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Eselinnen suchen und Berufung finden
1 Sam 9
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Diese Ausgabe von Zeichen der Liebe trägt den Titel "Jede
Stunde ein Geschenk". Ich habe für diesen Beitrag nach
einem Bibeltext gesucht, in dem sowohl das Wort "Stunde"
als auch das Wort "Geschenk" vorkommt. Gefunden habe ich
die Geschichte von Saul und den Eselinnen seines Vaters im ersten
Buch Samuel (1 Sam 9). Sauls Vater Kisch ist ein wohlhabender Mann
aus dem Stamm Benjamin. Sein Sohn Saul ist jung und schön.
"Kein anderer unter den Israeliten war so schön wie er"
(1 Sam 9,2). Die Geschichte spielt also bei den Reichen und Schönen.
Es ist eine Geschichte für ein Hochglanzmagazin oder für
die People-Seite der Zeitungen.
"Eselinnen" damals und heute
Eines Tages aber verlaufen sich Kischs Eselinnen. Die Eselinnen
müssen wichtig gewesen sein, denn Kisch schickt nicht irgendjemand,
sie zu suchen, sondern seinen Sohn zusammen mit einem Knecht. Das
Verschwinden der Eselinnen lässt Kisch nicht kalt. Er macht
sich grosse Sorgen (2 Sam 9,5). Was es mit den Eselinnen in der
Familie der Reichen und Schönen genau auf sich hat, erfahren
wir in der Geschichte nicht. Aber wenn sie verloren gehen, ist das
ein Grund sich Sorgen zu machen. Der Verlust geht ans Eingemachte.
Sich darum zu kümmern, ist Chefsache, Sache von Vater und Sohn.
Das Zusammenspiel von Vater und Sohn ist das Zentrum dieser Familie.
Schliesslich wird Kisch zu Beginn der Geschichte so vorgestellt:
"Damals lebte in Benjamin ein Mann namens Kisch, ein Sohn Abiels,
des Sohnes Zerors, des Sohnes Bechorats, des Sohnes Afiachs".
Diese Familie ist ein generationenübergreifendes Unternehmen.
Was sie ist, das hat sie sich über die lange Abfolge von Vätern
und Söhnen aufgebaut. Und das ist jetzt durch das Verschwinden
der Eselinnen bedroht. Die Zukunft, das Weiterbestehen des Bisherigen,
hängt vom Sohn Kischs, von Saul ab. Davon, dass er die Eselinnen
wiederfindet.
Lässt sich die Grundsituation dieser Geschichte in unsere Gegenwart
übertragen? Sie könnte von einem Familienunternehmen handeln,
das über Generationen aufgebaut wurde und heute zu den Marktführern
gehört. Plötzlich ist es in die Krise geraten. Vielleicht
stehen die verschwundenen Eselinnen für verlorene Absatzmärkte,
verlorene Kreditwürdigkeit, entgangene Aufträge
Vielleicht ist die Krise des Unternehmens aber auch die Krise des
gesamten Wirtschaftssystems und die Eselinnen stehen für das
verschwundene Vertrauen in die Sinnhaftigkeit und den Erfolg des
Systems überhaupt. Wie lange können wir noch weltweit
auf Pump leben? Was passiert, wenn Staaten bankrott gehen? Kann
es sein, dass einige Spekulanten an den Börsen über die
Existenz von Milliarden Menschen entscheiden? Warum ist Geld da
für die Rettung von Banken und keines für die Rettung
hungernder Menschen oder der Umwelt? Mit den Eselinnen ist etwas
ganz Entscheidendes verloren gegangen. Es gibt mehr als genug Grund
sich Sorgen zu machen.
Geschenk oder Bezahlung?
Kisch schickt seinen Sohn Saul und einen namenlosen Knecht aus.
Sie ziehen durchs Land, sie suchen. Ohne Erfolg. Schliesslich kommt
der Knecht in der Nähe der Stadt Zuf auf die Idee, einen Gottesmann
zu befragen, der in dieser Stadt wohnt. "Er ist sehr angesehen;
alles, was er sagt, trifft mit Sicherheit ein
vielleicht
kann er uns sagen, welchen Weg wir hätten gehen sollen"
(9,6).
Sauls Antwort verrät viel über die Welt, aus der er stammt,
die Welt seines Vaters Kisch, die Welt der Reichen und Schönen:
"Was sollen wir dem Mann mitbringen, wenn wir hingehen? Das
Brot in unseren Taschen ist zu Ende. Wir haben nichts, was wir dem
Gottesmann als Geschenk bringen könnten" (9,7). Da also
fällt das Wort "Geschenk". Aber eigentlich geht es
um Bezahlung. In der Welt Sauls muss für alles bezahlt werden,
hat alles seinen Preis. Aber jetzt sind seine Taschen leer. Er ist
völlig abgebrannt. Die Geschichte wird jetzt ironisch. Der
Knecht, der kleine Mann, der Namenlose hat in der Tasche noch einen
Viertel-Silberschekel. "Denn will ich dem Gottesmann geben"
(9,8). Der kleine Mann rettet den Sohn des Reichen. Die kleinen
Leute zahlen die Zeche. Steuergelder retten die Banken.
