Gedanken und Informationen zu 1 Sam 3,1-18
aus: WerkstattBibel 13
gemeinsam mit Thomas Portmann |
Oft werden von diesem Text, der in vielen Bibelausgaben als Berufungsgeschichte
Samuels bezeichnet wird, nur die Verse 1-10 wahrgenommen. Die Figur
des Samuel steht (neben Gott) im Zentrum, Eli tritt in den Hintergrund.
Ausserdem rückt die besondere Form, wie Samuel den Ruf JHWH's
vernimmt, in den Mittelpunkt des Geschehens. Der Inhalt der Botschaft
Gottes fällt weg, obwohl doch die Rede davon ist, dass "jedem,
der davon hört, beide Ohren gellen" (Vers 11). Das hat
wohl auch damit zu tun, dass die Botschaft, die dem Ruf JHWH's folgt,
für Eli und seine Familie schreckliche Konsequenzen beinhaltet.
Die Ankündigung Gottes löst Fragen und Widerstände
aus. Wir wollen deshalb in dieser Bibelarbeit den zweiten Teil des
Textes (Verse 11-18) bewusst nicht ausklammern.
Ort, Zeit und handelnde Personen
Die Geschichte spielt im Tempel von Schilo, das südlich von
Sichem im Gebiet des Stammes Efraim liegt. Der Ort hat eine lange,
vorisraelitische Tradition als Kultstätte. Am Ende der Richterzeit,
die unser Text beschreibt, erreicht Schilo den Höhepunkt seiner
Bedeutung als überregionales Heiligtum, in dessen Tempel die
Bundeslade steht. Die Lade spielt vor allem in der vor- und frühstaatlichen
Zeit Israels eine wichtige Rolle als (mobiler) Wohnsitz Gottes.
Sie geht also wohl letztlich zurück auf eine nomadische Kultur
und ist später Kultobjekt in einer noch nicht zentralisierten
Gesellschaft, in der verschiedene Lebensformen, sesshafte und nomadische,
nebeneinander existieren. Als Hauptheiligtum der Efraimiter hat
die Lade besonders in den Nordstämmen eine Bedeutung für
das Opfer und den Krieg (vgl. 1 Sam 4). IsraelitInnen aus verschiedenen
Stämmen pilgern regelmässig nach Schilo, um ihre Opfer
darzubringen (vgl. 1 Sam 1,3; 2,12-16). Zur weiteren Ausstattung
des Tempels in Schilo gehört die Lampe Gottes, wohl eine Art
"ewiges Licht" in Form einer Öllampe (vgl. Ex 25,31-40;
Lev 24,1-4; Num 8,1-4). Der Tempel von Schilo wurde später
von den Philistern zerstört (1 Sam 4, vgl. Ps 78,60). Mit Schilo
sind in den ersten Kapitel von 1 Sam vermutlich verschiedene Erzählkreise
(Samuelstraditionen, Geschichte der Eliden, Erzählungen zur
Bundeslade) zu einer Einheit zusammengefügt worden.
Samuel wird als kleines Kind von seiner Mutter Hanna zum Priester
Eli in den Tempel von Schilo gebracht, wohl um dort für den
Tempeldienst ausgebildet zu werden (1 Sam 2,11). Damit löst
Hanna ein entsprechendes Gelübde ein, das sie einst vor JHWH
aus Verzweiflung wegen ihrer langjährigen Kinderlosigkeit abgelegt
hat (vgl. 1 Sam 1,1-2,11). Wie alt Samuel zu Beginn unseres Textes
genau ist, lässt sich nicht rekonstruieren, er wird aber als
"jung" (Vers 1) und als "Knabe" (Vers 8) bezeichnet.
