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«Ehe du ein Haus baust in der Stadt...»
Zu den Lesungen am 4. Adventssonntag
Alttestamentliche Lesung: 2 Sam 7,15.8b12.14a.16
Evangelium: Lk 1,2638
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«Ehe du ein Haus baust in der Stadt, schlage in der Wüste
ein Zelt auf für deine Träume» sagt ein Sprichwort.
Haus und Zelt, Stadt und Wüste stehen für zwei Lebensformen
und zwei Haltungen dem Leben gegenüber. Sie werden im Sprichwort
nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ein differenziertes
und spannungsvolles Verhältnis gebracht: sich gegenseitig korrigierend
und befruchtend.
Mit Israel lesen
Das Leitwort unseres Textes ist bajit, Haus. 16-mal kommt es im
7. Kapitel des zweiten Samuelbuches vor, 5-mal im Lesungstext. Bajit
bezeichnet den Palast des Königs in Jerusalem (7,1.2), den
geplanten Tempel (7,5) und die Dynastie der davidischen Könige
(7,11.16). Bajit ist Ausdruck von Sesshaftigkeit und feststehenden
Verhältnissen. Dem Haus in der Stadt steht das Zelt gegenüber,
in dem die Lade Gottes wohnt. Sie ist das traditionelle Heiligtum
der Stämme und in der Geschichte des Volkes eng verbunden mit
der Wüstenwanderung. Die Lade ist die Verbindung zu einem Gott,
der im Zelt wohnt (Ex 33,711). Der Lesungstext spielt am Übergang
vom Zelt zum Haus. Kapitel 6 beschreibt den Weg der Lade, begleitet
von ekstatischem Tanz und unterbrochen von erschreckenden Ereignissen
(6,6 f.), in die geordneteren und sicheren Verhältnisse, mit
denen 7,1 einsetzt.
Der Übergang geschieht aber nicht nahtlos und nicht unwidersprochen.
Während der Prophet Natan den Plänen des Königs David
beim ersten Hören und im Licht des Tages noch kritiklos zustimmt,
meldet sich in der Nacht eine andere Stimme. In der Nacht sind die
Mauern der Häuser durchlässiger. Die Nacht ist die Zeit
für die Stimme des Zeltgottes, die Stimme der Wüste und
der Nichtsesshaftigkeit. Sie meldet sich nicht direkt bei David,
der den Übergang zur Sesshaftigkeit und zur staatlichen Ordnung
verkörpert, sondern beim Propheten Natan und das obwohl dieser
ein Stadtbewohner par excellence ist. Natan ist ein einflussreicher
Jerusalemer aus der jebusitischen Oberschicht, den David nach der
Eroberung der Stadt in seinen Dienst übernimmt. In den kommenden
dynastischen Streitigkeiten um die Nachfolge Davids setzt er dementsprechend
seinen politischen Einfluss für Salomo, den Sohn der Jerusalemerin
Batseba ein. Die Stimme des Wüsten- und Zeltgottes meldet sich
bei dem, der in der neuen Führungselite am Hof Davids als früherer
Gegner und «heidnischer Kanaanäer» vermutlich verdächtig
und umstritten war und deswegen am Rand stand. Wie die Nacht die
Zeit des Zeltes im Haus, so ist der Rand der Ort des Zeltes in der
Stadt. Natan formuliert die Bedenken gegen einen Tempelneubau in
Jerusalem aus Sicht der alteingessenen Jerusalemer, die darin wohl
einen Affront der neuen Herrscher gesehen hätten. Er sucht
das friedliche Zusammenleben der alten und neuen Bewohnerinnen und
Bewohner und das verbindet den Städter Natan mit dem Zeltgott.1
Diese Verbindung ermutigt ihn in unserem Text zu einem «Ja,
aber» den Plänen des Königs gegenüber. Daraus
wächst später sein klares Eintreten gegen den König,
der seine Macht missbraucht, indem er Menschen wie Besitz behandelt
(Batseba) und bereit ist, andere (Urija) für seine Interessen
zu opfern (2 Sam 1112). Aber auch wenn der Widerstand gegen
den Bau eines Tempels zunächst von Natan laut wird, so findet
er bei David ein offenes Ohr. Schliesslich hat David ja die Lade
als ekstatischer Tänzer in die Stadt begleitet, sich damit
mit dem «Gesindel» gemein gemacht und sich gegen den
Widerstand eingesessener Kreise am Hof durchgesetzt, die von der
Königin Michal2 verkörpert werden (2 Sam 6,20 ff .). Auch
im kleinen Hirten, der wider alle Erwartung zum König wird,
kommt etwas von dem in die Stadt, wie sich der Zelt- und Wüstengott
den Umgang mit Macht erträumt.
