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Zu tanzen beginnen
Zu den Lesungen an Maria Himmelfahrt
Alttestamentliche Lesung: 1 Chr 15,34.1516; 16,12
Evangelium: Lk 11,2728
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«Warum eigentlich war er so lange nicht mehr hierhergekommen?
Die Stadt hatte ihm doch das Leben gerettet damals in jungen Jahren
(.. .). In dieser wunderbaren, grossen Stadt hatte er tatsächlich
zu tanzen begonnen. Er hatte sich nicht aufgegeben, sondern er hatte
(. ..) zum ersten Mal in seinem Leben begonnen, an sich selber zu
glauben.»1 Der Basler Kriminalkommissär Peter Hunkeler,
die Hauptfigur der Kriminalromane von Hansjörg Schneider, wird
durch einen Toten und dessen Lebenserinnerungen in einem alten blauen
Heft mit den Wahrheiten seines eigenen Lebens in Berührung
gebracht. Er stellt sich alten Ängsten, geniesst das Schwimmen
im Rhein, reist nach Paris und erfährt, wie segensreich es
ist, aus der Reihe zu tanzen. Um Vergleichbares geht es in der heutigen
Lesung.
Mit Israel lesen
Die Bücher der Chronik sind Bibelauslegung innerhalb der Bibel.
Dem Lesungstext, der beschreibt, wie die Bundeslade von König
David nach Jerusalem gebracht wird, liegt die gleiche Erzählung
aus 2 Sam 6 zugrunde. 1 Chr 15 nimmt sie auf und legt sie nacherzählend
aus durch Erweiterungen, Weglassungen, Akzentsetzungen. Die
Vorgeschichte berichtet, dass der Transport der Bundeslade unterbrochen
wird, als ein Israelit mit Namen Usa stirbt, nachdem er die Lade
berührt hat. Daraufhin bekommt David Angst und die Lade bleibt
drei Monate lang im Haus von Oded-Edom stehen. Schliesslich entscheidet
sich David doch dafür, den Transport fortzusetzen. Die beiden
Bibelstellen geben dafür verschiedene Gründe an. Nach
2 Sam 6 ist es die Erfahrung, dass das Haus Obed-Edoms von Gott
gesegnet wurde, die David ermutigt. In 1 Chr 15 entdeckt er einen
Verstoss gegen eine Weisung aus der Tora, genauer aus Num 1,4851,
wonach Leviten die Lade tragen sollen. Also gibt David ihren Familienoberhäuptern
diesen Auftrag, denn «weil ihr beim ersten Mal nicht beteiligt
ward, hat Gott Unglück über uns gebracht» (1 Chr
15,12).
Mit der Bundeslade verbinden sich unterschiedliche biblische Vorstellungen
(Kriegsheiligtum, Aufbewahrungsort der Gesetzestafeln, Ort der Offenbarung
Gottes...). Hier ist sie der Ort, an dem Gott in besonderer Weise
gegenwärtig ist und an dem die Begegnung mit Gott besondere
Wirkung zeigt, todbringend und lebensspendend. Die Lade bringt Menschen
in Berührung mit den lebensspendenden und todbringenden Wahrheiten
des Lebens. Kein Wunder, dass das grosse Angst auslöst.Was
hilft dagegen? Was ermutigt David dazu, die Lade in «seine»
Stadt, in seine Nähe zu bringen? Es hilft, die Erfahrung des
Segens im eigenen Leben zu machen und ihm zu trauen und es hilft,
sich an den überlieferten Weisungen der Tora zu orientieren,
im Vertrauen darauf, dass sie dem Leben dienen. Beides macht den
toten Usa nicht mehr lebendig, beides macht Tränen über
verlorenes oder verpasstes Leben nicht überflüssig. Beides
braucht Zeit, drei Monate bleibt die Lade stehen. Beides nimmt die
Angst nicht einfach weg, aber beides weist Wege, wie trotzdem irgendwann
wieder gesungen und getanzt werden kann. Die Texte lassen offen,
worin der Segen genau bestand, der David gegen die Angst half. Segen
im biblischen Sinn bedeutet konkret erfahrbare Fülle des Lebens,
reichlich zu essen, warme Kleider, guter Schlaf, friedliches Zusammenleben,
Fruchtbarkeit aller Art... Wie könnte das im Hause Obed-Edom
ausgesehen haben? Wie sieht der Segen in den Häusern unseres
Lebens aus?
Wie passt dazu die Weisung, dass Leviten die Lade tragen sollen?
