jes 40,3). Der Maleachi-Text spielt ursprünglich in Jerusalem. Durch die Anfügung des Jesaja-Textes "verlegt" Markus ihn in die Wüste und knüpft daran an: "So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf…". Markus macht also aus Jerusalem eine Wüste. Er schreibt ja in einer Zeit, in der Jerusalem wirklich zu einer Wüste geworden ist. Die Stadt wurde im Jahr 70 durch die Römischen Truppen völlig verwüstet, der Tempel, der Ort der Gegenwart Gottes, wurde zerstört. Für die Überlebenden und alle jüdischen Menschen weltweit stellte sich natürlich die Frage. Ist die Geschichte Gottes mit seinem Volk damit gestorben? Hat sich der Weg Israels als Sackgasse erwiesen?
Markus erzählt von einem neuen Anfang. Einem Neu-Anfang in der Wüste. Er will damit keinen billigen Trost spenden, der letztlich das Leid der Opfer nicht ernst nimmt. Er gibt dem Entsetzen und der Trauer Raum, z.B. im Schrecken und dem Verstummen der Frauen am Grab am Ende des Evangeliums. Markus will aber auch nicht von dem lebendigen Gott und seinen Verheissungen lassen. Er sucht nach den Spuren des Lebens in der verbrannte, wüsten Erde. Markus weist am Ende seines Evangeliums vorsichtig zurück zum Anfang der Geschichte. Er rät den Lesenden noch einmal von vorne anzufangen. Der Anfang seines Evangeliums spielt am Jordan, einem weiteren theologischen Ort. Der Jordan ist die Grenze zwischen der Wüste, durch die das Volk Israel nach der Befreiung zieht und dem Land, das ihm verheissen ist. Die entscheidende Geschichte dazu steht im Buch Josua. Nach dem Tod des Mose bekommt Josua die Aufgabe, das Volk Israel von der Wüste ins verheissene Land zu führen. In der Wüste lernt das Volk Israel die Tora kennen. Die Tora, das sind die Weisungen Gottes für das Zusammenleben des Volkes, es sind Weisungen für das Leben von freien Menschen miteinander und mit Gott. Die Wüste ist das Lernfeld dafür, die Probezeit. Im verheissenen Land ist die Probezeit zu Ende. Hier und jetzt soll Israel die Tora umsetzen, soll die gegebene Weisung praktisch werden lassen. Hier am Jordan fängt Israel also wirklich an.
Auf diesen Anfang weist das Markusevangelium zurück. Der Ausweg aus der katastrophalen Situation nach dem Jahr 70, der neue Weg Gottes mit dem Volk Israel, der bereitet werden soll, besteht darin, sich an der Tora zu orientieren und sie praktisch werden zu lassen. Es ist der alte, der ursprüngliche Weg Israels und es gleichzeitig ein neuer Weg, denn die Tora muss in jeder neuen Zeit und unter neuen Bedingungen jeweils neu ausgelegt und angewendet werden, damit sie ihre ursprüngliche Absicht erfüllen kann, dem Leben in Fülle für alle zu dienen. Auch hier markiert der Jordan eine Grenze. Bis zum Jordan führt Moses das Volk. Durch ihn erhält es die Tora. Ab dem Jordan führt Josua das Volk. Das Judentum zählt das Buch Josua zu den prophetischen Schriften. Der Jordan fliesst also gleichsam zwischen der Tora und den Propheten. Zur Zeit Jesu ist Johannes der Täufer ein solcher Prophet. Und die Aufgabe der Prophetinnen und Propheten ist es, im verheissenen Land an die Tora zu erinnern und sie handhabbar zu machen. Diese Aufgabe ist nie zu Ende. Wenn sich die Zeiten und die Verhältnisse ändern, muss die Tora neu ausgelegt und neu angewendet werden, damit sie ihr ursprüngliches Ziel erfüllen kann. Diese Aufgabe gleicht einer Geburt unter Schmerzen. Sie ist wie eine Geburt lebensgefährlich. Das Kind, das geboren wird, ist zugleich etwas Uraltes und dabei zugleich etwas noch nie dagewesenes Neues.

Wer lässt sich taufen?

"Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems" und "Jesus aus Nazaret in Galiläa" (Mk 1,5 und 9). Mit diesen Herkunftsangaben spielt Markus vorsichtig auf einen sozialen Gegensatz an, der damals das Volk Israel innerlich zerrissen hat. In den Augen der Menschen aus Judäa und Jerusalem galt Galiläa als das Land derer, die die Tora nicht kennen. Ihnen wurde der richtige Glauben, ja mitunter sogar die Zugehörigkeit zum Volk Israel abgesprochen. Man sprach vom "Galiläa der Heiden". Der Aufstand gegen die römische Besatzung, der zum Krieg wurde, begann aber in Galiläa. Den Aufständischen gelang es zunächst, Galiläa zu befreien. In der Endphase des Krieges, im belagerten Jerusalem, waren es wiederum Galiläer, die in den mörderischen innerjüdischen Kämpfen zwischen verschiedenen Fraktionen, den Ton angaben. Die Judäer und die Jerusalemer Führungsschicht hatten sich nur zögernd oder gar nicht dem Aufstand angeschlossen. Nach dem verlorenen Krieg und der Katastrophe, mit der er endete, sind diese Gräben noch tiefer geworden. Markus versucht diese Gegensätze zu überbrücken. Zur Taufe kommen Menschen aus Judäa, aus Jerusalem und aus Galiläa. Am Jordan ist das ganze Volk eins. Da, wo Israel neu beginnt, fallen die alten Gegensätze, da hört die Zersplitterung auf. Hier wird nicht ausgegrenzt, hier herrscht Solidarität.
Jesus verkörpert diese Einheit des Volkes, diese Solidarität füreinander. Jesus verkörpert den Neuanfang Israels, die Umkehr zur Tora und zur Gemeinschaft des Bundes. Dieser Jesus, die Verkörperung des Volkes, erlebt am Jordan, dem Ort des Neuanfangs, folgendes:
"Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden."
Hier wird von etwas erzählt, was für unser Leben genauso wichtig ist wie die Geburt. Wir beginnen zu leben, wenn wir angesprochen werden, wenn wir wertgeschätzt und geliebt werden, wenn andere Gefallen an uns finden und uns das spüren lassen. Solche Beziehungen bringen uns wirklich ins Leben und zur Welt.
In Jesus wird das Volk Israel von Gott als geliebtes Kind angesprochen. Markus erzählt von seiner Hoffnung auf eine neue Solidarität, die das im Krieg zerrissene Volk wieder zusammen auf den Weg bringt. Auf diesem neuen Weg - davon erzählt das Evangelium dann viele Geschichten - werden gerade die Zurückgebliebenen und Ausgegrenzten gesammelt und mitgenommen. In ein solches Volk hineingeboren zu werden, ist ein grosses Geschenk. Eine solche Gemeinschaft mitzugestalten, ist eine lohnende Aufgabe für alle Geborenen. Wenn wir Weihnachten nach dem Markusevangelium feiern würden, dann wüden wir vielleicht unsere Erfahrungen in solchen Gemeinschaften feiern.

Was bedeutet Taufe in diesem Text?

Selbstverständlich ist die Taufe in diesem Text nicht das gleiche wie die Taufe, die wir kennen. Es geht nicht um die Aufnahme von Menschen in die Gemeinschaft von Christinnen und Christen, nicht um die Zugehörigkeit zur Kirche. Zur Zeit des Johannes und zur Zeit des Markus gab es noch kein Christentum und keine Kirche. Die Taufe bzw. das Tauchbad des Johannes am Jordan ist zutiefst im Judentum verwurzelt.
Das Tauchbad hat im Judentum mit den Reinheitsvorschriften in der Tora zu tun. Wer sich verunreinigt, muss sich der Waschung in einem Tauchbad unterziehen. Zum Tauchbad gehört ein Opfer. Dieses Opfer dient der Entsühnung, hat also etwas mit Sünden zu tun. Waschung und Opfer machen erfahrbar und öffentlich sichtbar, dass Sünden vergeben sind. Unreinheit ist im jüdischen Verständnis letztlich eine Form von Sünde. Wer sündigt, hat die Tora verlassen, ist vom Weg Gottes mit den Menschen abgewichen und hat damit auch die Gemeinschaft des Volkes Gottes, das auf dem Weg der Tora ist, verlassen. Sünde stört das Verhältnis von Menschen zu Gott und das Verhältnis von Menschen zueinander. Wer bereit ist, auf den Weg der Tora zurückzukehren und die gestörte Beziehung zu Gott und den Menschen wieder ins Reine zu bringen, nimmt ein Tauchbad und bringt ein Opfer. Bad und Opfer sind sichtbares Zeichen für die Bereitschaft zur Umkehr, für die Bereitschaft, am Leben des von der Tora bestimmten Bundes teilzunehmen.
Die Taufe, das Reinigen, hat also den Sinn Menschen in ihrer Beziehungsfähigkeit zu stärken. Ohne Beziehungen kein Leben. Wir werden geboren, weil uns eine Beziehung vorausgeht und wir leben nur, wenn wir in Beziehungen stehen. Solidarische und wertschätzende Beziehung ist der Anfang von allem - so beginnt die Geschichte von Jesus nach dem Markusevangelium.

Peter Zürn