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Spricht Gott zu Ihnen? Nein? Das ist ein gutes Zeichen
Zu den Lesungen am 2. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: 1 Sam 3,3b10.19
Evangelium: Joh 1,3542
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Das Jahr ist noch ganz jung und liegt off en vor uns. Was werden
wir in diesem Jahr wohl alles zu sehen und zu hören bekommen?
Werden wir etwas hören, wovon uns die Ohren gellen? Werden
wir etwas sehen, das uns in Bewegung und in Beziehung bringt? Wird
uns in diesem Jahr jemand wirklich sehen und mit Namen ansprechen?
Mit Israel lesen
In 1 Sam 3 spielen Sehen und Hören eine zentrale Rolle. Die
Fähigkeit zu sehen ist stark eingeschränkt, nicht nur
bei den handelnden Personen: «In jenen Tagen waren Worte des
Herrn selten; Visionen waren nicht häufig» (3,1). Vom
Priester Eli heisst es: «Seine Augen waren schwach geworden,
und er konnte nicht mehr sehen» (3,2). Dazu passend spielt
die Geschichte weitgehend in der Nacht, im dunklen Tempel von Schilo,
in dem nur die Lampe Gottes, eine Art ewiges Licht, brennt. Entsprechend
wichtig ist das gesprochene Wort und der Hörsinn. Viermal ruft
Gott den Samuel und nennt ihn beim Namen. Im Gespräch mit Eli
erfährt Samuel, wie er auf diesen Ruf reagieren soll: Er soll
sich als Hörender vorstellen (3,9 und 10). Aber die Fähigkeit
zu hören ist eine zwiespältige Gabe. Samuel hört
Gott dreimal, kann das Gehörte aber nicht richtig zuordnen.
Das gelingt erst Eli, der selbst keine Gottesstimme vernimmt. Und
schliesslich kündigt Gottes Botschaft an Samuel Geschehnisse
an, von denen allen, die davon hören, beide Ohren gellen werden
(3,11). Leider lässt die Leseordnung den Inhalt dieser Botschaft
komplett weg (3,1114). Will sie unsere Ohren schützen?
Das Ausblenden und Verschweigen der Botschaft Gottes bringt allerdings
einen wichtigen Aspekt des Textes zum Ausdruck: Das Schweigen spricht
gleichsam Bände. Denn auch Samuel fürchtet sich davor,
Eli von dem zu berichten, was er gehört hat. Samuel zieht sich
sozusagen die Decke über den Kopf, bleibt so lange wie möglich
im Bett liegen und reagiert äusserst einsilbig auf Eli: «Hier
bin ich.» Eli muss ihn mehrmals bedrängen. Dann erst
«teilte ihm Samuel alle Worte mit und verheimlichte ihm nichts»
(3,18). Warum die Doppelung von Mitteilen und nichts Verheimlichen?
Bringt die ausdrückliche Erwähnung des Verheimlichens
zum Ausdruck, mit welcher Versuchung Samuel gerungen hat?
Die Botschaft Gottes in 3,1214 spricht von der Schuld des
Hauses Eli. Was damit gemeint ist, steht in 1 Sam 2,1217.22
25. Den beiden Söhnen Elis, Hofni und Pinhas, die wie ihr Vater
als Priester im Tempel amtieren (1 Sam 1,3), wird vorgeworfen, dass
sie beim Schlachtopfer betrügen und mit Frauen vor dem Offenbarungszelt
sexuell verkehren. 2,12 bezeichnet sie als «nichtsnutzig»
(Einheitsübersetzung). Die Bibel in gerechter Sprache nennt
sie «skrupellos» und kommt so dem hebräischen Ausdruck
näher, der Schlechtigkeit, Bosheit, Verderbtheit bedeutet.
Gott nennt nicht nur Samuel beim Namen, sondern auch das Unrecht.
Eli weiss um die Vergehen seiner Söhne, stellt sie gar zur
Rede, jedoch ohne Erfolg. Das hat Folgen: 1 Sam 2 und 3 begründen
und legitimieren die Ablösung der führenden Priesterdynastie
der Eliden (s. u.).
In Samuel und Eli sind darüber hinaus zwei wesentliche Instanzen
des religiösen Lebens in Israel personifiziert: Prophetie und
Priestertum. Der Text thematisiert ihr spannungsvolles Mit- und
Gegeneinander. Der Prophet hört den Ruf Gott, der Priester
kann das Gehörte, das er aus zweiter Hand erfährt, einordnen
und Ratschläge zum Handeln und eine entsprechende Haltung dazu
entwickeln. Im Neuen Testament klingt das in der Zuordnung verschiedener
Charismen in der Gemeinde an (1 Kor 12,10).