Die Chronikbücher entstanden vermutlich in levitischen Kreisen,
die sich neu ins Spiel bzw. in die Geschichte bringen, indem sie
an alten Traditionen anknüpfen. Sie glauben an ihre Rolle in
der Geschichte und schildern ausführlich die Musik und den
Gesang, mit dem sie den Tanz Davids begleiten (1 Chr 15,1628).
Es geht aber um mehr als um Interessenvertretung. Zur Vorbereitung
ihres Dienstes «heiligen» sich die Levitinnen und Leviten
(1 Chr 15,12.14). Die Chronikbücher sind geprägt von einer
Theologie der Heiligkeit, von der Ausrichtung auf die Gegenwart
Gottes, des Heiligen, unter den Menschen. Das ist für sie das
Zentrum der Tora, darauf richtet sich ihr Hauptgebot, Gott mit ganzem
Herzen und ganzer Seele zu dienen. Die Chronik versteht dieses Gebot
in erster Linie sakralrechtlich (andere biblische Traditionen ethisch).
Ihr Programm lautet: «Respekt vor den heiligen Dingen im Kult
und dem heiligen Wort Gottes (. ..) bringt Segen und Wohlergehen
mit sich.»2 Letztlich geht es also um das Wohlergehen von
Menschen, um den Segen Gottes, der darin zum Ausdruck kommt. In
dieser Perspektive sind sich die Erzählung aus 2 Sam 6 und
ihre Auslegung in 1 Chr 15 einig.
Für die Chronik ist der Tempel in Jerusalem der zentrale Ort
der Gegenwart Gottes, der Kult dort zentraler Ausdruck der sakralen
und heiligenden Ordnung. Das mag heute, 2000 Jahre nach der Zerstörung
dieses Tempels, überholt erscheinen. Darüberhinaus besteht
die Gefahr, dass die Sorge um die sakrale Ordnung von der Sorge
um gerechte Beziehungen abgekoppelt wird, dass Gottes Heiligkeit
und Gerechtigkeit voneinander getrennt werden. Vor dieser Gefahr
steht jede Religion. Die Bücher der Chronik selbst weisen den
Weg darüber hinaus, indem sie sich an der Tora und ihrem Hauptgebot
ausrichten. In der Tora kommen Heiligkeit und Gerechtigkeit zusammen.
Die Weisungen der Tora dienen dazu, Gottes lebensschaffende Gegenwart,
erfahrbar zu machen. Das kann helfen, Angst zu überwinden,
so kann das Leben gerettet werden und deswegen beginnen mitunter
Menschen in Jerusalem, Paris und Basel zu tanzen.
Mit der Kirche lesen
«Selig ist der Schoss, der dich getragen hat und die Brust,
an der du dich genährt hast In der Tat, selig sind die,
die das Wort Gottes hören und bewahren.» Das Evangelium
nimmt exakt auf, was nach 2 Sam und 1 Chr dazu ermutigt, die Angst
vor dem Tod zu überwinden: die Erfahrung des Segens im eigenen
Leben und das Vertrauen auf die lebensfördernden Weisungen
des Wortes Gottes. Wir alle haben das Getragen- und Genährtwerden
am Anfang unseres Lebens erfahren. Die Erinnerung daran geht leider
oft verloren. Die Marienfeste können gegen die «Geburtsvergessenheit»3
wirken. Mit dem Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel lässt
sich die Frage nach dem gelingenden Leben verbinden. In Erinnerung
an unser Geborensein ist gelingendes Leben die Einwilligung in den
Fortgang des Lebens, das Weitergeben einer empfangenen Wohltat.
So schwimmen wir gleichsam mit im Fluss des Nährens und Genährtwerden.
Kommissär Hunkeler schwimmt im Rhein, lässt sich tragen,
erinnert sich weit zurück: «Finger und Zehen ausgestreckt,
ein Flossenfüsser, im Hals die Kiemen, im Ohr das Geschiebe
der Kiesel. » Das Wort Gottes bewahrt die Erinnerung an unser
Hineingeborensein in einen geschenkten Reichtum, daran, dass die
Liebe Gottes all unserem Handeln vorausgeht. Die Tora setzt diese
Erinnerung in Weisungen für ein gelingendes Leben um. Es dient
unserem Wohlergehen, sie zu bewahren und immer wieder neu auszulegen
und das durchaus vielstimmig.
1 Hansjörg Schneider: Flattermann. Bergisch Gladbach 4 2007,
157.
2 Georg Steins: Die Bücher der Chronik, in: Erich Zenger u.
a.: Einleitung in das Alte Testament. Stuttgart 3 1998, 232.
3 Ina Prätorius: Handeln aus der Fülle. Gütersloh
2005, 96.
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