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Gedanken und Informationen zum 1. Johannesbrief
aus: WerkstattBibel Band 11

Der reformierte Pfarrer Kurt Marti hat 1982 in einer Predigtreihe zum 1. Johannesbrief formuliert, was daran heute besonders aktuell ist: die Botschaft und die Art wie sie vorgebracht wird. "Der 1. Johannesbrief verkündet Gott als Liebe. Dass dennoch kein einziges der bisherigen Glaubensbekenntnisse diesen johanneischen Kronsatz "Gott ist Liebe" aufgenommen hat, ist bereits Grund genug, sich mit diesem neutestamentlichen Brief zu befassen … Mit dem Satz "Gott ist Liebe" kann eben keine Herrschaftshierarchie, keine Machtstruktur … abgesegnet und gerechtfertig werden … "Gott ist Liebe" heisst hier nicht: er ist nett, jovial, gutmütig etc. "Gott ist Liebe" heisst hier im Gegenteil: er ist radikal! Darum ist der 1. Johannesbrief ein Kampfbrief, der mit Vehemenz gegen damalige Versuche in den Gemeinden kämpft, die darauf ausgingen, die Radikalität der Liebe Gottes abzuschwächen und z.B. ihre bedingungslose Fleischwerdung in Jesus Christus zu bestreiten. Dadurch wurde die Gemeindewerdung der Liebe, ebenso aber die soziale und politische Entfaltung der Liebe als Gerechtigkeit hintertrieben. Gegen solche Ent-Radikalisierung der Liebe Gottes kennt Johannes keine Nachsicht". Die Botschaft von der Liebe, die kämpferische Art sie vorzubringen, kurz: die Radikalität, begegnet uns auch in unserem Textabschnitt. Gehen wir am Text entlang.

"Liebe Brüder und Schwestern"
An dieser Stelle wirkt der Erste Johannesbrief (1Joh) wie ein "richtiger" Brief. Insgesamt fehlen ihm aber viele Elemente, die einen Brief ausmachen: der Absender, die genaue Angabe der Adressaten, die Anrede am Briefanfang, Reaktionen auf frühere Äusserungen der Empfänger, Grüsse am Briefschluss... Vom Inhalt her wirkt er eher wie ein theologischer Traktat oder eine Streitschrift. Sein Anliegen ist aber das eines Briefes: Er ist ein Gesprächsbeitrag in der schwierigen Situation christlicher Gemeinden. Dabei handelt es sich um Gemeinden in der sogenannten "johanneischen Tradition". In ihnen entstand (zwischen 80 und 90 n. Chr.) das vierte Evangelium, das seit dem Kirchenlehrer Irenäus (gest. 202) dem Jünger Johannes zugeschrieben wird. Die Johannesbriefe stehen dem Johannesevangelium inhaltlich und sprachlich sehr nahe, entsprechend wurden sie in der frühen Kirche dem gleichen Autor zugeordnet. Die Johannesbriefe stammen aber aus etwas späterer Zeit (zwischen 95 und 110 n.Chr.) und zeigen eine veränderte Gemeindesituation. Das Evangelium spiegelt vor allem den Konflikt der johanneischen Gemeinden mit dem Judentum ihrer Zeit und ihre zunehmende Aus- und Abgrenzung wider. Diese Erfahrung hatte die Gemeinden im Innern eng zusammengeschweisst. 5 bis 10 Jahre später sind es nun innere Konflikte und Spaltungen, die die Gemeinden zu zerreissen drohen. Darauf reagieren die Johannesbriefe mit ihrem Aufruf zur Prüfung der Geister.

"Denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen"
Als Folge der Ab- und Ausgrenzung vom Judentum haben sich die johanneischen Gemeinden neu ausgerichtet. Geographisch sind sie zur Zeit der Johannesbriefe vermutlich in den Städten Kleinasiens, z.B. Ephesus, zu finden. Die theologische Auseinandersetzung findet jetzt mit antiken Philosophien und religiösen Vorstellungen statt. Deren Faszination und Überzeugungskraft war wohl so stark, dass es bereits zu Abspaltungen gekommen war (vgl. 2,19), so dass ein streitbares Thesenpapier als Diskussionshilfe für die bedrängte Gemeinde nötig schien, eben 1Joh. Dabei ging es nicht mehr darum, die bereits abgeworbenen Gemeindemitglieder zurückzuholen, sondern der "Rest der Getreuen" sollte "an die johanneische Tradition gebunden und durch die Erinnerung an den Anfang aufs Neue motiviert werden" . Seine (innergemeindlichen) Gegner bezeichnet 1Joh dabei als "Antichristen" und "falsche Propheten" (z.B. 2,19;4,1;4,3)

"Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus ist im Fleisch gekommen, ist aus Gott"
Die johanneischen Gemeinden hatten mit schwerwiegenden theologischen Meinungsverschiedenheiten zu kämpfen. Im Kontext der hellenistisch denkenden Antike war in erster Linie die Vorstellung von einem menschlichen Erlöser ein Problem. Innerhalb der christlichen Bewegung führte das zu zwei Entwicklungen: Die Doketisten (vom Griechischen dokein = scheinen) erklärten, dass Jesus nur einen "Scheinleib" hatte, sein Körper nur eine Hülle Gottes war, so dass am Kreuz gar nicht Gott selbst starb. In der Gnosis (griechisch = Erkenntnis) wurde Christus als ein göttliches Geistwesen verstanden, das die göttlichen Lichtfunken in den Menschen aus der niederen Materie befreit, indem es eine besondere Botschaft hinterlässt. Sie ist nicht allen zugänglich, mit ihrer Hilfe können aber die Gnostiker, d.h. die Erkennenden, die Welt hinter sich zurücklassen und göttlich werden . Die Irrlehrer, die 1Joh bekämpft, vertraten vermutlich sowohl doketische als auch gnostische Ansichten. Sie konnten an Tendenzen innerhalb der johanneischen Tradition anknüpfen und sie einseitig weiterführen. Schon das Johannesevangelium und vor allem die Passionsgeschichte stellen Jesus als den souverän Handelnden vor, der am Kreuz nicht als Leidender erscheint, sondern als Erhöhter die Herrlichkeit Gottes sichtbar macht. 1Joh betont dagegen als entscheidendes Kriterium für die Prüfung der Geister das Bekenntnis zu Jesus Christus, der im Fleisch gekommen ist, also das Bekenntnis zur Menschlichkeit Jesu.

"Sie sind aus der Welt … wir aber sind aus Gott"
Die Unterscheidung von Welt und Gott wirkt auf den ersten Blick wie ein dualistisches Weltbild, wie es auch der Gnosis eigen ist. Im kosmischen Dualismus der Gnosis hat Gott als überweltliche Gestalt keinen Anteil an der Welt. Die Welt wird von bösen Kräften beherrscht und ist eine dem Menschen feindliche Macht. In der johanneischen Tradition wird die Welt ebenfalls kritisiert. Sie ist von Gott abgefallen und weigert sich ihn aufzunehmen (vgl. den Prolog des Evangeliums Joh 1). Sie bleibt aber Gottes Schöpfung und sein Eigentum. "Welt" in der johanneischen Tradition meint die Welt, wie sie durch die Abkehr von Gott geworden ist, also die herrschende sündige Weltordnung. Auf dieser Grundlage unterscheidet 1Joh die Geister in der Welt. So kommt es zur scheinbar paradoxen Kritik, dass die Geister, die die Menschlichkeit Christi, das Fleischwerden Gottes in dieser Welt, nicht wahrhaben wollen, gerade "aus dieser Welt" sind.
1Joh verwendet bei seiner Kritik ein kompromissloses Schwarz-Weiss-Denken, das uns heute problematisch erscheint, weil dadurch die Gefahr besteht, Andersdenkende kategorisch abzuwerten. Dagegen spricht, dass 1Joh für eine konkrete Gemeindesituation geschrieben ist. Er kann nicht einfach verallgemeinert werden. Ausserdem dürfte die Absicht der Abgrenzungen mehr nach innen als nach aussen gerichtet sein: "Sie dienen weniger der Polemik gegen andere als der Selbstvergewisserung … Das heisst: Im Bild der Gegner zeigt der Autor, was seine Leserinnen und Leser niemals werden sollen … Indem er anhand der Gegner illustriert, was geschieht, wenn man den Christusglauben aufgibt, motiviert er zu einer klaren Entscheidung und zu ethischem Handeln, das im Glauben ermöglicht wird" . So verhelfen Abgrenzungen bei aller Problematik, die kritisch zu befragen ist - zur eigenen Identitätsfindung.

