Angela de Merici

1470-1540

Mystik und Politik, Spiritualität und gesellschaftliches Engagement; ein Netzwerk von Frauen für Frauen; Christliches Engagement als Teil der Gesellschaft, nicht als Sondergesellschaft; Zutrauen in die Fähigkeiten von Menschen und viel Freiraum für den Heiligen Geist (alle Informationen aus: Michel Clevenot, Geschichte des Christentums, Band 8, S. 117-123).

Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche der Laien sein oder sie wird gar nicht sein. Vor, während und nach der protestantischen Reformation gab es ganz Europa eine breite und vielfältige katholische Reformbewegung. Eine Frucht dieser Reformbewegung in Italien war die Gründung von verschiedenen sogenannten Oratorien. Die Oratorien, Gruppierungen von frommen Laien und Klerikern, gründeten Hospitäler, Waisenhäuser, widmeten sich der Erziehung von Randgruppen... Sie hatten den doppelten Zweck, etwas für die Allgemeinheit Nützliches zu tun und die Frömmigkeit ihrer Mitglieder zu pflegen. Sie versuchten als ihre Spiritualität mit ihrem gesellschaftlichen Engagement zu verbinden. Eine sehr aktuelle Bewegung. Ein besonderes Beispiel dafür ging von Angela Merici in der Stadt Brescia aus.
Die Zeichen der Zeit erkennen. Angela Merici, ca. 1470 als Kind einer Bauernfamilie in Desenzano am Gardasee geboren, tritt in den 3. Orden der Franziskaner ein. Sie lebt in Brescia, das gerade von französischenTruppen zerstört worden war und zu dessen weiterer Ausplünderung der Bischof und die Klöster ihren Teil beitragen. Zusammen mit mehreren reichen und frommen Frauen kümmert sich Angela Merici um verwahrloste oder der Prostitution ausgelieferte Mädchen, die in diesen Nachkriegstagen sehr zahlreich sind. Während einer Wallfahrt nach Rom bietet ihr der Papst die Leitung der caritativen Einrichtungen in Rom an, sie lehnt ab. 1535, mit 60 Jahren, was für eine Frau damals ein fortgeschrittenes Alter bedeutet, hat sie ca. 20 Mädchen und einige reiche Witwen um sich geschart.
Ein Netzwerk von Frauen für Frauen. Am 25.11. ruft sie sie zu einer Versammlung zusammen und fordert sie auf, ihren Namen in das Mitgliedsbuch der Gesellschaft (Compagnia), die sie unter den Schutz der Hl. Ursula stellen will, einzutragen. Der Kult um die Hl. Ursula, Jungfrau und Märtyrerin zu Köln, war damals in Norditalien "in". Am 8. August 1536 bestätigt der Bischof von Brescia die Regel der Ursulinen. Das Programm ist revolutionär. Ein weithin autonomes Netzwerk von Frauen entsteht, mit christlichen Geist mitten in der Gesellschaft. Die Compagnia soll junge Mädchen ausbilden, die in ihrer Familie verbleiben und als eine Art Ordensschwestern ohne Gelübde, ohne Kloster und ohne besondere Tracht in der Welt leben sollen. Die Gesellschaft stellt eine Laienkörperschaft dar mit vier Unterabteilungen: die Ursulinen im engeren Sinn (mindestens 18 Jahre junge Mädchen, die ihr Leben besonders Christus weihen; sie bilden die Heranwachsenden spirituell aus, die mit 18 den gleichen Weg wählen können; die materielle Versorgung stellen Witwen sicher, die für je ein Stadtviertel zuständig sind; das Ganze steht unter der Schirmherrschaft von einigen Damen von Adel. Einige Männer reifen Alters sorgen für den notwendigen Rechtschutz im Falle eines Streits. Die Generalmutter wird allein von den Ursulinen gewählt. Am 18.3. 1537 entscheiden sich alle 76 einstimmig für Angela Merici.

