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Gesucht wird ein Ort

Horizonte Juni 2009

Unser Unterwegssein mit Markus hat gezeigt: Das Markusevangelium (Mk) endet mit dem Entsetzen der Jüngerinnen am Grab und ihrem Schweigen (die Jünger sind schon früher verstummt). Es endet mit der Suche nach dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Mk sucht danach wie angesichts der zahllosen Toten des Krieges gegen die Römer noch vom Messias Jesus und seiner Auferstehung gesprochen werden kann. Dafür weist Mk nach Galiläa: "Dort werdet ihr ihn sehen" (16,7). Das wiederum weist in die Mitte des Evangeliums, auf die Erzählung in 9,1-10. Hier fragen Menschen "einander, was das sei: von den Toten auferstehen" (9,10). Die Geschichte ist bekannt als die Verklärung Jesu. Es ist die Geschichte einer Klärung:
Jesus wählt 3 Jünger aus, Petrus, Jakobus und Johannes. Sie sind wohl die drei, die sich am schwersten tun, Jesus zu verstehen. Sie vertreten die Menschen in der Gemeinde des Markus, denen es genauso geht. Ihnen soll etwas klar werden. Mit ihnen geht Jesus auf einen Berg und wird vor ihren Augen verwandelt. Es wandelt sich das Bild, das sie von ihm haben. Sie sehen ihn mit Mose und Elija sprechen. Mose steht für die Tora, die 5 Bücher der Lehre, die Weisung Gottes zum Leben, die Grundlage jüdischen Glaubens und Handelns. Elija steht für die Prophetinnen und Propheten, die diese Tora immer wieder aktualisieren und auf neue Situationen hin lebendig machen. Mose und Elija, das meint zur Zeit Jesu die ganze Heilige Schrift. Mit der steht Jesus im Gespräch. Mk macht dadurch klar: Der Auferstandene wird gefunden im Gespräch mit Mose und den Propheten. Wer von Auferstehung spricht und dabei nicht an diesem Gespräch teilhat, hat nicht richtig verstanden.
Auf dem Berg sehen sie eine Wolke und hören eine Stimme. Berg, Wolke, Stimme rufen die Erinnerung an den Berg Sinai wach, an dem Gott die Tora offenbarte und mit dem Volk den Bund schloss. Dieser Bund, diese besondere Beziehung, wird hier erneuert: "Das ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören". Die Jünger und die Leserinnen und Leser des Mk sollen sich in der biblischen Aufgabe des Hörens üben. Sie sind gerufen zu hören wie das Volk Israel: "Schema Jisrael, höre Israel, Adonaj ist unser Gott, Er ist Einer". Das ist das zentrale Glaubensbekenntnis des Volkes und oftmals das letzte Bekenntnis jüdischer Menschen in der Todesstunde. Es ist das Bekenntnis zu dem Einen Gott, der im Leben und im Tod und über den Tod hinaus da ist, wie er es dem Mose am Dornbusch verkündet hatte: "Ich bin der Ich-bin-da" (Ex 3,14). Die Verwandlung Jesu auf dem Berg der Klärung ist die Verwandlung des Gekreuzigten in den Auferstandenen. Sie wird in die Mitte des Evangeliums zurückversetzt wird, weil sie die theologische Mitte, das Zentrum des "Evangeliums von Jesus Messias, Gottes Sohn" (Mk 1,1) ist. Jesus wird als der Messias sichtbar, der mit seinem Volk in den Tod geht im Vertrauen auf den einen Gott des Lebens vor und nach dem Tod.
Mk endet mit einer Suche. Gesucht wird ein Ort, an dem Jüdinnen und Juden, die in Jesus den Messias und Sohn Gottes sehen und andere Jüdinnen und Juden, die das nicht so sehen, miteinander sprechen, leben und glauben können. Mk entwirft diesen Ort auf dem Berg. Es ist noch kein realer, aber ein erhoffter und ersehnter Ort, eine Utopie. Mk beginnt und endet an Orten des Todes, in der Wüste und am Grab. Hier ist der Auferstandene nicht. Der Ort im Zentrum des Evangeliums ist anders. "Es ist gut, dass wir hier sind", sagt Petrus. Dieser Ort ist gut. Hier ist ein Ort des Lebens. Das Wort "hier" fällt schon im ersten Vers der Geschichte: "Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in Macht gekommen ist" (9,1). Der Ort an dem christliche und jüdische Menschen miteinander in der Schrift lesen und über ihren Glauben, ihr Leben und ihre Hoffnung sprechen, ist Ort der Auferstehung und des Reiches Gottes.

Peter Zürn