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Aggressivität als Lebenskunst
Zu den Lesungen am 7. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: 1 Sam 26,2.79.1213.2233
/ Evangelium: Lk 6,2738
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Im alltäglichen Sprachgebrauch wird kaum zwischen Aggressivität
und Gewalt unterschieden. Dabei lohnt sich das: Wer aggressiv sein
kann, kann sich für die eigenen Interessen stark machen und
das gehört wesentlich dazu die eigenen Grenzen
schützen. Aggressivität (vom Lateinischen aggredior, etwas
unternehmen, nahe herangehen) ermöglicht Begegnung und Auseinandersetzung,
und zwar an der Grenze. Da kann es heiss und heftig zugehen, aber
die Grenze bleibt gewahrt. Das ist der Unterschied zur Gewalt. Ein
Gewalttäter überschreitet die Grenzen anderer massiv.
Es ist kein Zufall, dass die meisten Gewalttäter vor
allem in Fällen häuslicher Gewalt eher zurückhaltende
und aggressionsgehemmte Typen sind.Wer die Fähigkeit zur aggressiven
Auseinandersetzung an der Grenze entwickelt, übt sich in Gewaltprävention.
Davon lese ich in der Geschichte von David sogar im zerstückelten
und «aggressionsgehemmten» Lesungstext.
Mit Israel lesen
1 Sam 26 ist Teil der Geschichte, die erzählt, wie David an
Sauls Stelle zum König aufsteigt (Kap.1631). Zwischen
Saul und David geht es um Konkurrenz und Macht. Aber auch um die
Frage, wer zum Königsamt berufen ist. Die Abenteuer Davids
waren beliebte Erzählungen und kursierten in verschiedenen
Versionen. Unsere Geschichte hat eine Parallele in Kap. 24: Saul
verfolgt David mit seinen Kriegern, um ihn zu töten. David
flieht, bekommt durch Geschick und Glück die Möglichkeit,
Saul zu töten, verschont aber sein Leben. Kap. 26 erzählt,
wie David und Abischai sich nachts in Sauls Lager schleichen, wo
dieser inmitten seiner Krieger schläft. Abischai will Saul
erstechen, aber David verhindert das. Er nimmt Sauls Speer und seinen
Wasserkrug mit, ohne dass jemand etwas davon bemerkt.Von einem Berg
auf der anderen Talseite ruft David zu Sauls Lager hinüber,
spricht aber nicht Saul an, sondern Abner, Sauls Heerführer.
Der wird leider vom Lesungstext weitgehend unterschlagen. David
verspottet Abner, der seinen Auftrag Saul zu schützen
nicht erfüllt hat (26,1416). Saul schaltet sich
nachdem er Davids Stimme erkannt hat in das Rededuell
ein (26,1721). David dominiert die Auseinandersetzung. Er
zündet ein wahres Feuerwerk rhetorischer Stilmittel, stellt
Fragen, die sich kaum beantworten lassen, bringt seine Gegner gegeneinander
auf und verharmlost sich mit viel Ironie als «Floh»
und «Rebhuhn» derart, dass die Aktionen Sauls ins Lächerliche
gezogen werden. Und dann zeigt David den Speer des Königs,
den Speer, mit dem Saul mehrmals sein Leben bedroht hat (1 Sam 18,11;
19,10) und gibt ihn zurück. Der Speer bezeichnet die
Grenze, die David gewahrt hat, die Achtung vor Sauls Leben, vor
dem Wert jedes Lebens. Die Mischna, im Traktat Sanhedrin 4.5, lehrt,
«dass jeder, der ein Leben zerstört, betrachet wird,
als hätte er eine ganze Welt zerstört, und jeder, der
ein Leben rettet, als hätte er eine ganze Welt gerettet».
Durch die Rückgabe des Speers gelangt das Zeichen dieser Grenze
in Sauls Lager und erinnert an sie. «Wie dein Leben heute
in meinen Augen wertvoll war, so wird auch mein Leben in den Augen
des Herrn wertvoll sein» (26,24). Saul soll diese Grenze ebenfalls
achten, er soll das Leben wie Gott als wertvoll erachten.
