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Die Premiere des Christentums
Apg 2
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Wann hatte das Christentum Premiere? Wer spielte dabei die Hauptrolle(n)?
Wie stand es mit dem Lampenfieber der Beteiligten? Diese Fragen
zu beantworten ist nicht ganz einfach. Womit begann denn das Christentum?
Mit Jesus von Nazaret, dem jüdischen Wanderrabbi, der keine
neue Religion gründete, sondern dem Volk Israel den Gott der
Bibel wieder neu vergegenwärtigte? Mit Paulus und den vielen
anderen Apostelinnen und Aposteln, die die Botschaft vom Gekreuzigten
und Auferstandenen zu den Menschen im Römischen Reich brachten
und neue Wege suchten für die, die nicht aus dem Judentum stammten?
Das Christentum hat nicht nur einen Anfang. Ich möchte die
Frage nach der Premiere des Christentums aber trotzdem stellen und
zwar so: Wann wurde zum ersten Mal nach aussen sichtbar, dass nach
der brutalen Hinrichtung Jesu nicht alles zu Ende war, was er verkündet,
wofür er gelebt und was er verkörpert hatte? Wann wurde
öffentlich erkennbar, dass die Jesusbewegung in die Bewegung
seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger einmündete, die verkündeten,
dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass Jesus Christus als
Auferstandener unter ihnen lebt und die lebendige Kraft Gottes in
ihnen weiterwirkt? Ich suche nach Antworten auf diese Fragen in
den Schlusskapiteln der vier Evangelien. Wer spielt die Hauptrollen?
Wo spielt die Szene?
Der Schlussakt der vier Evangelien
? Im ältesten Evangelium, nach Markus, sind es drei Frauen.
Sie werden am leeren Grab mit der Botschaft konfrontiert, dass Jesus
nicht tot, sondern auferstanden ist. Sie werden gemeinsam mit den
anderen Jüngerinnen und Jüngern nach Galiläa verwiesen,
dorthin, wo ihre Geschichte mit Jesus begann, zurück zum Anfang
(Mk 16,1-8).
? Im Matthäusevangelium schicken die Frauen (es sind jetzt
nur noch zwei) die Jünger nach Galiläa. Die Frauen selbst
verschwinden ohne Angabe von Gründen aus der Geschichte. Die
Jünger, die nachher als die Elf bezeichnet werden, erhalten
auf einem Berg den Auftrag, die Botschaft Jesu zu allen Völkern
in die Welt hinaus zu tragen (Mt 28).
? Im Lukasevangelium spielt sich alles in Jerusalem und der näheren
Umgebung ab (Lk 24). Zwei Menschen auf dem Weg nach Emmaus werden
besonders herausgestellt, die Elf und die anderen Jüngerinnen
und Jünger sind in Jerusalem zusammen und versammeln sich immer
wieder im Tempel zum Gebet.
? Das jüngste Evangelium nach Johannes folgt zunächst
Lukas und bleibt in Jerusalem. Die Jüngerinnen und Jünger
versammeln sich allerdings nicht im Tempel, sondern hinter verschlossenen
Türen. Das später angefügte Schlusskapitel (Joh 21)
spielt dann in Galiläa und hebt 7 Jünger darunter
fünf namentlich genannte Männer, besonders heraus. Die
zwei Personen ohne Namen halten die Szene für weitere Mitspielende
offen. Ihre Rollen können von den Leserinnen und Lesern
aus der Gemeinde des Johannes bis hin zu uns heute übernommen
werden.
Der Blick auf die Schlussszenen der Evangelien zeigt: Das Christentum
hat nicht einen einzigen Anfang, keine einzelne Premiere, sondern
mehrere, an verschiedenen Orten, bei denen unterschiedliche Personen
die Hauptrollen spielten. Das Christentum war von Anfang an eine
pluralistische Bewegung. Die Frage nach dem Anfang ist sogar noch
komplexer, weil sich auch nach dem Tode Jesu zunächst noch
alles innerhalb des Judentums abspielte, also Teil des noch grösseren
jüdischen Pluralismus war. Die Trennung vollzog sich erst später
in einem längeren Zeitraum über mehrere Generationen hinweg.
Die Premiere an Pfingsten
Besonders prägend für unsere Vorstellung vom Anfang des
Christentums war der Evangelist Lukas. Er schreibt als Fortsetzung
seines Evangeliums die Apostelgeschichte, die Apostel bekommen also
die Titelrolle. Zu den Aposteln rechnet Lukas die zwölf Jünger
(nach dem Tod des Judas wird Matthias in diesen Kreis gewählt)
und Paulus. Die beiden Hauptrollen spielen Petrus und Paulus und
entsprechend lässt Lukas die Frauen zunehmend in den Hintergrund
treten. In der Apostelgeschichte wird das Pfingstfest als Premiere
des Christentums inszeniert. Die Jüngerinnen und Jünger
Jesu, etwa 120 Personen (Apg 1,15), versammeln sich im Obergemach
eines Hauses. Sie bleiben dort zusammen und beten. Am Pfingsttag
treten sie dann spektakulär an die Öffentlichkeit. Erfüllt
vom Heiligen Geist verkünden sie in fremden Sprachen die grossen
Taten Gottes, so dass die Menschen in Jerusalem, die aus allen Ländern
der Welt zusammen gekommen sind, sie verstehen. Manche aber spotten
auch: Sie sind vom süssen Wein betrunken (Apg 2,13).
