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Gut und böse unterscheiden
1 Kön 3,5.7-12 und Mt 13,44-52
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Dem König Salomo erscheint Gott im Traum und fragt: "Was
soll ich dir geben?" Salomo wünscht sich ein hörendes
Herz, damit er Recht sprechen und gut und böse unterscheiden
kann. Was folgt - "das Wort war gut in den Augen Gottes"
- verweist auf die Schöpfungsgeschichten der Bibel. "Gott
sah, dass es gut war" heisst es mehrfach in Gen 1. Salomos
Wunsch entspricht der Schöpfungsordnung Gottes. Aber was ist
mit dem Unterscheiden von gut und böse? Kommt darin nicht gerade
der Bruch mit der Schöpfungsordnung zum Ausdruck? Eva und Adam
essen vom Baum der Erkenntnis von gut und böse, obwohl Gott
ihnen geboten hatte, genau das nicht zu tun. Hier, im ersten Buch
der Könige, ist es gut in den Augen Gottes, dass ein Mensch
gut und böse unterscheiden möchte. Ein Widerspruch? Gibt
es einen Unterschied zwischen der Erkenntnis von und der Unterscheidung
zwischen gut und böse? Das Unterscheiden zwischen Verschiedenem
ist das typische Wirken Gottes bei der Schöpfung. Gott unterscheidet
zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Wasser oberhalb und Wasser
unterhalb des Gewölbes, zwischen Wasser und Land und zwischen
all den Lebewesen nach ihrer Art. Unterschiede machen, differenziert
wahrnehmen, ist Schöpfungshandeln. Ist die Erkenntnis von Gut
und Böse etwas Anderes? Gar etwas Gegensätzliches?
Adam erkannte Eva
Das Wort "erkennen" gebraucht die Bibel auch für
die intime Beziehung zwischen Menschen. "Adam erkannte Eva
und sie gebar" heisst es in Gen 4,1. Im Erkennen liegt ein
Anerkennen gegründet: das Anerkennen des Anderen, des Verschiedenen,
das miteinander - und nur miteinander - fruchtbar sein kann. Aber
dass es neben dem Guten auch gleichberechtigt das Böse gibt,
das soll in Gottes guter Schöpfung nicht anerkannt werden.
Das Leben entsteht nicht aus dem Miteinander von gut und böse.
Das Leben ist kein ewiger Kreislauf von gut und böse, auch
wenn es so scheint, vor allem beim Blick auf die Menschheitsgeschichte.
Nein, der Glaube an den Gott der Schöpfung und der Befreiung,
der Glaube an den Gott der Bibel, ist die radikale Absage an den
Sinn des Bösen und an das unabänderliche Schicksal. Dieser
Glaube erkennt das Böse neben dem Guten nicht an. Es soll nicht
sein und es muss nicht sein.
Gott ist anders
Gott ist anders. Die Schöpfung ist anders, das Leben des Menschen
kann anders sein. Damit diese andere Möglichkeit des Lebens
nicht vergessen geht und damit sie das Zusammenleben von Menschen
prägen kann, braucht es die Unterscheidung, zwischen gut und
böse. So kann Recht gesprochen und Gerechtigkeit geschaffen
werden. Darum bittet Salomo. Damit diese andere Möglichkeit
des Lebens nicht vergessen geht und damit sie das Zusammenleben
von Menschen prägen kann, braucht es Geschichten davon und
Bilder dafür. Bilder für den Himmel auf Erden und wie
er mitten unter uns werden kann. Bildworte wie in den Gleichnissen
Jesu. Zum Beispiel das vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle
und den Menschen, die Schatz und Perle erkennen. Der Schatz im Acker
kehrt den Fluch der Vertreibung aus dem Paradies um. Der Ackerboden
gibt seine Schätze frei, ganz ohne Schweiss und Mühe.
Das daran anschliessende, eher unbekannte Gleichnis führt zurück
zu Salomo: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Netz,
das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen. Als es voll
war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, lasen die
guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber
warfen sie weg" (Mt 13,47-48). Die Unterscheidung zwischen
gut und böse dient dem Himmel auf Erden, dem guten Leben in
Fülle. Salomo bittet um ein hörendes Herz. Das Herz ist
in der Bibel der Sitz des Verstandes. Ein hörendes Herz ist
ein Verstand, der differenziert wahrnimmt. Der hört, dass es
auch ganz anders sein kann.
Peter Zürn
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