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Wir verwalten die Geheimnisse Gottes

1 Kor 3,22b-4,1

Die Lektüre von Franz J. Hinkelammerts neuem Buch (Der Fluch, der auf dem Gesetz lastet. Paulus von Tarsus und das kritische Denken, Edition Exodus 2011) hat mich zu einem Ausdruck des Paulus aus dem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth und dem Brief an die Gemeinde in Ephesus geführt.
Zu einem Ausdruck der Ermächtigung:
"Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott. Als Diener Christi/des Messias soll man uns betrachten und als Verwalter von Geheimnissen Gottes (oikonomous mysterion theou)" (1 Kor 3,22b-4,1 nach der Einheitsübersetzung- die Kapiteleinteilung unterbricht hier, was zusammengehört).
"Verwalter/in bzw. Ökonom/in der Geheimnisse Gottes zu sein bzw, das gefällt mir, wenn es auch etwas fremd und technisch klingt. Was käönnte damit genauer gemeint sein?
In Eph 3,8-9 entfaltet Paulus mit Blick auf sein eigenes Wirken, wie er die Verwaltung der Geheimnisse Gottes versteht. Leider macht die Einheitsübersetzung nicht sichtbar, dass hier von oikonomia tou mysteriou die Rede ist und übersetzt:
"Ich soll den Heiden als Evangelium den unergründlichen Reichtum Christi verkünden und enthüllen wie jenes Geheimnis Wirklichkeit geworden ist". Enthüllung als eine Form der Verwaltung. Enthüllung wie es Wirklichleit geworden ist.
Drei Spuren kommen mir in den Sinn, denen ich nachgehen will:
- die Verbindung zwischen Paulus Zuspruch von Vollmacht, wir seien Verwalterinnen und Verwalter der Geheimnisse Gottes mit der rabbinischen Deutung von Dtn 30,12: "Nicht im Himmel ist sie (die Tora)" - in der Geschichte von den schiefen Wänden des Lehrhauses aus dem babylonischen Talmud (b. Baba Mezi'a 59b). Bei einem Streit über die Auslegung der Tora stand die Meinung Rabbi Eliesers gegen die der anderen Rabbiner. R. Elieser rief nach einander einen Baum, das Wasser eines Kanals und die Wände des Lehrhauses zu Hilfe. Der Baum veränderte seinen Standort, das Wasser floss rückwärts und die Wände begannen einzustürzen, um R. Elieser zu unterstützen. Aber R. Josua sprach den Wundern die Kompetenz in Fragen der Gesetzesauslegung ab. Die Wände des Lehrhauses blieben daraufhin geneigt stehen, aus Respekt vor beiden rabbinischen Streitparteien. R. Elieser rief schliesslich Gott selbst zu Hilfe, und eine Stimme aus dem Himmel sprach zu seinen Gunsten. Aber R. Josua entgegnete mit einem Zitat aus Dtn 30,12: «Lo baschamajim hu» - «Nicht im Himmel ist sie (die Tora)!» Die Tora wurde am Sinai geoffenbart und damit den Menschen zur Auslegung gegeben. Der Talmud erzählt, wie Gott sich nach diesem Wortgefecht zurückzieht und dabei schmunzelnd sagt: «Meine Kinder haben mich besiegt.»
- die kanonische Lektüre anderer biblischer Texte über Verwalterinnen und Verwalter (oikonomoi), insbesondere das Gespräch über treue und kluge Verwalter in Lk 12,42-46; Mt 24,45-51 und das Gleichnis vom ungetreuen Verwalter in Lk 16,1-8, der für seine Klugheit gelobt wird. Immerhin nennt ja Paulus als wichtigste Eigenschaft des Verwalters der Geheimnisse Gottes die "Treue" (1 Kor 4,2 - im Griechischen ist hier von pistis die Rede, nicht ein blinder Gehorsam klingt an, sondern Vertrauenswürdigkeit...).
Im Neuen Testament findet der Ausdruck (Verwalter/Verwaltung) sich noch in 1 Chr 26,30, 2 Chr 24,11, Jes 22,15, Mt 20,8, Lk 8,3, Phlm 1,1, Tit 1,7, Kol 1,25 und 1 Petr 4,10. Gibt es noch mehr Stellen? Übrigens: in der Taschenbuchkonkordanz zur Einheitsübersetzung kommt der Ausdruck nicht vor!?
- und eben die Frage, was die Verwaltung der Geheimnisse Gottes als Auftrag bedeuten kann. Hinkelammert legt eine Spur: "Die conditio humana schliesst die Verwirklichung des Geheimnisses aus. Die Konsequenz lautet deshalb: die Verwaltung des Geheimnisses. Es kann gegenwärtig gemacht werden, aber es muss immer wieder aufs Neue gewonnen werden" (S. 101f.)