Eine Pädagogik des Zutrauens und der Freiheit:

"Liebe und tu was Du willst."

In ihren "Regeln" verbindet sie Traditionelles mit Neuem, sie traut ihren "Töchtern" viel zu. "Bleibt auf dem alten Weg und bei dem gewohnten Brauch der Kirche, wie er durch so viele Heilige auf Eingebung des Heiligen Geistes geschaffen und erprobt worden ist; aber lebt ein neues Leben." "Bemüht euch sodann nach Kräften, euch dieser göttlichen Berufung gemäss zu bewähren." Im Kapitel über den Gehorsam erinnert sie an die Gehorsamspflicht gegenüber den kirchlichen Autoritäten, dann schliesst sie: "Vor allem aber sollt ihr den Ratschlägen und Einsprechungen gehorchen, die der Heilige Geist beständig dem Herzen eingibt. Wir werden seine Stimme um so klarer hören, je reiner und lauterer unser Gewissen ist." 1540 zählt die Gesellschaft der Hl. Ursula 150 Schwestern. Ihr Testament enthält den Satz des Augustinus: "Liebe und tu was Du willst." Sie deutet ihn: "Die Liebe kann nicht sündigen."

Der Heilige Geist an der Kette.

Angela von Merici stirbt am 27.1.1540. 1807 wird sie heiliggesprochen, was in ihrem Fall ein Zeichen für die vollzogene Machtergreifung der hierarchischen Männerkirche ist. Nach dem Tod von Angela Merici starten Geistliche eine Kampagne zur Rettung der jungen Mädchen bei den Ursulinen, die aufgrund ihrer "natürlichen Unterlegenheit" den Verführungen einer verderbten Welt ausgesetzt sind. Die neue Generaloberin macht das erste Zugeständnis und verpflichtet die Ursulinen einen Ledergürtel zu tragen, der sie von den einfachen Laien unterscheidet. Ausserdem wird ein Ordensmann zum Spiritual der Gesellschaft ernannt. Die Ursulinen boomen, sie gründen Schulen und Hospitäler, sie breiten sich über ganz Italien aus und später auch nach Frankreich aus. Jeder ehrgeizige Bischof möchte sie in seiner Diözese haben. Immer mehr Töchter aus adligem Hause fühlen sich vom unabhängigen Lebensstil der Ursulinen angezogen. Das Konzil von Trient bringt die entscheidende gegenreformatorische Wende. Kardinal Karl Borromäus macht sich daran den kirchlichen, sprich klerikalen Einfluss zurückzuerobern. Er erlässt 1567 eine neue Regel. Die Jungfräulichkeit wird zum Gelübde erhoben, unter Angela wurde die Verpflichtung zur Jungfräulichkeit nahegelegt. Das klösterliche Leben wird zum Ideal erhoben, die Ursulinen als solche bezeichnet, die "wegen ihrer Armut oder anderer Hindernisse nicht in ein Kloster eintreten können." Vor allem aber wird das Amt des Pater General geschaffen, ein Priestermann übernimmt die Leitung und ist direkt dem Erzbischof unterstellt. Die Witwen, die in den Stadtvierteln die Ursulinen betreuen, werden entmachtet. Die Gesellschaft wird hierarchisiert. Der Heilige Geist im Passus über den Gehorsam wird an die Kette des geistlichen Vaters gelegt: "Unter anderem sollen sie auch den Eingebungen gehorchen, die gemäss der Beurteilung und nach Anerkennung durch ihren geistlichen Vater, als vom Heiligen Geist kommend erachten dürfen." Die Zustimmung zur Regel wird mit dem Versprechen der Heiligsprechung der Gründerin erkauft. Die Ursulinen entwickeln sich immer mehr zu einer Schwesterngemeinschaft mit Gelüdbe und Klausur und mit klarer Trennung von ihren Internatsschülerinnen, die durch sie erzogen werden.