Aber auch im Haus des Hirtenkönigs stapeln sich die Leichen
im Keller. Kurze Zeit später begeht David Ehebruch mit Batseba,
der Frau des Hethiters Urija, der als Soldat in Diensten Davids
steht. Sie wird schwanger, und um seine Vaterschaft zu vertuschen,
holt David Urija von der Front und schickt ihn zu seiner Frau. Urija
aber weigert sich: «Die Lade und Israel und Juda wohnen in
Zelten
und ich sollte in mein Haus gehen
um bei meiner
Frau zu liegen?» Urija wird auch zum theologischen Gegenspieler
Davids. Während der König, der im Palast wohnt, seinen
Gott in einem Haus unterbringen will, bleibt Urija, der wie Natan
ein Gojim ist, dem nichtsesshaften Gott des Wüstenzeltes treu.
Urijas Schwur: «So wahr der Herr lebt
ich tue so etwas
nicht» (2 Sam 11,11) liest sich im Zusammenhang mit 2 Sam
7 wie eine massive Anfrage an David: Will er für Gott nur deswegen
ein Haus bauen, um über ihn verfügen, ihn für seine
Interessen manipulieren zu können? Urijas Tod zeigt aber auch
in tragischer Weise auf, dass die Menschen, die mit Gott aus Ägypten
in die Wüste hinaus ziehen, immer wieder neu durch die Gewalt
des Pharaos, der auch inmitten des Gottesvolkes auftreten kann,
bedroht sind.
Die Spannung zwischen dem Haus in der Stadt und dem Zelt in der
Wüste erweist sich als überaus produktiv. Sie verhilft
dazu, genau hinzusehen und differenziert wahrzunehmen: nicht nur
die festgefügten Steine und die Pracht der Paläste zu
sehen, sondern auch die Leichen im Keller und den Hausherrn als
Pharao. Der Raum zwischen Haus und Zelt verhilft dazu, einen eigenen
Standort zu gewinnen, einen Freiraum, in dem aus dem Ja und Amen
zu den Plänen der Mächtigen ein Ja, aber werden und von
dem aus schliesslich jedem Gegenüber auf Augenhöhe begegnet
werden kann. Die jüdische Leseordnung sieht vor, dass 2 Sam
67 als Prophetenlesung zum Tora abschnitt Schemini (Lev 911)
gelesen wird. Hier ist die Rede von Opfer und Opfermissbrauch und
hier werden Menschen ermächtigt und angeleitet, differenziert
wahrzunehmen, um «heilig und unheilig, unrein und rein unterscheiden»
zu können (Lev 10,10).
Mit der Kirche lesen
In Lk 1,2638 kommt der Engel Gottes in die Stadt. Maria empfängt
eine Botschaft vom Gott des Hauses Jakob, dem Gott des Wüstenzeltes,
dessen Kraft sie wie Zelttücher «überschatten»
wird. Sie wird ein Kind gebären, wie ihre Verwandte Elisabeth
und wie Frauen vor und nach ihr. Alle Menschen sind Geborene. Wir
leben in der Spannung zwischen dem Behaustsein und dem Unterwegssein.
Wir leben, weil wir die Fülle des Menschenhauses erfahren haben,
Wärme, Nahrung, Zärtlichkeit, Sprache, Erziehung
Und wir leben, weil wir vom ersten Schrei an aus Häusern hinaustreten
und zu unserem ganz Eigenen aufbrechen. Wir lösen diese Spannung
nie auf, bleiben immer Verbundene und Aufbrechende das ist
das Geheimnis unseres Lebens. Das Buch Exodus hat dafür ein
wunderbares Bild gefunden: Die Menschen des Gottesvolkes stellen
sich in die Tür ihres Zeltes und neigen sich vor der Wolkensäule,
die zum Zelt der Begegnung kommt (Ex 33,10). Ihnen gleich tun es
die «heidnischen» Sterndeuter. Und auch Maria steht
in der Tür ihres Hauses, das zum Zelt geworden ist und sagt:
«Mir geschehe nach deinem Wort.»
1 Vgl. Silvia Schroer: Die Samuelbücher (NSKAT 7). Stuttgart
1992 158.
2 Michal, Sauls Tochter, war Spielball im blutigen Konkurrenzkampf
zwischen Saul und David (1 Sam 18,17 ff.) und ist die Überlebende
von entsetzlichen Massakern an den Nachkommen Sauls, für die
ihr Mann David mindestens mitverantwortlich ist, auch wenn die biblische
Darstellung das beschönigt (u. a. 2 Sam 21,19). Ausser
ihr überlebt nur Mephiboschet, der Sohn Jonatans und Enkel
Sauls, der an beiden Füssen gelähmt ist. Vielleicht haben
Michals Abneigung gegen den tanzenden David und ihre Kinderlosigkeit
ja auch mit ihrer traumatischen Familien- und Ehegeschichte zu tun.
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