Liest man den Text so, dann fällt wiederum ein beredtes Schweigen
auf. Keine Rede ist von der dritten Grösse im Spannungsfeld
religiöser Instanzen, der Tora. Sie hat sich ja langfristig
als Entscheidende durchgesetzt. Die Priesterschaft ist mit dem zweiten
Tempel untergegangen. Die Prophetie wurde der Tora nach- und untergeordnet.
Die Rabbinen strukturierten die Tora-Auslegung als argumentativen
Diskurs zwischen Gelehrten, bei dem ein direktes Eingreifen Gottes
(mittels einer Botschaft an einen Propheten oder durch ein Wunder)
keine Rolle spielt. Die bekannte Geschichte aus dem Talmud (b. Baba
Mezia 59b) zeigt dies: Bei einem Streit stand die Meinung
Rabbi Eliesers gegen die der anderen Rabbiner. R. Elieser rief nacheinander
einen Baum, das Wasser eines Kanals und die Wände des Lehrhauses
zu Hilfe. Der Baum veränderte seinen Standort, das Wasser floss
rückwärts und die Wände begannen einzustürzen.
Aber R. Josua sprach ihnen die Kompetenz in Fragen der Gesetzesauslegung
ab. R. Elieser rief schliesslich Gott selbst zu Hilfe und eine Stimme
aus dem Himmel sprach zu seinen Gunsten. Aber R. Josua entgegnete
mit einem Zitat aus Dtn 30,12: «Sie (die Tora) ist nicht im
Himmel!» Die Tora ist am Sinai geoffenbart und den Menschen
zur Auslegung gegeben. Himmelsstimmen sind kein Argument. Ein moderner
Text bringt Ähnliches zum Ausdruck. Im Roman «Kabbala»
von Lawrence Kushner kommt eine junge Frau zu Rabbi Stern. «Sie
möchten also gerne Rabbinerin werden?» fragt er sie und
fügt hinzu: «Redet Gott mit ihnen?» «Nicht
dass ich wüsste», antwortet sie. Darauf der Rabbi: «Na,
das ist ein gutes Zeichen.»1
Mit der Kirche lesen
Auch im Evangelium spielen Sehen und Hören eine zentrale Rolle.
Als Jesus vorübergeht, richtet Johannes seinen Blick auf ihn.
Seine beiden Jünger hören, was er sagt. Jesus sieht, dass
sie ihm folgen und lädt sie ein: «Kommt und seht.»
Sie sehen wo er wohnt und bleiben. Als der eine von ihnen, Andreas,
seinen Bruder Simon zu Jesus führt, blickt der ihn an, nennt
ihn beim Namen und gibt ihm einen Neuen. Alle sehen und hören
klar und deutlich. Sie verstehen und handeln entsprechend. Alle
Störungen der Wahrnehmung und der Kommunikation, wie sie in
1 Sam 3 beschrieben werden, sind verschwunden. In der Namensgebung
durch Jesus klingt die Paradieserzählung an. Gott führt
dem Menschen die Tiere zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde.
«Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte
es heissen» (Gen 2,19). Das Johannesevangelium erzählt
eine Geschichte wie am Schöpfungsmorgen. Alle Sinne sind weit
off en, Beziehungen einzugehen ist die einfachste Sache der Welt,
die Welt ist ganz neu und noch unbenannt. Der Mensch ist daheim.
Kommt und seht, wo er wohnt.
Vom Haus Eli zum Haus Zadok
Das Unheil, das dem Haus Eli droht, wurde bereits vor Samuel durch
einen anonymen Gottesmann angekündigt (1 Sam 2,2736).
Die Heilszusage für das Haus Eli als priesterliche Nachfahren
Aarons wird zurückgenommen und das (gewaltsame) Aussterben
der Familie angedroht, was in 1 Sam 4,11 und 4,18 auch eintritt.
Darüber hinaus wird ein neues Priestergeschlecht eingesetzt
werden, womit schon hier die Erzählungen über das Wirken
und die Bedeutung Zadoks und seiner Nachkommen anklingen (vgl. 2
Sam; 1 Kön). Die Rede Gottes zu Samuel ist eine Art Zusammenfassung
der früheren Ankündigung und stellt besonders die Mitverantwortung
Elis heraus.
1 Lawrence Kushner: Kabbala. Ein Liebesroman. München-Zürich
2006, 9.
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