"Wir wollen einander lieben"
Die Unterscheidung der Geister im Glauben an Jesus Christus, das Bekenntnis zum Gott, der Fleisch geworden ist, mündet in Fragen des praktischen Zusammenlebens. Die Geister und Denkweisen, die der Brief ablehnt, haben massive Auswirkungen auf das Verständnis von Nachfolge. Doketismus verhindert letztlich jede Nachfolge Christi. Wir sind ja kein Gott, wir sind nicht Jesus! Und gnostisches Denken achtet die Welt, in der wir leben, gering. Engagement in dieser Welt ist nicht sinnvoll, es gilt diese Welt zu überwinden. Der Glaube ist ein Weg aus der Welt hinaus. Die gnostische Zweiteilung in Erkennende und Nichterkennende schafft zudem eine Zwei-Klassen-Gesellschaft und verhindert so echte Gemeindebildung. Dagegen betont 1Joh immer wieder die Liebe: die Liebe Gottes zu uns Menschen, die erfahrbar wird in Jesus Christus und die ins Leben der Menschen miteinander hineinwirkt. "Wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben" (4,11).

"Jeder Geist, der bekennt … daran erkennen wir"
"Erkennen" ist ein zentraler Begriff in 1Joh und auch schon im Johannesevangelium. Im Evangelium geht es darum, dass der einzelne Mensch und die Welt durch Jesus Gott erkennen (Joh 8,28; 10,14). Auch aus dem Verhalten der NachfolgerInnen Jesu soll die Welt Gott erkennen können (Joh 13,53; 17,23). In den Johannesbriefen geht es um Erkenntisprozesse inmitten der christlichen Gemeinde. Die Fragen lauten: Woran können wir erkennen, ob wir richtige Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu sind? Sind wir noch auf dem richtigen Weg? Die Erkenntnis geschieht dadurch, dass die Gemeinde befähigt wird, zu unterscheiden zwischen rechten und falschen Glauben sowie zwischen recht und falsch Handelnden. Zur Gotteserkenntnis tritt jetzt also die Menschenkenntnis hinzu. Dabei bekommt die Praxis der Einzelnen und der Gemeinde einen hohen Stellenwert: "Wenn wir seine Gebote halten, erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben" (1Joh 2,3). Dieses neue Verständnis von Erkenntnis hat Folgen für die Vorstellung von Gemeinschaft. Während im Johannesevangelium vor allem die Gemeinschaft mit Jesus und dadurch mit Gott im Zentrum stand, geht es jetzt in erster Linie um die Gemeinschaft in der Gemeinde. Das spiegelt ein Stück Kirchengeschichte wider. In einer wachsenden und sich festigenden Kirche stehen die Mitglieder vor der Aufgabe, sich auf glaubwürdige christliche Lebensformen und Bekenntnisse zu einigen. Die Johannesbriefe zeigen, dass das ein längerer und konfliktreicher Prozess war, der letztlich bis heute fortdauert. Er ist aber unverzichtbar, um eine eigene Identität zu bilden, und um für andere erkennbar zu sein.

"Er hat uns von seinem Geist gegeben"
Der Autor von 1Joh bleibt anonym. Er rechnet sich einem Kreis von Zeugen zu (1,1-5) und beansprucht eine gewisse Autorität gegenüber den Adressaten, die er manchmal mit "Kinder" anredet. Aber sein Brief ist nicht das Schreiben einer übergeordneten Instanz, die für sich das letzte Wort beansprucht. Es ist ein engagierter Gesprächsbeitrag im aktuellen Konflikt. Die Adressatinnen und Adressaten werden als ebenbürtige Partner im Glauben ernstgenommen. Sie haben sich bereits bewährt (4,4ff.; vgl. 2,12ff.). Die bisherige Erfahrung der Gemeinde wird wahr- und ernstgenommen. Sie ist vom Geist erfüllt und getragen (vgl. 3,24). Die Unterscheidung der Geister und die Entscheidung zu einem gemeinsamen Bekenntnis und verbindender Praxis muss letztlich von der Gemeinde als Ganzer getroffen werden.