Die Schuld des Hauses Eli
Die Verse 12-14 sprechen von der Schuld des Hauses Eli und von JHWH's
Drohungen bzw. Ankündigungen, welche Folgen diese Schuld nach
sich ziehen wird. Was damit genauer gemeint ist, wird in 1 Sam 2,12-17.22-25
erzählt. Den beiden Söhnen Elis, Hofni und Pinhas, die
wie ihr Vater als Priester im Tempel amtieren (1 Sam 1,3), werden
zwei Vergehen vorgeworfen: einerseits ein Verstoss gegen die Regeln
beim Schlachtopfer (1 Sam 2,12-17) und andererseits der sexuelle
Verkehr mit Frauen, die vor dem Offenbarungszelt Dienst tun (1 Sam
2,22). Eli selber weiss um die Übertretungen seiner Söhne,
stellt sie gar zur Rede, jedoch ohne Erfolg (1 Sam 2,23-25). Aus
heutiger Sicht würden wir die Vergehen der Söhne Elis
wohl als weniger schwerwiegend bewerten. Vielleicht ist der Vorwurf
der sexuellen Vergehen bereits eine spätere Einfügung
in den Text, weil das eigentliche Vergehen nicht mehr so recht verständlich
zu machen war. Für den Text ist die Grundeinschätzung
der Söhne Elis entscheidend. In 1 Sam 2,12 werden sie als "nichtsnutzig"
(Einheitsübersetzung) bezeichnet. Die Bibel in gerechter Sprache
nennt sie "skrupellos" und kommt so dem hebräischen
Ausdruck näher, der Schlechtigkeit, Bosheit, Verderbtheit bedeutet.
In 1 Sam 2,27-36 tritt ein anonymer Gottesmann auf, der Eli in der
typischen Schelt- und Drohrede eines Propheten das Verhalten seiner
Söhne und sein eigenes mangelndes Eintreten für JHWH vorhält.
Die Heilszusage für das Haus Eli als priesterliche Nachfahren
Aarons wird zurückgenommen und das (gewaltsame) Aussterben
der Familie angekündigt. Als Zeichen dafür soll der baldige
Tod der beiden Söhne dienen, was dann auch tatsächlich
im Rahmen der verlorenen Schlacht gegen die Philister eintritt (1
Sam 4,11). Darüber hinaus, so der Gottesmann weiter, wird ein
neues Priestergeschlecht eingesetzt werden, womit schon hier die
Erzählungen über das Wirken und die Bedeutung Zadoks und
seiner Nachkommen anklingt (vgl. 2 Sam; 1 Kön). Die Gottesrede
an Samuel nimmt die Ankündigung des Unheils über das Haus
Eli zusammenfassend wieder auf. Dabei wird Elis Mitwissen und somit
auch dessen Mitverantwortung besonders betont (Vers 13). Die Prophezeiung
steht stark im Kontrast zum durchaus positiven Bild von Eli, der
vor Samuel versteht, was der nächtliche Ruf zu bedeuten hat.
Auch Elis Alter und Gebrechlichkeit spielen keine Rolle. Jede Sühne
durch Opfer und Gaben werden "in Ewigkeit" ausgeschlossen
(Vers 14). So erstaunt es nicht, dass bereits im nächsten Kapitel
der jähe Tod Elis geschildert wird: Bestürzt über
die Nachricht vom Raub der Bundeslade durch die Philister, fällt
Eli vom Stuhl und bricht sich das Genick (1 Sam 4,18).
Der Ruf Gottes und seine Konsequenzen
Die Verse 1-3 unseres Textes erwähnen mehrfach beschränkte
visuelle Fähigkeiten: "Schauungen/Visionen" waren
damals nicht häufig, Elis Augen waren schwach geworden und
Samuel schläft. Die Geschichte bis Vers 14 spielt in der Nacht,
wohl bei weitgehender Dunkelheit. Einzig die Lampe Gottes sorgt
noch für etwas Licht. Die zusätzliche Notiz in Vers 1,
dass auch Worte JHWH's in jenen Tagen selten waren, steigert das
Spannungsmoment im Blick auf den Verlauf der Geschichte. Dass der
Ort der Erzählung im Tempel situiert ist, wo sich die Lade
Gottes befindet, wird eher beiläufig erwähnt (Vers 3),
obwohl Letztere im Fortgang der Samuelbücher eine zentrale
Rolle erhalten wird. Der Hinweis macht jedoch deutlich, dass Samuel
nicht irgendwo schläft, sondern dort, wo die Lade in besonderer
Weise die Anwesenheit Gottes repräsentiert. Der erzählerische
Kontext steckt so mit deutlichen Signalen den Rahmen für das
weitere Geschehen ab, das durch den Ruf Gottes an und die Botschaft
für Samuel (bzw. Eli) geprägt ist.