Da tritt Petrus auf und hält eine grosse Rede mit starker Wirkung.
Sie trifft die Menschen ins Herz (Apg 2,37) und führt dazu,
dass Tausende sich taufen lassen. Es bildet sich die erste christliche
Gemeinde.
Ausgerechnet Petrus
Wie ging es Petrus vor dieser Rede? Vor diesem wichtigen öffentlichen
Auftritt, von dem so viel abhing? Hatte er Lampenfieber? Ich kann
es mir nicht anders vorstellen.
Ausgerechnet Petrus! Alle vier Evangelien berichten ausführlich
von seiner unrühmlichen Rolle bei der Festnahme Jesu. Dreimal
verleugnet er, etwas mit Jesus zu tun zu haben, Markus berichtet
sogar dass er flucht und schwört, diesen Jesus nicht zu kennen
(Mk 14,71). Auch in etlichen anderen Szenen spielt Petrus keine
besonders glückliche Rolle. Ausgerechnet dieser Petrus hält
also jetzt die erste grosse öffentliche Rede nach dem Tod Jesu.
Mir scheint, man merkt dem Beginn der Rede deutlich die Nervosität
des Petrus an. Sein Argument gegen den Verdacht der Trunkenheit
- es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen (d.h. etwa
9.00 Uhr nach unserer Zeitrechnung) zeigt ihn selbst als redlichen
Mann, ganz überzeugend ist es nicht. Petrus spürt wohl,
dass seine eigenen Worte allein hier nicht reichen werden. Er leiht
sich die Worte eines anderen, er zitiert aus der Schrift des Propheten
Joel (Apg 2,17ff). Dessen Worte, dessen Sprachbilder über den
grossen und herrlichen Tag Gottes bringen viel besser zum Ausdruck,
was die Erfahrungen dieses Pfingsttages für Petrus bedeuten,
als seine eigenen Worten es könnten. Das aufgewühlte Innere
des Petrus, seine Ängste und seine schuldbeladene Finsternis,
die Trauer über den Verlust des Menschen, von dem er seine
Berufung erhalten hatte und auf den er die grössten Hoffnungen
setzte, auch die Wut darüber allein gelassen worden zu sein
und die Scham über seinen Verrat, klingen in den Bildern an:
Blut und Feuer und qualmender Rauch. Es sind aber nicht nur Worte
für Petrus, es sind auch Worte für seine Zuhörerinnen
und Zuhörer. Die meisten von ihnen kennen die Verheissung des
Joel vermutlich. Und die Worte beziehen sie alle ein, Junge und
Alte, Männer und Frauen, Söhne und Töchter, Knechte
und Mädge...
Das Spiel unseres Lebens
Petrus stellt sich, seine Zuhörerinnen und Zuhörer und
die Ereignisse in Jerusalem in einen grösseren Zusammenhang,
unter einen weiten Horizont. Die Geschichte Gottes mit den Menschen,
von der uns unsere Vorfahrinnen und Vorfahren in den alten Texten
erzählen, ist nicht zu Ende, sondern aktuelle Gegenwart. Es
ist auch unsere Geschichte, es ist die Geschichte unseres Lebens.
Es ist ein dramatisches Stück, in dem wir mitspielen, es geht
ums Ganze, um die Wahrheit unseres Lebens. Es ist viel mehr als
ein Spiel, die Art wie wir es spielen, hat existentielle Bedeutung.
Die Geistkraft Gottes ist über uns ausgegossen, wir alle sind
berufen, Prophetinnen und Propheten zu sein, wir haben Träume
und Visionen vom erfüllten Leben und wir sollen diese Träume
und Visionen nicht in uns begraben. Wir dürfen und sollen aufstehen,
wie Petrus, mit Lampenfieber, mit unserer ganzen Vorgeschichte und
Gottes grosse Taten verkünden. Wir können unsere eigenen
Worte dafür finden oder wir können uns Worte ausleihen,
zum Beispiel aus dem grossen Textbuch der Bibel. Wir sind wie Petrus
nicht allein. Neben ihm stehen zahllose Frauen und Männer aus
der grossen Bewegung Gottes mit den Menschen, die immer wieder neue
Premieren feiert.
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