Die beiden gehen in die Stadt und treffen schliesslich den Gottesmann,
Samuel mit Namen. Samuel ist unterwegs zu einem grossen Festmahl,
wo alle Einwohnerinnen und Einwohner auf ihn warten, damit er die
Speisen vor dem Essen segne. Samuel weiss schon Bescheid. Gott hatte
es ihm angekündigt: "Morgen um diese Zeit schicke ich
einen Mann aus dem Gebiet Benjamins zu dir."
Verbunden in Sorge und Sehnsucht
Samuel hat noch viel mehr erfahren: "Ihn sollst du zum Fürsten
meines Volkes Israel salben. Er wird mein Volk
befreien;
denn ich habe die Not meines Volkes Israel gesehen und sein Hilfeschrei
ist zu mir gedrungen" (9,16). Samuel und Gott haben einen guten
Draht zueinander. Sie sind eng miteinander verbunden - und zwar
in ihrer Sorge um das gesamte Volk, seine Bedürfnisse und seine
Nöte. Im Zentrum der Aufmerksamkeit Gottes und im Zentrum des
Handelns Samuel stehen in dieser Geschichte die Menschen und ihre
Grundbedürfnisse: Essen, trinken, Freiheit, das Ende der Nöte
Die Menschen warten auf Samuel und auf den Segen Gottes.
Samuel lädt Saul und seinen Knecht zum Essen ein. Von Bezahlung
ist weder hier noch zu einem späteren Zeitpunkt der Geschichte
irgendwo die Rede. Samuel weiss (oder spürt) was Saul auf dem
Herzen hat - die verlorenen Eselinnen. Er will aber Sauls Aufmerksamkeit
umlenken, auf etwas anderes richten. "Über die Eselinnen,
die dir vor drei Tagen abhanden gekommen sind, brauchst du dir keine
Gedanken zu machen. Sie wurden gefunden. Auf wen aber richtet sich
die ganze Sehnsucht Israels?" (9,20) Statt nach dem zu suchen,
was den Fortbestand des Vater-und-Sohn-Systems der Reichen und Schönen
sichert, soll Saul die Sehnsucht der Menschen um ihn herum wahrnehmen.
Sie brauchen etwas. Sie sind bedürftig. Sie brauchen ihn und
sie brauchen das Potential seiner Familie. Die Sehnsucht Israels
gilt Saul und dem ganzen Haus seines Vaters. Vielleicht bin ich
hier zu optimistisch und interpretiere zu viel hinein, aber wenn
Samuel vom "ganzen Haus" spricht, meint er mehr als die
Väter und Söhne. Damit sind alle im Haus gemeint, auch
die Frauen, auch die Knechte und Mägde. Dieses Haus hat Kompetenzen.
Dieses Haus ist mächtig und einflussreich. Es soll seine Kompetenz,
seine Macht und seinen Reichtum zum Nutzen aller einsetzen. Es soll
erkennen, dass es mit allen anderen verbunden ist, dass es Teil
dieses Volkes ist, dass es eigentlich gar nicht viel anders ist
als all die anderen, weniger Reichen und weniger Schönen. Menschen
unter Menschen. Saul schafft diese Verbindung. Dafür hilft
ihm die Tatsache, dass der Stamm aus dem er stammt, Benjamin, der
kleinste Stamm des Volkes Israel ist. Als Teil eines kleinen und
wenig bedeutenden Stammes ist Saul mit all den anderen Menschen
verbunden, die als klein und wenig bedeutend gelten, jedenfalls
im Blickwinkel der Hochglanzmagazine. Als einen, der sich so selbst
relativiert und damit in Relation (in Beziehung) zu anderen bringt,
wird Saul zusammen mit seinem Knecht als Ehrengast zum Essen geladen.
Jede Stunde ein Geschenk
Samuel hat beim Koch eigens ein besonderes Stück Fleisch für
Saul zurücklegen lassen und sagt: "Als ich das Volk eingeladen
habe, ist dieses Stück für dich und für diese Stunde
aufgehoben worden" (9,24). Jetzt fällt also auch das zweite
Wort: die Stunde. Für diese Stunde ist etwas Besonderes aufgehoben
worden. Und zwar als Geschenk, nicht gegen Bezahlung. Als Einladung,
mit den anderen zusammen zu essen, sich als Teil des gesamten Volkes
zu erkennen und sich für die Interessen aller einzusetzen.
Als Geschenk, es damit Gott gleich zu tun, der Not sieht und Hilfeschreie
hört und darum handelt, indem er Menschen beruft. Zu jeder
Stunde. Jetzt.
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