In den Versen 4-10 fällt das mehrmalige Vorkommen des Wortes
"rufen" auf (11-mal). Statt des Sehsinns wird offenbar
die Fähigkeit zu hören und das Gehörte richtig zu
deuten entscheidend. Der Ruf Gottes erreicht Samuel im Verborgenen,
in der Dunkelheit und der Stille der Nacht. Störende Einflüsse
von aussen, die die Wahrnehmung beeinträchtigen, können
in dieser Szenerie ausgeschlossen werden. Dennoch vermag Samuel
die Stimme nicht unmittelbar einzuordnen, da er JHWH noch nicht
kennt (Vers 7). Durch die Verzögerung aufgrund der dreimaligen
Fehlinterpretation der Auditionen wird erzähltechnisch die
Prozesshaftigkeit verdeutlicht, die dem Erkennen der Stimme Gottes
und dem Begreifen der damit verbundenen Botschaft zugrunde liegen
kann. Theologisch wird dieses intime Hinhören, die Sensibilisierung
auf die Anrede Gottes, die die je eigene Bestimmung und Lebensausrichtung
erschliesst, mit dem Begriff "Berufung" umschrieben. Samuels
Berufung steht jedoch schon zu Beginn unter einem anderen Stern
als vergleichbare biblische Berufungserzählungen, da sie für
Samuels nächste Bezugsperson vernichtende Konsequenzen hat.
Der Text verknüpft die Berufung Samuels und damit dessen Legitimation,
Aufstieg und Anerkennung als Prophet JHWH's (vgl. 1 Sam 3,20) mit
dem Untergang des Hauses Eli. Das die beiden unterschiedlichen Schicksale
verbindende Element ist die Botschaft, die Gott Samuel kundtut.
Die Tragik der ganzen Episode scheint evident: Es ist der junge
Samuel, der Eli JHWH's gellende Botschaft überbringen wird.
Er, Samuel, der unter der Obhut Elis aufwuchs und unter dessen Aufsicht
er den Tempeldienst besorgt. Die Zerreissprobe, derer sich Samuel
als von Gott Gerufener ausgesetzt fühlt, wird in Vers 15 thematisiert.
Samuels Antwort auf die väterliche Anrede durch Eli, den Ruf
Elis, ist dann aber dasselbe "Hier bin ich.", mit dem
er bereits den Anruf Gottes erwidert hat und so - in Analogie zu
anderen biblischen Gestalten (vgl. z.B. Gen 22,1 [Abraham]; 31,11
[Jakob]) - seine Bereitschaft und Offenheit für die Indienstnahme
durch Gott manifestiert, auch wenn es Schmerzliches nach sich zieht.
Erstaunlicherweise anerkennt Eli trotz oder gerade wegen des unheilvollen
Charakters der Prophezeiung, dass es JHWH's Stimme ist, die durch
Samuel spricht.
Artikuliert die Botschaft vielleicht, was sich Eli eigentlich schon
seit langem bewusst ist? Dass nämlich Teilnahms- und Tatenlosigkeit
angesichts ungerechter (skrupelloser und verderblicher) Handlungen
und Strukturen vernichtende Folgen haben kann. Eli, der ansonsten
unbescholtene Priester am Heiligtum in Schilo, verkörpert diese
fatale Haltung geradezu. Angesichts des angedrohten Unheils übernimmt
er aber dann die Verantwortung und überlässt sich in seinem
selbstverschuldeten Schicksal uneingeschränkt JHWH.
Literatur
DREWERMANN, Eugen, Das Königreich Gottes in unserer Seele.
Predigten über die Bücher Samuel und Könige, hrsg.
v. Bernd Marz, München 1996, S. 22-36.
SCHROER, Silvia, Die Samuelbücher (Neuer Stuttgarter Kommentar
zum Alten Testament, Band 7), Stuttgart 1992, S. 41-53.
ZENGER, Erich (Hrsg.), Stuttgarter Altes Testament. Einheitsübersetzung
mit Kommentar und Lexikon, Stuttgart 2004.
|