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Eine Lehrstunde gegen Fanatismus
Zu den Lesungen am 13. Sonntag im Jahreskreis
Lesungen: 1 Kön 19,16b.1921; Gal 5,1.1318
Evangelium: Lk 9,5162
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Religiöser Fanatismus ist ein aktuelles Problem, in allen
Religionen. Auseinandersetzung damit tut not. Wir können dabei
aus Elijas Geschichte lernen.
Mit Israel lesen
Was willst du hier, Elija? Zweimal wird dem Propheten diese Frage
gestellt (1 Kön 19,9.13b). Zweimal gibt er die gleiche Antwort,
spricht von seinem leidenschaftlichen Eifer für Gott und klagt
die Israeliten an. Sie hätten den Bund Gottes verlassen, seine
Altäre zerstört, seine Propheten mit dem Schwert getötet
und trachteten nun auch ihm, Elija, nach dem Leben. Diese Anklage
ist durch die vorhergehenden Erzählungen nicht gedeckt. Dort
werden mit König Ahab und Königin Isebel die Verantwortlichen
für die Geschehnisse präzise benannt, das Volk wird schlimmstenfalls
als «schwankend» bezeichnet (18,21). Elijas Anklage
ist heftig, pauschal und ungerechtfertigt. Fragt Gott deswegen zweimal
nach? Offensichtlich lässt Elijas Eifer ihn völlig die
Proportionen und den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren. Der verbitterte
und einsame Eiferer sieht überall nur noch Feinde, es gibt
nur noch schwarz und weiss. Die jüdische Tradition hat sich
denn auch am Beispiel Elijas kritisch mit (religiösem) Eifer
auseinandergesetzt. Seine Gottesbegegnung am Horeb (1 Kön 19)
hat eine Parallele in der Begegnung des Mose mit Gott (Ex 33,1823).
Der Vergleich fällt für Elija aber negativ aus. «Mose
ringt um die Annäherung Israels an seinen Gott. Nur einen Wunsch
hegt er: Gott möge seinem Volk verzeihen (.. .). In allen Geschichten
Elias aber kein einziges Gebet, das der Prophet zugunsten seines
Volkes gesprochen hätte. Am Horeb klagt er an, statt Gründe
für die Entschuldigung Israels zu suchen» (R. J. Jacobson).
Für die Rabbinen ist die Erzählung 1 Kön 19 eine
Lehrstunde Gottes für den Eiferer Elija. «Gott wünschte,
dass Elija für Israel um Erbarmen flehen sollte, nicht um seine
Vernichtung, und daher zeigte Er ihm die Verderben bringenden Dinge,
wie den mächtigen Wind (.. .), das Beben und das Feuer»
(R. Levi ben Gerson). «Ein Übel kann nicht am besten
durch Sturm und Feuer überwunden werden (.. .), sondern vielmehr
eher durch die Ruhe und Geduld eines unbezähmbaren Glaubens,
wie auch durch die unablässige Arbeit, die die Frucht dieser
Geduld und dieses Glaubens ist» (R. J. H. Hertz).
Für den Umgang mit Eiferern empfiehlt darum der Talmud prinzipiell:
«Kommt jemand, um sich zu beraten (ob er eine eifernde Tat
begehen solle), so lehrt man ihn: nicht» (b.San 82a). Der
Eifer ist letztlich nur bei Gott gut aufgehoben: «Wer einen
Eifer hat und dennoch schweigt, dem schafft Er Recht» (b.Gitin
7a).
Elija ist auf der Flucht und wünscht sich den Tod. Wie Mose
um das Volk ringt, so ringt Gott um Elija. Zweimal fragt Gott, will
den in seiner Depression stumm Gewordenen zum Reden bringen. Das,
was sich in Elija angesammelt hat, soll nach aussen kommen, damit
sich Elija vielleicht über seine widersprüchlichen Gefühle
klar werden und sich dazu verhalten kann, damit er zu verstehen
beginnt, was er hier tut und was er will. Aber die Fragen lösen
bei Elija keinen Prozess aus, er wiederholt stereotyp seine Vorwürfe,
sieht die Schuld allein bei den anderen. Was kann jetzt noch helfen?
Gottes Intervention ist radikal: Geh zurück und salbe Elischa
zum Propheten an deiner Stelle. Such dir deinen eigenen Nachfolger.