Die Aufstiegsgeschichte Davids ist kein neutraler Bericht, sie
verfolgt ein klares Ziel. Sie reagiert auf Vorwürfe, er habe
die Königsherrschaft unberechtigterweise und gewaltsam an sich
gerissen, und will ihren Helden von jeder Schuld reinwaschen. David
wird als der ideale König gezeichnet, von Gott und vom Volk
gleichermassen geliebt und getragen. Aber die biblische Davidsgeschichte
ist keine rein ideologische und bruchlose Heldenverehrung. Die Bibel
spart nicht mit massiver Kritik an David besonders verkörpert
durch den Propheten Natan (u.a. in 2 Sam 12). Die Nachträge
zu den Samuelbüchern (2 Sam 21) bewahren die Erinnerung, dass
David mit dem Haus Sauls schonungslos umging. Aber trotz aller Kritik
und Schattenseiten ist er für die Bibel derjenige, den Gott
erwählt und an Sauls Stelle zum König salben liess (bereits
in 1 Sam 16). David nimmt die Berufung und die Auseinandersetzungen,
die damit verbunden sind, an. Er setzt sich aktiv dafür ein,
durchaus auch aggressiv im anfangs beschriebenen Sinn: Er geht in
Beziehung, ganz nah heran. Er zeigt sich weithin sichtbar
auf dem Gipfel des Berges. Er sucht die Auseinandersetzung an der
Grenze: Er sorgt für seine Grenze, lässt genügend
Zwischenraum zum Gegner. Und er achtet dessen Grenze, seine physische
Unversehrtheit, sein Leben. David sieht ausserdem klar, dass es
hier nicht nur um zwei Personen geht. Andere sind involviert. Selbst
der König ist eingebunden in ein Geflecht von Mächten.
David hat einen scharfen Blick für Mächtige, hier für
Abner, den militärischen Arm Sauls. Die weitere Geschichte
wird zeigen, dass David mit Abner und den Abners dieser Welt noch
lange nicht fertig ist. Und auch David ist nicht allein. Er hätte
zulassen können, dass Abischai Saul tötet. Er hätte
sich selbst dann als unschuldig ausgeben können. Aber er nimmt
seine Verantwortung Abischai gegenüber wahr. Schliesslich weiss
David um die Bedeutung von Zeichen und Zeichenhandlungen. Der Speer
Sauls hat viel von seiner Durchschlagskraft verloren. Er wird in
Zukunft immer auch Zeichen für die Bewahrung des Lebens sein.
David ist sich selbst bewusst als einer, der ermächtigt ist,
der eigenen Berufung zu folgen. Er ringt darum, wie er das verantwortlich
und im Horizont seines Gottesglaubens gestalten kann, als «Gesalbter
des Herrn». «So viel Menschliches, Humorvolles, trotz
Ehre Gescheitertes und trotz Widerständen Gelungenes erfahren
wir sonst von keinem einzigen König des Altertums.»1
Mit der Kirche lesen
In jedem Leben geht es um Konkurrenz und Macht, in Beziehungen,
im Beruf, in der Gesellschaft, in der Kirche. Niemand kann sich
dem entziehen. Die Leseordnung stellt der Geschichte Davids einige
Verse aus der Bergpredigt zur Seite. Lesen wir diese Sätze
doch einmal als an Menschen gerichtet, die Macht haben: Menschen,
die etwas besitzen, denn sie können leihen und man kann ihnen
etwas wegnehmen; Menschen, die die Macht haben, zu richten und zu
verurteilen, zu messen und zuzuteilen; Menschen, die in Konkurrenz
und Auseinandersetzung stehen, die Feinde haben. Eindeutig ist,
dass die Weisungen der Bergpredigt Gewaltkreisläufe durchbrechen,
also Gewalt verhindern wollen. Keineswegs wollen sie aber verhindern,
dass Menschen sich für das einsetzen, wozu sie berufen und
ermächtigt sind, auch wenn die Davidsgeschichte der Aggressivität
gegenüber wohl weitaus aufgeschlossener ist. Gemeinsam ist
ihnen die Einsicht, dass es in unserem Handeln immer ein Gegenüber
gibt, das von gleicher Art und gleichem Wert ist. Das setzt eine
Grenze, die es unbedingt zu achten gilt. Bergpredigt und Davidsgeschichte
sind Weisungen zum Leben an dieser Grenze.
1 Thomas Staubli: Gott unsere Gerechtigkeit. Begleiter zu den Sonntagslesungen
aus dem Ersten Testament. Luzern 2000, 135. Dort finden sich weitere
wesentliche Hintergründe zum Text
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