Elija wird mit seiner eigenen Endlichkeit und Ersetzbarkeit konfrontiert,
wird angewiesen, sich damit auseinanderzusetzen. Und: Der Einzelkämpfer
Elija soll sich mit einer anderen Person zusammentun, soll sich
verbinden mit einem aus dem Volk, das er gerade so grundsätzlich
und pauschal abgeurteilt hat. Mitten hinein in dieses Volk führt
ihn der Auftrag. Zu Elischa, der bereit ist, der Berufung entschieden
und radikal zu folgen, denn indem er seine Rinder schlachtet und
ihr Holzgeschirr verbrennt, vollzieht er den Bruch mit seinem bisherigen
Leben. Gleichzeitig nimmt er aber die Beziehungen, in denen er lebt,
ernst und gestaltet sie. Er gestaltet Abschiede, indem er noch einmal
in Beziehung geht und ausdrückt, was an diesen Beziehungen
wesentlich ist: Liebe und Dankbarkeit im Küssen der Eltern,
Verantwortung für das Wohlergehen seiner Leute im Kochen des
Fleisches. So kann sich Elischa verabschieden und frei werden für
seine neue Berufung.
In der Geschichte spielt der Mantel des Elija eine besondere Rolle.
Im Vorübergehen wirft er ihn über Elischa und ruft ihn
so unmissverständlich in seinen Dienst. Noch zweimal ist der
Mantel in den Elija- Geschichten von Bedeutung. Als Elija nach dem
Sturm, dem Erdbeben und dem Feuer das sanfte, leise Säuseln
hört, hüllt er sein Gesicht in den Mantel, tritt aus der
Höhle hinaus und hört Gottes Stimme. In 2 Kön 2 schlägt
Elija mit seinem Mantel aufs Wasser des Jordan, das sich teilt,
so dass er und Elischa trockenen Fusses hinübergehen können.
Das Meerwunder, der Exodus werden gegenwärtig. Der Mantel spielt
eine Rolle, wenn Elija in Beziehung kommt, mit Gott, mit anderen
Menschen, mit der Glaubenstradition, in der er steht. Der Mantel
ist Sinnbild für die Person und die Rechte seines Eigentümers.
Er verweist Elija darauf, dass er als Person, ganz existentiell,
angewiesen ist auf Beziehung, zu Gott, zu anderen, zur Tradition.
Und er weist darauf hin, dass Elija berechtigt ist, diese Beziehungen
zu suchen, sich für sie zu öffnen. Berechtigt nicht durch
seinen Eifer und seine Leistungen, sondern gerechtfertigt als Person,
als Mensch, als Wesen, das allein aufgrund von Beziehungen lebt.
Mit der Kirche lesen
Das Verhalten Jesu gegenüber Jakobus und Johannes, die das
ungastliche Dorf mit Feuer vom Himmel vernichten wollen, entspricht
den biblischen und rabbinischen Interventionen gegen Eiferer. In
9,61f. wird dann ausdrücklich auf die Berufung des Elischa
Bezug genommen. Wünscht sich Jesus anderes, ja radikaleres
Verhalten als das Elischas? Mir scheint, es kommt ihm weniger auf
die konkrete Handlung an als auf die Haltung dahinter, auf die Blickrichtung
dabei. In 9,58 reagiert Jesus auf die Erfahrung im samaritanischen
Dorf, die Aussage lässt sich aber auch anthropolgisch lesen:
Menschen sind nicht wie Füchse und Vögel an ihre natürliche
Umwelt angepasst. Wir sind auf kulturelle Schöpfungen angewiesen
und damit auf andere Menschen, auf Beziehungen, auf Liebe. «Du
sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» So fasst
die Lesung aus dem Galaterbrief die ganze Tora zusammen. Genauer
wäre die Übersetzung: «Liebe deinen Nächsten,
er ist wie du», nämlich wesentlich und notwendig darauf
angewiesen. Der Galaterbrief unterscheidet das Leben nach dem Geist
vom Leben nach dem Fleisch. Fulbert Steffensky sieht im Leben nach
dem Fleisch den Zwang, sich selbst machen zu müssen, von der
eigenen Leistung, dem eigenen Erfolg abhängig zu sein. Elija
wüsste, wovon er spricht. Leben nach dem Geist heisst dann
in Heiterkeit Fragment sein zu dürfen, weil der Geist für
uns eintritt und Gott vollendet, was unvollendet bleibt. «Geh
und salbe Elischa zum Propheten an deiner Stelle» ist die
radikale und herausfordernde Einladung dazu.
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